Die ver­zö­ger­te Geburt eines Kin­des

Wird nach den fest­ge­stell­ten Auf­fäl­lig­kei­ten bei den Herz­fre­quenz­wer­ten des Kin­des zur Ver­mei­dung einer mög­li­chen Kin­des­schä­di­gung nicht sofort die Geburt durch eine Schnitt­ent­bin­dung been­det, son­dern um ca. 30 min ver­zö­gert, müs­sen die­se Maß­nah­men als grob feh­ler­haft bewer­tet wer­den.

Die ver­zö­ger­te Geburt eines Kin­des

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den, dass dem kla­gen­de Land­schafts­ver­band aus über­gan­ge­nem Recht ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen ein Kran­ken­haus und den dor­ti­gen Ärz­ten zusteht für ein mit gra­vie­ren­den Geburts­schä­den gebo­re­nes Kind. Gleich­zei­tig ist das erst­in­stanz­li­che Urteil des Land­ge­richts Bochum bestä­tigt wor­den. Der kla­gen­de Land­schafts­ver­band ist Kos­ten­trä­ger des im Novem­ber 2002 mit gra­vie­ren­den Geburts­schä­den gebo­re­nen Jun­gen. Aus über­gan­ge­nem Recht hat er das beklag­te Kran­ken­haus aus Wit­ten und die dort täti­ge beklag­te Ärz­tin wegen geburts­hilf­li­cher Behand­lungs­feh­ler auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men. Der infol­ge man­geln­der Sauer­stoff­ver­sor­gung bei der Geburt schwer hirn­ge­schä­dig­te Jun­ge kam im beklag­ten Kran­ken­haus zur Welt. Wäh­rend des von der beklag­ten Ärz­tin betreu­ten Geburts­vor­gan­ges san­ken die Herz­fre­quenz­wer­te des Kin­des zeit­wei­se lebens­ge­fähr­lich ab. Eine Blut­gas­un­ter­su­chung unter­blieb. Anstel­le einer Schnitt­ent­bin­dung wur­de die Mut­ter zunächst ca. 15 Minu­ten und ohne Beschleu­ni­gung des Geburts­vor­gangs auf einen Geburts­ho­cker gesetzt, bevor es unter Ein­satz von Kris­tal­ler­hil­fe schließ­lich zu einer – im Ver­gleich zu einer Schnitt­ent­bin­dung – um ca. 23 Minu­ten ver­zö­ger­ten, spon­ta­nen Geburt kam. Der kla­gen­de Land­schafts­ver­band hat die Fest­stel­lung der Scha­dens­er­satz­pflicht der Beklag­ten begehrt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat sich das Ober­lan­des­ge­richt Hamm auf ein ein­ge­hol­ten
medi­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten gestützt. Nach den fest­ge­stell­ten Auf­fäl­lig­kei­ten bei den Herz­fre­quenz­wer­ten des Kin­des sei der ca. 30-minü­ti­ge Ver­such, die Geburt unter Anwen­dung des Geburts­ho­ckers zu för­dern, feh­ler­haft gewe­sen. Wegen der Gefahr einer Kin­des­schä­di­gung habe man sich für eine sofor­ti­ge Been­di­gung der Geburt durch eine Schnitt­ent­bin­dung ent­schei­den müs­sen. Die anstel­le einer Schnitt­ent­bin­dung in den letz­ten ca. 45 Minu­ten vor der Geburt durch­ge­führ­ten Maß­nah­men sein medi­zi­nisch nicht mehr nach­voll­zieh­bar und des­we­gen grob feh­ler­haft. Hier­durch tre­te eine Beweis­last­um­kehr ein. Des­we­gen haf­te­ten die Beklag­ten für den Scha­den des Kin­des, auch wenn nicht sicher fest ste­he, ob die­ser erst infol­ge der ca. 23-minü­ti­gen Ver­zö­ge­rung vor der Geburt oder bereits zuvor ein­ge­tre­ten sei.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 16. Mai 2014 – 26 U 178/​1; anhän­gig beim BGH VI ZR 272/​14