Die vom Insol­venz­ver­wal­ter frei­ge­be­ne Eigen­tums­woh­nung – und die Nach­trags­ver­tei­lung des Ver­äu­ße­rungs­er­lös

Der Nach­trags­ver­tei­lung unter­lie­gen kei­ne Gegen­stän­de, die der Insol­venz­ver­wal­ter frei­ge­ge­ben hat. Eben­so wenig unter­liegt der Ver­äu­ße­rungs­er­lös für einen frei­ge­ge­be­nen Gegen­stand, der nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens ver­kauft wor­den ist, der Nach­trags­ver­tei­lung.

Die vom Insol­venz­ver­wal­ter frei­ge­be­ne Eigen­tums­woh­nung – und die Nach­trags­ver­tei­lung des Ver­äu­ße­rungs­er­lös

Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tigt damit die Ansicht, der Nach­trags­ver­tei­lung unter­lä­gen kei­ne Gegen­stän­de, die der Insol­venz­ver­wal­ter oder Treu­hän­der wirk­sam frei­ge­ge­ben habe. Sie ent­spricht der ganz ein­hel­li­gen und zutref­fen­den Ansicht in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur 1.

Gemäß § 203 Abs. 1 Nr. 3 InsO wird die Nach­trags­ver­tei­lung auf Antrag des Insol­venz­ver­wal­ters oder eines Insol­venz­gläu­bi­gers oder von Amts wegen ange­ord­net, wenn nach­träg­lich Gegen­stän­de der Mas­se ermit­telt wer­den 2. Sie ist auch im Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren zuläs­sig 3. Ein vom Insol­venz­ver­wal­ter oder Treu­hän­der frei­ge­ge­be­ner Gegen­stand ist jedoch kein Gegen­stand der Mas­se. Er ist durch die wirk­sa­me Frei­ga­be­er­klä­rung aus der Insol­venz­mas­se aus­ge­schie­den und in die Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis des Schuld­ners über­führt 4. Eben­so kann der Ver­wer­tungs­er­lös für den frei­ge­ge­be­nen Gegen­stand aus einer Ver­äu­ße­rung nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens nicht als ein Gegen­stand der Mas­se im Sin­ne von § 203 Abs. 1 Nr. 3 InsO ange­se­hen wer­den. Da das Insol­venz­ver­fah­ren auf­ge­ho­ben ist, fällt Neu­erwerb nicht mehr gemäß § 35 Abs. 1 InsO in die Mas­se.

Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof die hier maß­geb­li­che Rechts­fra­ge noch nicht aus­drück­lich ent­schie­den. Den­noch ist dem Treu­hän­der Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht zu bewil­li­gen. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs hat ein Rechts­schutz­be­geh­ren in aller Regel dann hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg, wenn die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che von der Beant­wor­tung einer schwie­ri­gen, bis­lang unge­klär­ten Rechts­fra­ge abhängt. Pro­zess­kos­ten­hil­fe muss hin­ge­gen nicht bewil­ligt wer­den, wenn die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­fra­ge zwar noch nicht höchst­rich­ter­lich geklärt ist, ihre Beant­wor­tung aber im Hin­blick auf die ein­schlä­gi­ge gesetz­li­che Rege­lung oder durch die in der Recht­spre­chung gewähr­ten Aus­le­gungs­hil­fen nicht in dem genann­ten Sin­ne als schwie­rig "erscheint" 5. Vor­lie­gend ergibt sich die Beant­wor­tung der Rechts­fra­ge im Zusam­men­spiel mit der zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unmit­tel­bar aus dem Gesetz. Die Fra­ge ist auch, wie aus­ge­führt, in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur nicht strei­tig.

Im vor­lie­gen­den Fall hat­te der Treu­hän­der die Eigen­tums­woh­nung des Schuld­ners wirk­sam frei­ge­ge­ben. Der Treu­hän­der hat gegen­über dem Schuld­ner erklärt, die frag­li­che Eigen­tums­woh­nung wer­de mit sofor­ti­ger Wir­kung aus dem Insol­venz­be­schlag frei­ge­ge­ben. Sämt­li­che Las­ten, die durch die­ses Woh­nungs­ei­gen­tum begrün­det wür­den, sei­en damit per­sön­li­che Ver­bind­lich­kei­ten des Schuld­ners und könn­ten gegen­über der Insol­venz­mas­se nicht gel­tend gemacht wer­den. Dage­gen kön­ne die Insol­venz­mas­se kei­ne Ansprü­che an den Nut­zen des frei­ge­ge­be­nen Eigen­tums erhe­ben. Damit hat der Treu­hän­der den Wil­len dau­ern­den Ver­zichts auf die Mas­se­zu­ge­hö­rig­keit der Eigen­tums­woh­nung bekun­det 6.

Die Frei­ga­be der Eigen­tums­woh­nung war nicht insol­venz­zweck­wid­rig. Zum Zeit­punkt der Frei­ga­be­er­klä­rung gin­gen die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten davon aus, dass die Immo­bi­lie wert­aus­schöp­fend belas­tet war. Der Treu­hän­der woll­te die Mas­se vor dem Wohn­geld scho­nen. Mit­hin lief die Frei­ga­be nicht offen­sicht­lich dem Insol­venz­zweck, eine gleich­mä­ßi­ge Befrie­di­gung aller Insol­venz­gläu­bi­ger her­bei­zu­füh­ren, zuwi­der 7.

Der Treu­hän­der konn­te sei­ne Frei­ga­be­er­klä­rung, nach­dem er sei­nen Irr­tum erkannt hat­te, weder wider­ru­fen 8 noch anfech­ten, weil er inso­weit allen­falls einem unbe­acht­li­chen Moti­virr­tum unter­le­gen ist, so dass die Fra­ge, ob die Frei­ga­be­er­klä­rung über­haupt anfecht­bar ist, hier nicht beant­wor­tet wer­den muss 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. April 2014 – IX ZA 5/​14

  1. OLG Koblenz, BeckRs 2012, 15870; LG Dort­mund, ZIn­sO 2010, 1615, 1616; LG Kle­ve, Beschluss vom 17.07.2013 – 4 T 121/​13, Rn. 4; Jae­ger/­Mel­ler-Han­nich, InsO, § 203 Rn. 9; Münch­Komm-InsO/Hint­zen, 3. Aufl., § 203 Rn. 12; Hol­zer in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2011, § 203 Rn. 8; Nerlich/​Römermann/​Westphal, InsO, 2013, §§ 203, 204 Rn. 8; Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 203 Rn. 4, 11; Wag­ner in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 203 Rn. 8a; Poertzgen/​Riewe in Pape/​Uhländer, InsO, § 203 Rn. 9; Schmidt/​Jungmann, InsO, 18. Aufl., § 203 Rn. 8[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 01.12 2005 – IX ZB 17/​04, NZI 2006, 180 Rn. 6; vom 06.12 2007 – IX ZB 229/​06, NZI 2008, 177 Rn. 6[]
  3. BGH, Beschluss vom 01.12 2005 – IX ZB 17/​04, NZI 2006, 180 Rn. 4; vom 02.12 2010 – IX ZB 184/​09, NJW 2011, 1448 Rn. 5[]
  4. BGH, Urteil vom 21.04.2005 – IX ZR 281/​03, BGHZ 163, 32, 37; vom 07.12 2006 – IX ZR 161/​04, NZI 2007, 173 Rn.20; vom 01.02.2007 – IX ZR 178/​05, NZI 2007, 407 Rn. 18[]
  5. vgl. BVerfG, NJW 1991, 413, 414; BGH, Beschluss vom 10.12 1997 – IV ZR 238/​97, NJW 1998, 1154; vom 11.09.2002 – VIII ZR 235/​02, NJW-RR 2003, 130 f; vom 16.12 2010 – IX ZA 30/​10, NZI 2011, 104 Rn. 5[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 07.12 2006 – IX ZR 161/​04, NZI 2007, 173 Rn.20[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 25.04.2002 – IX ZR 313/​99, BGHZ 150, 353, 360 f; vom 10.01.2013 – IX ZR 172/​11, NZI 2013, 347 Rn. 9; vom 18.04.2013 – IX ZR 165/​12, NZI 2013, 641 Rn. 14; vom 11.07.2013 – IX ZR 286/​12, NZI 2013, 801 Rn.19[]
  8. RGZ 60, 107, 109; BGH, Urteil vom 07.12 2006, aaO[]
  9. vgl. Münch­Komm-InsO/­Pe­ters, aaO, § 35 Rn. 100; Gottwald/​Eickmann, Insol­venz­rechts­hand­buch, 4. Aufl., § 65 Rn. 53; Höpf­ner, ZIP 2000, 1517, 1520[]