Die Zeu­gen­aus­sa­ge in einem ande­ren Ver­fah­ren

Das Gericht darf die in einem ande­ren Ver­fah­ren pro­to­kol­lier­ten Aus­sa­gen der benann­ten Zeu­gen im Wege des Urkun­den­be­wei­ses ver­wer­ten. Es muss die Zeu­gen aber selbst ver­neh­men, wenn eine Par­tei das bean­tragt.

Die Zeu­gen­aus­sa­ge in einem ande­ren Ver­fah­ren

Das Gericht ver­stößt gegen den in § 355 Abs. 1 Satz 1 ZPO bestimm­ten Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me, indem es nur die in einem ande­ren Ver­fah­ren pro­to­kol­lier­ten Aus­sa­gen der von dem Klä­ger benann­ten Zeu­gen urkun­den­be­weis­lich ver­wer­tet, die Zeu­gen aber nicht selbst ver­nimmt.

Die Ver­wer­tung der Nie­der­schrift einer Zeu­gen­aus­sa­ge aus einem ande­ren Ver­fah­ren im Wege des Urkun­den­be­wei­ses ist zwar grund­sätz­lich zuläs­sig [1]. Sie setzt die Zustim­mung der Par­tei­en nicht vor­aus [2]. Auch der Wider­spruch einer Par­tei gegen die Ver­wer­tung einer pro­to­kol­lier­ten Aus­sa­ge steht deren Aus­wer­tung im Wege des Urkun­den­be­wei­ses nicht ent­ge­gen [3].

Unzu­läs­sig wird die Ver­wer­tung der frü­he­ren Aus­sa­gen der benann­ten Zeu­gen im Wege des Urkun­den­be­wei­ses anstel­le von deren Ver­neh­mung im anhän­gi­gen Ver­fah­ren aber dann, wenn eine Par­tei zum Zwe­cke des unmit­tel­ba­ren Bewei­ses die Ver­neh­mung die­ses Zeu­gen bean­tragt [4].

Einen sol­chen Antrag haben die Beklag­ten in dem hier vom Bun­des­ge­richs­hof ent­schie­de­nen Fall gestellt. Die­sen Antrag durf­te das Beru­fungs­ge­richt nicht als ver­spä­tet zurück­wei­sen. Er betraf kein neu­es Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tel der Beklag­ten, son­dern die Ver­wer­tung der Aus­sa­gen der von dem beweis­pflich­ti­gen Klä­ger recht­zei­tig benann­ten Zeu­gen. Deren Ver­neh­mung durch das Beru­fungs­ge­richt hat­ten die Beklag­ten auch nicht erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung bean­tragt, son­dern schon in der Beru­fungs­er­wi­de­rung. Dar­in hat­ten sie sich gegen die Ver­wer­tung der in dem ande­ren Ver­fah­ren pro­to­kol­lier­ten Aus­sa­gen der Zeu­gen mit der Begrün­dung gewandt, sie wider­spre­che dem Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me; außer­dem kön­ne das Beru­fungs­ge­richt ohne "Anse­hung der Zeu­gen" deren Glaub­wür­dig­keit und die Glaub­haf­tig­keit ihrer Aus­sa­ge nicht bewer­ten. Das ist in der Sache ein Antrag auf Ver­neh­mung der Zeu­gen durch das Beru­fungs­ge­richt, der als sol­cher auch klar zu erken­nen war. Woll­te das Beru­fungs­ge­richt das anders sehen, muss­te es die Beklag­ten dar­auf hin­wei­sen [5], was vor der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht gesche­hen ist. Anders als das Beru­fungs­ge­richt meint, muss­ten die Beklag­ten nicht dar­le­gen, dass und wes­halb den pro­to­kol­lier­ten Aus­sa­gen der Zeu­gen nicht gefolgt wer­den kann. Die Par­tei­en haben nach §§ 355, 373 ZPO einen gesetz­li­chen Anspruch auf eine mit den Garan­tien des Zeu­gen­be­wei­ses aus­ge­stat­te­te Ver­neh­mung [6]. Die­sen Anspruch macht das Gesetz wegen der offen­kun­di­gen Schwä­chen der urkun­den­be­weis­li­chen Ver­wer­tung von Zeu­gen­aus­sa­gen – feh­len­der per­sön­li­cher Ein­druck von den Zeu­gen, feh­len­de Mög­lich­keit, Fra­gen zu stel­len und Vor­hal­te zu machen, feh­len­de Mög­lich­keit der Gegen­über­stel­lung [7] – nicht von der nähe­ren Dar­le­gung von Grün­den abhän­gig.

Von der Ver­neh­mung der Zeu­gen durf­te das Beru­fungs­ge­richt auch nicht im Hin­blick auf die Beweis­kraft des Urteils in dem ande­ren Ver­fah­ren abse­hen.

Die­ses Urteil ist zwar eine öffent­li­che Urkun­de, die eine Ent­schei­dung ent­hält. Sie erbringt nach § 417 ZPO auch vol­len Beweis ihres Inhalts. Die Beweis­kraft des Urteils beschränkt sich aber auf den Urteils­aus­spruch und erfasst weder den Tat­be­stand noch die Ent­schei­dungs­grün­de. Bei­de ent­hal­ten nicht die Ent­schei­dung, um deren Beweis es in der Vor­schrift des § 417 ZPO geht, son­dern die Begrün­dung der Ent­schei­dung. Auf die­se erstreckt sich die Beweis­kraft einer öffent­li­chen Urkun­de über eine Ent­schei­dung weder bei einem Urteil noch bei einer ande­ren Ent­schei­dung einer öffent­li­chen Stel­le [8].

Die Beweis­kraft ergibt sich auch nicht aus § 418 ZPO. Zwar kann der Tat­be­stand eines Gerichts­ur­teils nach die­ser Vor­schrift Beweis­kraft ent­fal­ten [9]; bei­spiels­wei­se wird durch die Auf­nah­me von Zeu­gen­aus­sa­gen in den Tat­be­stand ein voll­gül­ti­ges Zeug­nis des Gerichts über die vor ihm erstat­te­ten Aus­sa­gen her­ge­stellt [10]. Einer Ver­wer­tung der in dem Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ent­hal­te­nen Aus­sa­gen stün­de im Hin­blick auf den Antrag der Beklag­ten, die maß­geb­li­chen Zeu­gen vor dem Pro­zess­ge­richt zu hören, aber wie­der­um der Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me (§ 355 ZPO) ent­ge­gen. Zudem stützt sich das Beru­fungs­ge­richt nicht auf Tat­be­stands­ele­men­te des Urteils, son­dern auf die Ent­schei­dungs­grün­de, d.h. auf die recht­li­che Wür­di­gung des Sach­ver­halts durch das Gericht. Die­ser kommt jedoch kei­ne Beweis­kraft nach § 418 ZPO zu.

Das Beru­fungs­ur­teil beruht auf dem Ver­fah­rens­feh­ler bei der Ver­neh­mung der Zeu­gen und auf der Ver­ken­nung der Beweis­kraft des in dem ande­ren Ver­fah­ren ergan­ge­nen Urteils. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt zu einem ande­ren Beweis­ergeb­nis gelangt wäre, hät­te es die feh­len­de Beweis­kraft des Urteils erkannt und die Zeu­gen selbst ver­nom­men. Das Urteil ist des­halb auf­zu­he­ben (§ 562 Abs. 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Juli 2013 – V ZR 85/​12

  1. BGH, Urtei­le vom 14.07.1952 – IV ZR 25/​52, BGHZ 7, 116, 121 f. und vom 09.06.1992 – VI ZR 215/​91, NJW-RR 1992, 1214, 1215; BGH, Beschluss vom 17.11.2005 – V ZR 68/​05[]
  2. BGH, Urteil vom 19.04.1983 – VI ZR 253/​81, VersR 1983, 667, 668[]
  3. BGH, Urteil vom 19.12.1969 – VI ZR 128/​68, VersR 1970, 322, 323[]
  4. BGH, Urtei­le vom 14.07.1952 – IV ZR 25/​52, BGHZ 7, 116, 122, vom 09.06.1992 – VI ZR 215/​91, NJW-RR 1992, 1214, 1215, vom 13.06.1995 – VI ZR 233/​94, VersR 1995, 1370, 1371 und vom 30.11.1999 – VI ZR 207/​98, NJW 2000, 1420, 1421 f.; BGH, Beschluss vom 17.11.2005 – V ZR 68/​05[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 17.11.2005 – V ZR 68/​05[]
  6. BGH, Urteil vom 14.07.1952 – IV ZR 25/​52, BGHZ 7, 116, 122[]
  7. BGH, Urteil vom 30.11.1999 – IV ZR 207/​98, NJW 2000, 1420, 1421[]
  8. BGH, Urteil vom 27.08.1963 – 5 StR 260/​63, BGHSt 19, 87, 88; OLG Neustadt/​Weinstraße, NJW 1964, 2162, 2163; OLG Frankfurt/​Main, NStZ 1996, 234, 235; OLG Bran­den­burg, Urteil vom 21.07.2006 – 7 U 40/​06; Münch­Komm-ZPO/­Schrei­ber, 4. Aufl., § 417 Rn. 6[]
  9. Münch­Komm-ZPO/­Schrei­ber, 4. Aufl., § 418 Rn. 6[]
  10. RGZ 149, 312, 316[]