Die Zuläs­sig­keit der Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge

Eine Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge ist zuläs­sig, wenn bei­de Par­tei­en mit Kla­ge und Wider­kla­ge selb­stän­di­ge Ansprü­che ver­fol­gen, für die das strei­ti­ge Rechts­ver­hält­nis vor­greif­lich ist, mögen sie auch in ihrer Gesamt­heit die Ansprü­che erschöp­fen, die sich aus dem Rechts­ver­hält­nis über­haupt erge­ben kön­nen 1.

Die Zuläs­sig­keit der Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge

Gemäß § 256 Abs. 2 ZPO kann bis zum Schluss der­je­ni­gen münd­li­chen Ver­hand­lung, auf die das Urteil ergeht, der Klä­ger durch Erwei­te­rung des Kla­ge­an­trags, der Beklag­te durch Erhe­bung einer Wider­kla­ge bean­tra­gen, dass ein im Lau­fe des Pro­zes­ses strei­tig gewor­de­nes Rechts­ver­hält­nis, von des­sen Bestehen oder Nicht­be­stehen die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder zum Teil abhängt, durch rich­ter­li­che Ent­schei­dung fest­ge­stellt wer­de.

Unter Rechts­ver­hält­nis ist eine bestimm­te, recht­lich gere­gel­te Bezie­hung einer Per­son zu ande­ren Per­so­nen oder einer Per­son zu einer Sache zu ver­ste­hen 2. Dar­un­ter sind auch ein­zel­ne auf einem umfas­sen­de­ren Rechts­ver­hält­nis beru­hen­de Ansprü­che oder Rech­te zu ver­ste­hen, nicht dage­gen ein­zel­ne Vor­fra­gen 3. Ein Kün­di­gungs­grund kann allein das Rechts­ver­hält­nis dar­stel­len, wenn die Kün­di­gung selbst bereits zu bestimm­ten Rechts­fol­gen führt 4.

Mit der Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge wird es dem Klä­ger ermög­licht, neben einer rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung über sei­ne Kla­ge auch eine sol­che über nach § 322 Abs. 1 ZPO der Rechts­kraft nicht fähi­ge strei­ti­ge Rechts­ver­hält­nis­se her­bei­zu­füh­ren, auf die es für die Ent­schei­dung des Rechts­streits ankommt. Die begehr­te Fest­stel­lung muss sich aller­dings grund­sätz­lich auf einen Gegen­stand bezie­hen, der über den der Rechts­kraft fähi­gen Gegen­stand des Rechts­streits hin­aus­geht. Für eine Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge ist daher grund­sätz­lich kein Raum, wenn mit dem Urteil über die Haupt­kla­ge die Rechts­be­zie­hun­gen der Par­tei­en erschöp­fend gere­gelt wer­den 5.

Eine Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge ist jedoch dann zuläs­sig, wenn mit der Haupt­kla­ge meh­re­re selb­stän­di­ge Ansprü­che aus dem Rechts­ver­hält­nis ver­folgt wer­den, mögen sie auch in ihrer Gesamt­heit die Ansprü­che erschöp­fen, die sich aus ihm über­haupt erge­ben kön­nen 6. Die­sen Rechts­grund­satz hat der Bun­des­ge­richts­hof auf den Fall über­tra­gen, dass die Par­tei­en mit Kla­ge und Wider­kla­ge meh­re­re selb­stän­di­ge Ansprü­che ver­fol­gen, für die das strei­ti­ge Rechts­ver­hält­nis vor­greif­lich ist, mögen sie auch in ihrer Gesamt­heit die Ansprü­che erschöp­fen, die sich aus dem Rechts­ver­hält­nis über­haupt erge­ben kön­nen 7. Dies wird damit begrün­det, dass in bei­den Fäl­len Teil­ur­tei­le erge­hen kön­nen und des­halb die Ent­schei­dun­gen über das zugrun­de­lie­gen­de Rechts­ver­hält­nis für nach­fol­gen­de Teil­ur­tei­le und das Schlus­sur­teil von Bedeu­tung sein kön­nen.

Ent­spre­chend die­sen Grund­sät­zen ist die Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge der Klä­ge­rin im Streit­fall zuläs­sig. Die Rechts­na­tur der Kün­di­gung ist jeden­falls sowohl für die Kla­ge auf Erstat­tung der Mehr­kos­ten für die drittsei­ti­ge Fer­tig­stel­lung des Bau­vor­ha­bens als auch für die Wider­kla­ge auf Zah­lung einer Kün­di­gungs­ver­gü­tung für nicht erbrach­te Leis­tun­gen vor­greif­lich. Der Ein­wand der Beklag­ten, wegen des engen Ver­bunds zwi­schen Kla­ge- und Wider­kla­ge­an­trag sei für den Erlass von Teil­ur­tei­len, für die die Zwi­schen­fest­stel­lung von Bedeu­tung sein könn­te, kein Raum, wes­halb die Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge unzu­läs­sig sei, ist nicht stich­hal­tig. Grund­sätz­lich darf aller­dings bei Kla­ge und Wider­kla­ge ein Teil­ur­teil nur erlas­sen wer­den, wenn die Gefahr wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen aus­ge­schlos­sen ist 8. Die Gefahr der Wider­sprüch­lich­keit kann indes gera­de dadurch besei­tigt wer­den, dass über eine für Kla­ge und Wider­kla­ge vor­greif­li­che Vor­fra­ge ein Zwi­schen­fest­stel­lungs­ur­teil gemäß § 256 Abs. 2 ZPO ergeht 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. März 2013 – VII ZR 223/​11

  1. Anschluss an BGH, Urteil vom 13.10.1967 – V ZR 83/​66, WM 1967, 1245, 1246[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 16.09.2008 – VI ZR 244/​07, NJW 2009, 751 Rn. 10 m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 16.02.1967 – II ZR 171/​65, WM 1967, 419[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 16.02.1967 – II ZR 171/​65, WM 1967, 419; Wieczorek/​Schütze/​Assmann, ZPO, 3. Aufl., § 256 Rn. 79[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 28.09.2006 – VII ZR 247/​05, BGHZ 169, 153 Rn. 12; Zöller/​Greger, ZPO, 29. Aufl., § 256 Rn. 26[]
  6. vgl. RGZ 144, 54, 59 ff.; RGZ 170, 328, 330[]
  7. BGH, Urteil vom 13.10.1967 – V ZR 83/​66, WM 1967, 1245, 1246; Urteil vom 02.03.1979 – V ZR 102/​76, MDR 1979, 746, 747[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 28.11.2002 – VII ZR 270/​01, BauR 2003, 381, 382 = NZBau 2003, 153[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 28.11.2002 – VII ZR 270/​01, BauR 2003, 381, 382 f. = NZBau 2003, 153; Urteil vom 26.04.2012 – VII ZR 25/​11, BauR 2012, 1391 Rn. 13 = NZBau 2012, 440[]
  10. BGH, Beschluss vom 29.06.2010 – VI ZA 3/​09, NJW 2010, 3101 Rn. 3[]