Die zurück­ver­wei­sen­de BGH-Ent­schei­dung – und die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unzu­läs­sig, soweit sich die Beschwer­de­füh­rer außer gegen das im zwei­ten Durch­gang ergan­ge­ne Urteil des Beru­fungs­ge­richts auch gegen das zuvor ergan­ge­ne, das ursprüng­li­che Beru­fungs­ur­teil auf­he­ben­de und die Sache zurück­ver­wei­sen­de Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs wen­den. Inso­weit man­gelt an der erfor­der­li­chen Beschwer­de­be­fug­nis. 

Die zurück­ver­wei­sen­de BGH-Ent­schei­dung – und die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Die Zuläs­sig­keit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de setzt nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG die Behaup­tung des Beschwer­de­füh­rers vor­aus, durch einen Akt der öffent­li­chen Gewalt in sei­nen Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten ver­letzt zu sein (Beschwer­de­be­fug­nis). Rich­tet sich eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen gericht­li­che Ent­schei­dun­gen, kann sich die Beschwer in aller Regel nur aus dem Tenor der Ent­schei­dung erge­ben (sog. Erfor­der­nis der Ten­or­be­schwer); er allein bestimmt ver­bind­lich, wel­che Rechts­fol­gen auf­grund des fest­ge­stell­ten Sach­ver­halts ein­tre­ten [1]. Erfor­der­lich ist eine Beschwer im Rechts­sin­ne; eine fak­ti­sche Beschwer allein genügt nicht [2].

Rechts­aus­füh­run­gen sowie nach­tei­li­ge oder als nach­tei­lig emp­fun­de­ne Aus­füh­run­gen in den Grün­den einer Ent­schei­dung allein begrün­den kei­ne Beschwer. Die­ser im Ver­fah­rens­recht all­ge­mein aner­kann­te Rechts­grund­satz gilt auch für die Ver­fas­sungs­be­schwer­de, da sie in ers­ter Linie dem Rechts­schutz des Ein­zel­nen gegen­über der Staats­ge­walt dient. Des­halb kann eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht dar­auf gestützt wer­den, dass ein Gericht ledig­lich in den Grün­den sei­ner Ent­schei­dung eine Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten hat, die der Beschwer­de­füh­rer für grund­rechts­wid­rig erach­tet [3]

Nur in eng begrenz­ten Aus­nah­me­fäl­len hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die allein in den Grün­den einer gericht­li­chen Ent­schei­dung lie­gen­de Belas­tung für mög­lich gehal­ten [4]. Liegt – wie im hier ent­schie­de­nen Fall – kei­ner die­ser Aus­nah­me­fäl­le vor, dann kommt eine Beschwer­de­be­fug­nis nur unter Anwen­dung der all­ge­mei­nen Grund­sät­ze bei eige­ner, gegen­wär­ti­ger und unmit­tel­ba­rer Betrof­fen­heit in Betracht. Die­se ist bei einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen gericht­li­che Ent­schei­dun­gen zwar grund­sätz­lich gege­ben, so dass sie in der Regel kei­ner nähe­ren Prü­fung bedarf. Eine nähe­re Prü­fung die­ser Vor­aus­set­zun­gen ist dem­ge­gen­über gebo­ten, wenn sich die Beschwer – wie vor­lie­gend – aus ande­ren Umstän­den als dem für den Beschwer­de­füh­rer eigent­lich güns­ti­gen Tenor erge­ben soll [5]

Unmit­tel­bar­keit setzt vor­aus, dass die Ein­wir­kung auf die Rechts­stel­lung des Betrof­fe­nen nicht erst ver­mit­tels eines wei­te­ren Akts bewirkt wer­den darf oder vom Erge­hen eines sol­chen Akts abhän­gig ist. Soweit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dazu Grund­sät­ze anhand von Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen Rechts­nor­men ent­wi­ckelt hat, gel­ten die­se auch für Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen gericht­li­che Ent­schei­dun­gen [6]. Bei Rechts­satz­ver­fas­sungs­be­schwer­den muss eine Vor­schrift – ohne dass es eines wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes bedarf – in den Rechts­kreis des Beschwer­de­füh­rers der­ge­stalt ein­wir­ken, dass etwa kon­kre­te Rechts­po­si­tio­nen unmit­tel­bar kraft Geset­zes zu einem dort fest­ge­leg­ten Zeit­punkt erlö­schen oder eine zeit­lich oder inhalt­lich genau bestimm­te Ver­pflich­tung begrün­det wird, die bereits spür­ba­re Rechts­fol­gen mit sich bringt [7]

Hier man­gelt es bereits an einer hin­rei­chen­den Dar­le­gung der Unmit­tel­bar­keit in der Ver­fas­sungs­be­schwer­de­schrift (§§ 92, 23 Abs. 1 Satz 2 Halb­satz 1 BVerfGG). In die Rechts­stel­lung der Beschwer­de­füh­rer wird ange­sichts des Erfolgs ihrer Revi­si­on und der damit ver­bun­de­nen Rück­ver­wei­sung an das Ober­lan­des­ge­richt erst durch das Erge­hen des erneut kla­ge­ab­wei­sen­den Urteils des Ober­lan­des­ge­richts ein­ge­grif­fen. Eine unmit­tel­ba­re Betrof­fen­heit durch das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs besteht daher nicht. 

Eine ande­re Auf­fas­sung ist auch nicht vor dem Hin­ter­grund der sich aus § 563 Abs. 2 ZPO erge­ben­den Bin­dungs­wir­kung der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs für das Beru­fungs­ge­richt gerecht­fer­tigt. Mit ihr gin­gen zwar durch­aus mit­tel­ba­re Fol­gen für das wei­te­re zivil­ge­richt­li­che Ver­fah­ren der Beschwer­de­füh­rer ein­her. Dass durch das den Beschwer­de­füh­rern im Tenor güns­ti­ge Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs bereits kon­kre­te Rechts­po­si­tio­nen erlö­schen oder eine zeit­lich oder inhalt­lich genau bestimm­te Ver­pflich­tung begrün­det wür­den, die bereits spür­ba­re Rechts­fol­gen mit sich bräch­ten [8], kann hier aller­dings nicht ange­nom­men wer­den. Denn die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts hing nicht aus­schließ­lich von der (mög­li­cher­wei­se bin­den­den) Aus­le­gung von § 8 Abs. 7 Satz 2 KAG Bbg a.F. durch den Bun­des­ge­richts­hof ab, son­dern – wie sich im vor­lie­gen­den Fall an den Grün­den der Auf­he­bung des ers­ten Beru­fungs­ur­teils zeigt – auch von wei­te­ren recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen. 

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 1. Juli 2020 – 1 BvR 2838/​19

  1. vgl. BVerfGE 28, 151, 160; 140, 42, 54, Rn. 48; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 8, 222, 224 f.; 15, 283, 286[]
  3. vgl. BVerfGE 8, 222, 224 f.; 140, 42, 54 f. Rn. 48; BVerfG, Beschluss vom 20.11.2018 – 1 BvR 1502/​16, Rn. 8 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 140, 42, 55 f., Rn. 50 ff.; dazu auch EGMR, Cle­ve v. Deutsch­land, Urteil vom 15.01.2015 – 48144/​09, NJW 2016, S. 3225, 3226, Rn. 34 ff.[]
  5. vgl. BVerfGE 140, 42, 56, Rn. 54; und zuletzt BVerfG, Beschluss vom 20.11.2018 – 1 BvR 1502/​16, Rn. 7, 10 ff.[]
  6. vgl. BVerfGE 53, 30, 48; 140, 42, 58, Rn. 60[]
  7. vgl. BVerfGE 53, 366, 389; 140, 42, 58, Rn. 61[]
  8. vgl. BVerfGE 140, 42, 58 Rn. 61[]