Die­sel­skan­dal – und die sekun­dä­re Darlegungslast

Aktu­ell hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof mit der sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last hin­sicht­lich der Fra­ge zu befas­sen, wer die Ent­schei­dung über den Ein­satz einer unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung bei dem beklag­ten Fahr­zeug­her­stel­ler getrof­fen und ob der Vor­stand hier­von Kennt­nis hatte.

Die­sel­skan­dal – und die sekun­dä­re Darlegungslast

Im Kern ging es hier­bei um die Fra­ge, ob ein Anspruch des Auto­käu­fers aus § 826 BGB bereits des­halb aus­schei­det, weil der Auto­käu­fer nicht hat habe bewei­sen kön­nen, dass der von ihm als Zeu­ge benann­te dama­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der Auto­her­stel­le­rin, des­sen Han­deln sich die Auto­her­stel­le­rin gemäß § 31 BGB zurech­nen las­sen müss­te, den delik­ti­schen Tat­be­stand ver­wirk­licht habe1. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­neint dies:

Zwar trägt im Grund­satz der­je­ni­ge, der einen Anspruch aus § 826 BGB gel­tend macht, die vol­le Dar­le­gungs- und Beweis­last für die anspruchs­be­grün­den­den Tat­sa­chen. Bei der Inan­spruch­nah­me einer juris­ti­schen Per­son hat der Anspruch­stel­ler dem­entspre­chend auch dar­zu­le­gen und zu bewei­sen, dass ein ver­fas­sungs­mä­ßig beru­fe­ner Ver­tre­ter (§ 31 BGB) die objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 826 BGB ver­wirk­licht hat2.

Die­ser Grund­satz erfährt aber eine Ein­schrän­kung, wenn die pri­mär dar­le­gungs­be­las­te­te Par­tei kei­ne nähe­re Kennt­nis von den maß­geb­li­chen Umstän­den und auch kei­ne Mög­lich­keit zur wei­te­ren Sach­auf­klä­rung hat, wäh­rend der Pro­zess­geg­ner alle wesent­li­chen Tat­sa­chen kennt und es ihm unschwer mög­lich und zumut­bar ist, nähe­re Anga­ben zu machen. In die­sem Fall trifft den Pro­zess­geg­ner eine sekun­dä­re Dar­le­gungs­last, im Rah­men derer es ihm auch obliegt, zumut­ba­re Nach­for­schun­gen zu unter­neh­men. Genügt er sei­ner sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last nicht, gilt die Behaup­tung des Anspruch­stel­lers nach § 138 Abs. 3 ZPO als zuge­stan­den3.

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Nach die­sen Grund­sät­zen traf die Auto­her­stel­le­rin die sekun­dä­re Dar­le­gungs­last hin­sicht­lich der Fra­ge, wer die Ent­schei­dung über den Ein­satz der unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung bei ihr getrof­fen und ob ihr Vor­stand hier­von Kennt­nis hatte.

Die Fra­gen, wer die Ent­schei­dung über den Ein­satz der unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung bei der Auto­her­stel­le­rin getrof­fen und ob der Vor­stand hier­von Kennt­nis hat­te, betref­fen unter­neh­mens­in­ter­ne Abläu­fe und Ent­schei­dungs­pro­zes­se, die sich der Kennt­nis und dem Ein­blick des Auto­käu­fers ent­zie­hen. Dem­ge­gen­über war der Auto­her­stel­le­rin Vor­trag hier­zu mög­lich und zumut­bar4.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Auto­käu­fer sei­nen Vor­trag hin­sicht­lich der Per­son des dama­li­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den der Auto­her­stel­le­rin soweit sub­stan­ti­ie­ren konn­te, dass sich das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zunächst ver­an­lasst sah, die­sen als Zeu­gen zu laden.

Zum einen rügt er mit Erfolg (§ 286 ZPO), dass sich der Vor­trag des Auto­käu­fers, der Vor­stand der Auto­her­stel­le­rin habe über umfas­sen­de Kennt­nis von dem Ein­satz der unzu­läs­si­gen Abschalt­soft­ware ver­fügt, erkenn­bar auf den gesam­ten Vor­stand der Auto­her­stel­le­rin und nicht nur auf die Per­son ihres dama­li­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den bezog. Allein der Umstand, dass der dama­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de zunächst als Zeu­ge gela­den wur­de, bevor er sich auf sein Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht aus § 384 Nr. 2 ZPO berief und wie­der abge­la­den wur­de, ent­bin­det die Auto­her­stel­le­rin daher nicht von ihrer sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last hin­sicht­lich der Kennt­nis des Vor­stands im Übrigen.

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Zum ande­ren wäre der außer­halb des maß­geb­li­chen Gesche­hens ste­hen­de Geschä­dig­te – folg­te man der Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen – schutz­los gestellt, wenn er in Bezug auf eine der han­deln­den Per­so­nen aus­rei­chen­de Anhalts­punk­te für ein (mög­li­cher­wei­se) straf­ba­res Ver­hal­ten vor­tra­gen kann, die­se Per­son jedoch natur­ge­mäß wegen der Gefahr einer straf­recht­li­chen Ver­fol­gung als Zeu­ge nicht zur Ver­fü­gung steht (§ 384 Nr. 2 ZPO). Das ist mit der aus den ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Rech­ten auf ein fai­res Ver­fah­ren und auf effek­ti­ven Rechts­schutz fol­gen­den Ver­pflich­tung zu einer fai­ren Ver­tei­lung der Dar­le­gungs- und Beweis­las­ten5 nicht zu ver­ein­ba­ren und hat der Bun­des­ge­richts­hof auch in der Ver­gan­gen­heit im Zusam­men­hang mit Sach­ver­hal­ten, in denen von einer sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last aus­ge­gan­gen wur­de, nicht ange­nom­men6.

Mit der pau­scha­len Behaup­tung, alles Zumut­ba­re und Mög­li­che getan zu haben, um die tat­säch­li­chen Gescheh­nis­se auf­zu­klä­ren, hat die Auto­her­stel­le­rin die­ser ihr oblie­gen­den sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last erkenn­bar nicht genügt. Wie die Revi­si­on zu Recht rügt, bedurf­te es inso­weit – jen­seits der Beru­fung auf eben die Grund­sät­ze der sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last, die einen zen­tra­len Beru­fungs­an­griff des Auto­käu­fers dar­stell­te – kei­ner nähe­ren Aus­füh­run­gen durch den Auto­käu­fer, wel­che Auf­klä­rungs­schrit­te der Auto­her­stel­le­rin dar­über hin­aus noch zumut­bar und mög­lich gewe­sen wären.

Mit der Begrün­dung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen7 kann zudem der für einen Ersatz­an­spruch aus § 826 BGB erfor­der­li­che Scha­den nicht ver­neint werden.

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Ein Scha­den im Sin­ne des § 826 BGB kann auch in einer auf dem sit­ten­wid­ri­gen Ver­hal­ten beru­hen­den Belas­tung mit einer unge­woll­ten Ver­pflich­tung lie­gen8. Der vom Auto­käu­fer gel­tend gemach­te Scha­den (Abschluss des unge­woll­ten Kauf­ver­trags) liegt damit nicht außer­halb des Schutz­zwecks des § 826 BGB. Auf den Schutz­zweck des Gebots, das Fahr­zeug nicht ohne gül­ti­ge EG-Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung in den Ver­kehr zu brin­gen, kommt es im Rah­men des Scha­dens­er­satz­an­spruchs aus § 826 BGB ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen nicht an9.

Rechts­feh­ler­haft hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen schließ­lich ange­nom­men, dass sich der Schä­di­gungs­vor­satz der nach § 31 BGB für die Auto­her­stel­le­rin han­deln­den Per­so­nen dar­auf bezie­hen müs­se, dass das Kraft­fahr­zeug für den Auto­käu­fer auf­grund der „Schum­mel­soft­ware“ wert­los gewor­den sei. Da der Scha­den des Käu­fers in dem Abschluss des unge­woll­ten Kauf­ver­trags liegt, reich­te es für die Annah­me des hier­auf bezo­ge­nen Vor­sat­zes aus, wenn den genann­ten Per­so­nen bewusst war, dass in Kennt­nis des Risi­kos einer Betriebs­be­schrän­kung oder ‑unter­sa­gung der betrof­fe­nen Fahr­zeu­ge nie­mand – ohne einen erheb­li­chen, dies berück­sich­ti­gen­den Abschlag vom Kauf­preis – ein damit belas­te­tes Fahr­zeug erwer­ben wür­de10.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Mai 2021 – VI ZR 81/​20

  1. so etwa OLG Mün­chen, Urteil vom 04.12.2019 – 3 U 2220/​19, Beck­RS 2019, 33738[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2021, 368 Rn. 15; vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, ZIP 2020, 1763 Rn. 15; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 35[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2021, 368 Rn. 16; vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, ZIP 2020, 1763 Rn. 16; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 37 ff. mwN[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2021, 368 Rn.19; vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, ZIP 2020, 1763 Rn.19; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 39 ff.[]
  5. vgl. BVerfG NJW 2019, 1510 Rn. 12 ff.; BVerfG NJW 2000, 1483, 1484 42[]
  6. vgl. etwa BGH, Urteil vom 18.01.2018 – I ZR 150/​15, NJW 2018, 2412 Rn. 28; zum Gan­zen BGH, Urteil vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 42[]
  7. OLG Mün­chen, Urteil vom 04.12.2019 – 3 U 2220/​19, Beck­RS 2019, 33738[]
  8. BGH, Urtei­le vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2021, 368 Rn. 21; vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, ZIP 2020, 1763 Rn. 21; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 46 ff. mwN[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2021, 368 Rn. 24; vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, ZIP 2020, 1763 Rn. 23 f.[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 63[]

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