Durch unrich­ti­ge Vor­wür­fe in den Tod getrie­ben…

Begeht ein Ord­nungs­amts­lei­ter wegen diver­ser Vor­wür­fe, die sich spä­ter als unwahr her­aus­ge­stellt haben, Selbst­mord, hat die Toch­ter kei­nen Anspruch auf ein ererb­tes Schmer­zens­geld nach § 253 Abs.2 BGB, wenn hier­für beim Vater erfor­der­li­che, gewich­ti­ge psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Aus­fäl­le von eini­ger Dau­er gefehlt haben und nicht die not­wen­di­gen medi­zi­ni­schen Befun­de vor­ge­tra­gen wor­den sind.

Durch unrich­ti­ge Vor­wür­fe in den Tod getrie­ben…

So hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall einen Schmer­zens­geld­an­spruch in Höhe von 7.000 Euro abge­lehnt, den die Toch­ter des ver­stor­be­nen Lei­ters des Ord­nungs­am­tes der Stadt Crails­heim für ihren Vater gel­tend gemacht hat. Im Juni 2009 ist die­ser für einen Waf­fen­dieb­stahl ver­ant­wort­lich gemacht wor­den. In der Pres­se wur­de über den Vor­wurf und angeb­li­che Unre­gel­mä­ßig­kei­ten im Rat­haus berich­tet (Lügen aus dem Rat­haus, Chef falsch infor­miert; Falsch­dar­stel­lung über den Ver­kauf einer Waf­fe nach dem 11. März 2009; Schuss­waf­fen ver­sil­bert; Waf­fen­han­del wie auf einem ori­en­ta­li­schen Basar). Die­se Berich­te ent­hiel­ten das Per­sön­lich­keits­recht des Vaters beein­träch­ti­gen­de Aus­füh­run­gen. Sämt­li­che Vor­wür­fe haben sich im Nach­hin­ein als unrich­tig her­aus­ge­stellt. Nach einer Umset­zung des Vaters in den Bau­hof und einem Bericht über den Vor­wurf einer angeb­li­chen, spä­ter eben­falls wider­leg­ten Bestech­lich­keit im Zusam­men­hang mit dem Crails­hei­mer Volks­fest beging er am 21. Juli 2009 Selbst­mord. Nach­dem die Kla­ge vom Land­ge­richt Ell­wan­gen 1 abge­wie­sen wor­den war, hat die Toch­ter mit der Beru­fung ihr Ziel wei­ter­ver­folgt.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart sind die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuer­ken­nung eines ererb­ten Schmer­zens­gel­des nach § 253 Abs. 2 BGB nicht gege­ben. Aus dem Vor­trag der Klä­ge­rin über den Zustand des Vaters vor sei­nem Tod haben sich kei­ne kör­per­li­chen oder psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen mit dem erfor­der­li­chen Krank­heits­wert erge­ben, zumal hier­für gewich­ti­ge psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Aus­fäl­le von eini­ger Dau­er erfor­der­lich gewe­sen wären und nicht die not­wen­di­gen medi­zi­ni­schen Befun­de vor­ge­tra­gen wur­den.

Ein Anspruch auf imma­te­ri­el­le Geld­ent­schä­di­gung gemäß § 839 BGB mit Art. 1, 2 GG ver­langt einen schwer­wie­gen­den Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht, der nicht in ande­rer Wei­se aus­ge­gli­chen wer­den kann. Erfor­der­lich ist ein unab­wend­ba­res Bedürf­nis für die Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung. Nur im Hin­blick auf eine von sechs vor­ge­wor­fe­nen Pflicht­ver­let­zun­gen wur­de vom Senat ein amts­pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten bejaht. Die Umset­zung zum kauf­män­ni­schen Lei­ter des Bau­hofs wur­de unter Ver­stoß gegen § 35 Abs. 1 Satz 1 GemO in einer öffent­li­chen Gemein­de­rats­sit­zung behan­delt. Die­se Pflicht­ver­let­zung begrün­de aber kei­nen schwer­wie­gen­den Ein­griff, da die Umset­zung schon vor­her in der Pres­se the­ma­ti­siert wur­de. Immer­hin sei durch die Erör­te­rung in öffent­li­cher Sit­zung deut­lich gemacht wor­den, dass die Umset­zung nicht etwa aus dis­zi­pli­na­ri­schen Grün­den, son­dern aus Für­sor­ge­ge­sichts­punk­ten vor­ge­nom­men wor­den sei.

Wegen der wei­te­ren erho­be­nen Vor­wür­fe – die Stadt habe den Vater gegen die fal­schen und unrich­ti­gen Vor­wür­fe in den Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen nicht aus­rei­chend ver­tei­digt und in Schutz genom­men, die Umset­zung zum kauf­män­ni­schen Lei­ter des Bau­hofs sei rechts­wid­rig gewe­sen, ihm sei­en kei­ne aus­rei­chen­den Mög­lich­kei­ten zu sei­ner Ver­tei­di­gung ein­ge­räumt wor­den, die (ange­droh­te) Weg­nah­me der Rat­haus­schlüs­sel sei rechts­wid­rig gewe­sen – konn­te schon kei­ne Amts­pflicht­ver­let­zung fest­ge­stellt wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 27. Novem­ber 2013 – 4 U 105/​13

  1. LG Ell­wan­gen, Urteil vom 03.05.2013 – 3 O 277/​11[]