Effek­ti­ver Rechts­schutz und Rechts­mit­tel­be­schrän­kun­gen

Für den Zivil­pro­zess ergibt sich das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes aus dem all­ge­mei­nen Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG 1.

Effek­ti­ver Rechts­schutz und Rechts­mit­tel­be­schrän­kun­gen

Effek­ti­ver Rechts­schutz in die­sem Sin­ne umfasst nicht nur das Recht auf Zugang zu den Gerich­ten sowie auf eine ver­bind­li­che Ent­schei­dung durch den Rich­ter auf­grund einer grund­sätz­lich umfas­sen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Prü­fung des Streit­ge­gen­stan­des 2.

Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes beein­flusst auch die Aus­le­gung und Anwen­dung der Bestim­mun­gen, die für die Eröff­nung eines Rechts­wegs und die Beschrei­tung eines Instan­zen­zugs von Bedeu­tung sind. Es begrün­det zwar kei­nen Anspruch auf eine wei­te­re Instanz; die Ent­schei­dung über den Umfang des Rechts­mit­tel­zu­ges bleibt viel­mehr dem Gesetz­ge­ber über­las­sen 3.

Hat der Gesetz­ge­ber sich jedoch für die Eröff­nung einer wei­te­ren Instanz ent­schie­den und sieht die betref­fen­de Pro­zess­ord­nung dem­entspre­chend ein Rechts­mit­tel vor, so darf der Zugang dazu nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den 4.

Wird die Vor­schrift des § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO zu den Revi­si­ons­zu­las­sungs­grün­den von den Fach­ge­rich­ten also will­kür­lich und in sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se falsch ange­wen­det, kann der im Beru­fungs­rechts­zug unter­le­ge­nen Par­tei der Zugang zur Revi­si­on unter Ver­let­zung von Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG ver­sperrt sein (vgl. zu Art.19 Abs. 4 GG: BVerfGE 125, 104, 137; 134, 242, 319, Rn. 238).

Dies gilt nicht nur für die Zulas­sung der Revi­si­on durch das Beru­fungs­ge­richt, son­dern auch für die Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts selbst, mit dem es eine Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on zurück­weist 5. Hin­ge­gen genügt nicht bereits die ein­fach­recht­lich feh­ler­haf­te Hand­ha­bung der maß­geb­li­chen Zulas­sungs­vor­schrif­ten 6.

Grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne des § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO kommt einer Sache zu, wenn sie eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge und klä­rungs­fä­hi­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, die sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Fäl­le stel­len kann und des­halb das abs­trak­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der ein­heit­li­chen Ent­wick­lung und Hand­ha­bung des Rechts berührt 7. Klä­rungs­be­dürf­tig sind sol­che Rechts­fra­gen, deren Beant­wor­tung zwei­fel­haft ist oder zu denen unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den und die noch nicht oder nicht hin­rei­chend höchst­rich­ter­lich geklärt sind 8.

Hier ist die Ver­nei­nung der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Rechts­sa­che nicht will­kür­lich. Gegen die impli­zi­te Annah­me des Bun­des­ge­richts­hofs, es sei nicht mehr klä­rungs­be­dürf­tig, ob es im Lich­te von Art. 6 Abs. 1 GG und Art. 8 Abs. 1 EMRK bei einer auf § 826 BGB gestütz­ten Kla­ge wegen Titel­miss­brauchs im Fal­le unrich­ti­ger Sta­tu­s­ur­tei­le gebo­ten ist, auf wei­te­re Sit­ten­wid­rig­keits­merk­ma­le zu ver­zich­ten, bestehen von Ver­fas­sungs wegen kei­ne Beden­ken. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass von dem Erfor­der­nis zusätz­li­cher, die Sit­ten­wid­rig­keit aus­ma­chen­der Umstän­de abge­se­hen wer­den kön­ne, wenn die mate­ri­el­le Unrich­tig­keit des Titels so ein­deu­tig und schwer­wie­gend ist, dass jede Voll­stre­ckung allein schon des­we­gen das Rechts­ge­fühl in schlecht­hin uner­träg­li­cher Wei­se ver­let­zen wür­de 9. Es ist danach nicht zwei­fel­haft, dass die Grund­rech­te und die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on die Beur­tei­lung der Not­wen­dig­keit wei­te­rer Sit­ten­wid­rig­keits­merk­ma­le beein­flus­sen kön­nen. Ob im kon­kre­ten Fall die Ver­wen­dung eines geset­zes­wid­ri­gen Sta­tu­s­ur­teils unter Berück­sich­ti­gung von Art. 6 Abs. 1 GG allein wegen der Geset­zes­wid­rig­keit des Urteils sit­ten­wid­rig ist oder aber wei­te­re Sit­ten­wid­rig­keits­merk­ma­le hin­zu­tre­ten müss­ten, hängt von den Umstän­den des Ein­zel­falls ab. Dass der Bun­des­ge­richts­hof inso­weit kei­nen grund­sätz­li­chen Klä­rungs­be­darf gese­hen hat, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 20. April 2016 – 1 BvR 2405/​14

  1. vgl. BVerfGE 85, 337, 345[]
  2. vgl. BVerfGE 85, 337, 345; 97, 169, 185[]
  3. vgl. BVerfGE 54, 277, 291; 107, 395, 401 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 69, 381, 385; 77, 275, 284[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.10.2015 – 1 BvR 1320/​14 12[]
  6. vgl. BVerfGE 101, 331, 359 f.[]
  7. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 04.11.2008 – 1 BvR 2587/​0619 m.w.N.[]
  8. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 27.05.2010 – 1 BvR 2643/​07 16[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 24.09.1987 – III ZR 187/​86 27[]