Ein­lö­sungs­be­fug­nis des Anfech­tungs­geg­ners in der Gläu­bi­ger­an­fech­tung

Der Anfech­tungs­geg­ner kann den Bereit­stel­lungs­an­spruch durch Zah­lung eines Geld­be­trags abweh­ren, der die Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung besei­tigt. Hier­für ist in der Regel das zu erwar­ten­de Ergeb­nis der Zwangs­ver­stei­ge­rung in dem Zeit­punkt maß­ge­bend, in wel­chem die Ein­lö­sungs­be­fug­nis aus­ge­übt wird. Die Dar­le­gungs- und Beweis­last für das zu erwar­ten­de Zwangs­ver­stei­ge­rungs­er­geb­nis trifft in die­sem Zusam­men­hang im All­ge­mei­nen den Anfech­tungs­geg­ner.

Ein­lö­sungs­be­fug­nis des Anfech­tungs­geg­ners in der Gläu­bi­ger­an­fech­tung

Dem Anfech­tungs­geg­ner steht die Befug­nis zu, den pfand­rechts­ähn­li­chen Bereit­stel­lungs­an­spruch (vgl. § 1147 BGB) des § 11 Abs. 1 Satz 1 AnfG durch Zah­lung eines Geld­be­trags ent­spre­chend § 1142 BGB abzu­lö­sen 1. Ver­wei­gert der Anfech­tungs­gläu­bi­ger die Annah­me des Ein­lö­sungs­be­trags, so kann er hin­ter­legt wer­den und der Bereit­stel­lungs­an­spruch erlischt gemäß §§ 372, 378 BGB oder ist nach § 379 Abs. 1 BGB durch Ver­wei­sung auf den Hin­ter­le­gungs­be­trag abzu­weh­ren. Der Streit der Par­tei­en geht seit­her noch dar­über, ob der hin­ter­leg­te Ein­lö­sungs­be­trag genügt, um die Fol­gen der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung zu besei­ti­gen, wel­che die Klä­ge­rin durch die ange­foch­te­ne Bruch­teils­über­tra­gung des Rei­hen­haus­grund­stücks vom Voll­stre­ckungs­schuld­ner an die Beklag­te erlit­ten hat.

Frag­lich ist jedoch, ob die Beweis­last für eine unge­nü­gen­de Ein­lö­sungs­sum­me den Anfech­tungs­gläu­bi­ger oder den Anfech­tungs­schuld­ner trifft. Inso­weit wird die Ansicht ver­tre­te­ten, wie beim Sekun­där­an­spruch gemäß § 11 Abs. 1 Satz 2 AnfG, § 818 Abs. 2 BGB müs­se der Anfech­tungs­klä­ger den Umfang der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung bewei­sen. Das gel­te ins­be­son­de­re, wenn ein Erlös der Zwangs­ver­stei­ge­rung über dem fest­ge­stell­ten Ver­kehrs­wert behaup­tet wer­de 2. Die Beweis­last­fra­ge zur Ein­lö­sungs­be­fug­nis, wenn der Anfech­tungs­klä­ger behaup­tet, mit der Zwangs­ver­stei­ge­rung bes­se­re Befrie­di­gungs­aus­sich­ten zu haben als aus dem Ein­lö­sungs­be­trag, ist noch nicht höchst­rich­ter­lich geklärt. Sie wird im Schrift­tum kaum behan­delt 3.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs trifft die­se Beweis­last den Anfech­tungs­geg­ner. Es geht bei der Ein­lö­sungs­be­fug­nis um die Ein­wen­dung des Anfech­tungs­geg­ners, dass der Bereit­stel­lungs­an­spruch des § 11 Abs. 1 Satz 1 AnfG durch genü­gen­de Befrie­di­gung in Geld erlo­schen ist oder abge­wehrt wer­den kann. Schul­det der Anfech­tungs­geg­ner die Bereit­stel­lung der anfecht­bar erwor­be­nen Sache, so muss er bewei­sen, dass er die Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung durch Gebrauch­ma­chen von sei­ner Ein­lö­sungs­be­fug­nis besei­tigt hat. Das steht auch im Ein­klang mit der zum insol­venz­recht­li­chen Rück­ge­währ­an­spruch gemäß §§ 129, 143 InsO ver­tre­te­nen – rich­ti­gen – Auf­fas­sung, dass der Anfech­tungs­geg­ner die Beweis­last für die Ein­wen­dung trägt, die Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung durch Rück­füh­rung des Erlang­ten in das Schuld­ner­ver­mö­gen bereits voll­stän­dig besei­tigt zu haben 4.

Die Lebens­er­fah­rung über die Ver­wer­tungs­er­geb­nis­se von Grund­stücks­zwangs­ver­stei­ge­run­gen recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Ver­tei­lung der Beweis­last. Aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 20. Febru­ar 1980 5 kann nicht abge­lei­tet wer­den, dass der Voll­stre­ckungs­gläu­bi­ger oder Anfech­tungs­klä­ger jeden­falls Umstän­de dar­le­gen und bewei­sen muss, aus denen her­vor­geht, dass in der Zwangs­ver­stei­ge­rung mit Gebo­ten zu rech­nen sei, die den Ver­kehrs­wert abzüg­lich bestehen blei­ben­der Belas­tun­gen über­stei­gen. Es ist daher nicht zu bean­stan­den, dass die Klä­ge­rin ihre Annah­me, hier sol­che unge­wöhn­lich güns­ti­gen Ver­wer­tungs­er­geb­nis­se der Zwangs­ver­stei­ge­rung erwar­ten zu kön­nen, durch Sach­vor­trag nicht wei­ter unter­mau­ert hat. Aller­dings wäre ein unge­wöhn­lich star­kes Bie­t­in­ter­es­se, wel­ches in per­sön­li­chen Gege­ben­hei­ten wur­zelt, von ihr dar­zu­le­gen gewe­sen.

Dabei weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass der Stand­punkt, die Anfech­tungs­klä­ge­rin kön­ne sich auch eine Zwangs­si­che­rungs­hy­po­thek am fik­ti­ven Grund­stücks­bruch­teil des Voll­stre­ckungs­schuld­ners ein­tra­gen las­sen 6, das Ergeb­nis für die Anfech­tungs­klä­ge­rin nicht ver­bes­sert. Denn gegen die Zwangs­si­che­rungs­hy­po­thek könn­te die Anfech­tungs­schuld­ne­rin das Befrie­di­gungs­recht des Eigen­tü­mers gemäß § 1142 BGB aus­üben. Das ange­mes­se­ne Befrie­di­gungs­an­ge­bot wür­de sich jeden­falls bei anfech­tungs­recht­lich begrün­de­ter Ent­ste­hung der Zwangs­si­che­rungs­hy­po­thek auf das Maß ihrer Wert­de­ckung als dem Umfang der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung beschrän­ken, deren Fol­gen­be­sei­ti­gung die Anfech­tung bezweckt 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Janu­ar 2011 – IX ZR 13/​07

  1. zur Ein­lö­sungs­be­fug­nis des Anfech­tungs­geg­ners vgl. Jae­ger, Gläu­bi­ger­an­fech­tung 2. Aufl. 1938, § 7 AnfG Anm. 5; Huber, AnfG 10. Aufl. § 11 Rn. 10; zum Zweck des § 1142 BGB vgl. BGHZ 108, 372, 378 f[]
  2. vgl. Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof 2. Aufl. § 143 Rn. 86; in dem dort Fn. 396 zitier­ten Urteil des BGH vom 20. Febru­ar 1980 – VIII ZR 48/​79, NJW 1980, 1580, 1581 jedoch letzt­lich offen gelas­sen[]
  3. vgl. aber Jae­ger, aaO S. 254 Mit­te: Beweis­last Anfech­tungs­geg­ner[]
  4. vgl. Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, aaO § 129 Rn. 178 Fn. 847 a.E., Rn. 228a[]
  5. BGH, Urteil vom 20.02.1980, aaO S. 1581[]
  6. vgl. dazu BGHZ 90, 207, 213 f.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 24.09.1996, aaO S. 3342; Rae­bel, Fest­schrift für Gan­ter, 2010, S. 339, 347 f.[]