Ein­wen­dun­gen gegen die Klau­seler­tei­lung im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren

Im Erin­ne­rungs­ver­fah­ren nach § 766 ZPO ist der Ein­wand des Schuld­ners grund­sätz­lich nicht zu berück­sich­ti­gen, der Urkunds­be­am­te der Geschäfts­stel­le habe die der Voll­stre­ckung zugrun­de lie­gen­de Klau­sel nach §§ 724, 725 ZPO zu Unrecht ohne die gemäß § 726 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­chen Nach­wei­se erteilt.

Ein­wen­dun­gen gegen die Klau­seler­tei­lung im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren

Aller­dings wird in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass eine Voll­stre­ckungs­klau­sel, die ent­ge­gen § 726 Abs. 1 ZPO, § 20 Nr. 12 RPflG nicht vom Rechts­pfle­ger, son­dern vom Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le (§ 724 Abs. 2 ZPO) erteilt wird, unwirk­sam ist und – was bei der Voll­stre­ckung zu berück­sich­ti­gen wäre – nicht Grund­la­ge für eine ord­nungs­ge­mä­ße Voll­stre­ckung sein kann 1. Nach der Gegen­mei­nung ist eine sol­che Klau­sel zwar feh­ler­haft und anfecht­bar, nicht aber unwirk­sam 2. Die Voll­stre­ckung auf Grund einer in die­sem Sin­ne feh­ler­haf­ten Klau­sel sei bis zu ihrer Besei­ti­gung des­halb recht­mä­ßig und kön­ne nicht im Ver­fah­ren nach § 766 ZPO ange­foch­ten wer­den. Ein­wen­dun­gen des Schuld­ners, wel­che die mate­ri­el­le Zuläs­sig­keit der erteil­ten Klau­sel betref­fen, sei­en viel­mehr im Wege der Klau­seler­in­ne­rung (§ 732 ZPO) gel­tend zu machen 3.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Fra­ge bis­her offen gelas­sen und ledig­lich im Rah­men eines Klau­seler­in­ne­rungs­ver­fah­rens die Zwangs­voll­stre­ckung auf der Grund­la­ge einer vom funk­tio­nal unzu­stän­di­gen Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le erteil­ten Voll­stre­ckungs­klau­sel für unzu­läs­sig gehal­ten 4. Der Bun­des­ge­richts­hof hält die zuletzt genann­te Auf­fas­sung für zutref­fend.

Die Ertei­lung der Voll­stre­ckungs­klau­sel erfolgt gemäß § 724 Abs. 2 ZPO grund­sätz­lich durch den Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le des Pro­zess­ge­richts. Geht dort ein Antrag auf Ertei­lung einer Voll­stre­ckungs­klau­sel ein, obliegt es ihm auch zu prü­fen, ob der Titel Voll­stre­ckungs­be­din­gun­gen im Sin­ne des § 726 Abs. 1 ZPO ent­hält und es des­halb gemäß § 20 Nr. 12 RPflG dem Rechts­pfle­ger vor­be­hal­ten ist, eine dann erfor­der­li­che qua­li­fi­zier­te Klau­sel zu ertei­len. Gegen­stand die­ser Prü­fung ist der Inhalt des Titels, der in der Regel durch Aus­le­gung zu ermit­teln ist. Gelangt die Prü­fung des Urkunds­be­am­ten zum objek­tiv fal­schen Ergeb­nis und erteilt er zu Unrecht eine ein­fa­che Voll­stre­ckungs­klau­sel nach §§ 724, 725 ZPO, so liegt dar­in eine feh­ler­haf­te Aus­übung der ihm nach dem Gesetz über­tra­ge­nen Auf­ga­ben.

Die­ser Feh­ler betrifft die mate­ri­el­le Rich­tig­keit der erteil­ten Voll­stre­ckungs­klau­sel, die grund­sätz­lich nicht zur Über­prü­fung des Voll­stre­ckungs­or­gans gestellt ist. Sei­ner Nach­prü­fung unter­liegt es, ob eine Klau­sel vor­han­den ist und ob sie ord­nungs­ge­mäß erteilt wur­de, nicht hin­ge­gen, ob sie erteilt wer­den durf­te 5. Des­halb ist es ins­be­son­de­re nicht Sache des mit der Voll­stre­ckung des Titels befass­ten Voll­stre­ckungs­or­gans, die Wirk­sam­keit der Klau­sel am Inhalt des Titels zu mes­sen und die erfor­der­li­che Abgren­zung zwi­schen unbe­dingt und bedingt voll­streck­ba­ren Titeln vor­zu­neh­men. Über dahin­ge­hen­de Ein­wen­dun­gen des Schuld­ners gegen die in der Klau­sel bezeug­ten sach­li­chen Erfor­der­nis­se der Voll­stre­ckung des Titels ent­schei­det gemäß § 732 ZPO viel­mehr das­je­ni­ge Gericht, des­sen Geschäfts­stel­le die Voll­stre­ckungs­klau­sel erteilt hat. Sie sind der Nach­prü­fung durch das Voll­stre­ckungs­or­gan ent­zo­gen und kön­nen des­halb auch nicht im Erin­ne­rungs­ver­fah­ren nach § 766 ZPO vor dem Voll­stre­ckungs­ge­richt und dem ihm über­ge­ord­ne­ten Beschwer­de­ge­richt gel­tend gemacht wer­den.

Der von der Schuld­ne­rin gel­tend gemach­te Feh­ler bei der Ertei­lung der Voll­stre­ckungs­klau­sel ist nicht der­art schwer­wie­gend, dass er auch ohne eine erfolg­rei­che Anfech­tung im Ver­fah­ren nach § 732 ZPO die im Erin­ne­rungs­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen­de Unwirk­sam­keit der Klau­sel begrün­den könn­te. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann ein Voll­stre­ckungs­akt aus­nahms­wei­se, näm­lich bei grund­le­gen­den, schwe­ren Män­geln nich­tig und des­halb von vor­ne­her­ein unwirk­sam sein 6. Das gilt eben­so für Feh­ler bei der – nicht zum Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren gehö­ren­den 7 – Ertei­lung der Voll­stre­ckungs­klau­sel 8.

Macht der Schuld­ner, wie hier, gel­tend, der Urkunds­be­am­te habe die Klau­sel nach §§ 724, 725 ZPO zu Unrecht ohne die gemäß § 726 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­chen Nach­wei­se erteilt, so betrifft die­ser Ein­wand die Beur­tei­lung der mate­ri­el­len Recht­mä­ßig­keit einer Voll­stre­ckungs­klau­sel im Ein­zel­fall, die der Urkunds­be­am­te im Rah­men der ihm nach dem Gesetz zuge­wie­se­nen Auf­ga­ben erteilt hat. Eine in sol­cher Wei­se feh­ler­haft erteil­te Voll­stre­ckungs­klau­sel lei­det nicht an einem grund­le­gen­den, schwer­wie­gen­den Man­gel, der es recht­fer­ti­gen könn­te, die Über­prü­fung der Klau­seler­tei­lung dem nach obi­gen Grund­sät­zen hier­für allein vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren nach § 732 ZPO zu ent­zie­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Janu­ar 2012 – VII ZB 71/​09

  1. OLG Hamm, MDR 1987, 682; KG, Jur­Bü­ro 1999, 601, 602; OLG Mün­chen, Jur­Bü­ro 2001, 438, 439; LG Det­mold, Rpfle­ger 1996, 19; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 726 Rn. 7; Thomas/​Putzo/​Hüßtege, ZPO, 32. Aufl., § 724 Rn. 5; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 69. Aufl., § 726 Rn. 3; Brox/​Walker, Zwangs­voll­stre­ckungs­recht, 9. Aufl., Rn. 106[]
  2. OLG Zwei­brü­cken, MDR 1997, 593; OLG Koblenz, NJW 1992, 378, 379; LG Kas­sel, Jur­Bü­ro 1986, 1255; AG Olden­burg, DGVZ 1989, 142; Musielak/​Lackmann, ZPO, 8. Aufl., § 726 Rn. 4; Schuschke/​Walker, ZPO, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 5. Aufl., § 726 Rn. 18; Münch­Komm-ZPO/­Wolfs­tei­ner, 3. Aufl., § 724 Rn. 15[]
  3. OLG Hamm, Fam­RZ 1981, 199, 200; OLG Koblenz, aaO; OLG Frank­furt, Jur­Bü­ro 1976, 1122; Schuschke/​Walker, aaO[]
  4. BGH, Beschluss vom 04.10.2005 – VII ZB 40/​05, NJW 2006, 776; vgl. auch BAG, NJW 2004, 701, 702[]
  5. OLG Frank­furt, Jur­Bü­ro 1976, 1122; OLG Hamm, Fam­RZ 1981, 199; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 724 Rn. 14[]
  6. BGH, Urteil vom 16.02.1976 – II ZR 171/​74, BGHZ 66, 79, 81[]
  7. Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 724 Rn. 1[]
  8. OLG Hamm, Fam­RZ 1981, 199, 200; OLG Hamm, MDR 1987, 682; OLG Zwei­brü­cken, MDR 1997, 593[]
  9. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 12.04.2017 XII ZB 86/​16[]