Ein­zel­rich­ter oder gesetz­li­cher Rich­ter?

Das Ein­ver­ständ­nis der Par­tei­en mit einer Ent­schei­dung durch den Ein­zel­rich­ter (§ 527 Abs. 4 ZPO) bewirkt allein, dass anstel­le des Kol­le­gi­ums ein Ein­zel­rich­ter gesetz­li­cher Rich­ter sein kann. Es hat aber nicht zur Fol­ge, dass der Ein­zel­rich­ter, mit des­sen Ent­schei­dung die Par­tei­en sich ein­ver­stan­den erklä­ren, allein des­we­gen als gesetz­li­cher Rich­ter anzu­se­hen ist. Das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter ist unver­zicht­bar.

Ein­zel­rich­ter oder gesetz­li­cher Rich­ter?

Zum Begriff des gesetz­li­chen Rich­ters gehört, dass die Zutei­lung der Sachen sich nach all­ge­mei­nen Merk­ma­len rich­tet. Dar­an fehlt es, wie der Bun­des­ge­richts­hof in einem aktu­el­len Urteil aus­drück­lich fest­stellt, wenn durch eine Ände­rung der inter­nen Geschäfts­ver­tei­lung eines über­be­setz­ten Spruch­kör­pers meh­re­re bereits anhän­gi­ge Sachen in einer Wei­se auf ande­re Rich­ter ver­teilt wer­den, die kei­ne abs­trakt-gene­rel­len Kri­te­ri­en für die jewei­li­gen Zutei­lun­gen erken­nen lässt.

Nach den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt1 ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen zur Garan­tie des gesetz­li­chen Rich­ters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) ist es grund­sätz­lich gebo­ten, für mit Berufs­rich­tern über­be­setz­te Spruch­kör­per eines Gerichts im Vor­aus nach abs­trak­ten Merk­ma­len zu bestim­men, wel­che Rich­ter an den jewei­li­gen Ver­fah­ren mit­zu­wir­ken haben. Aus die­ser Vor­aus­be­stim­mung muss für den Regel­fall die Beset­zung des zustän­di­gen Spruch­kör­pers bei den ein­zel­nen Ver­fah­ren ableit­bar sein. Dies setzt einen Bestand von Rechts­sät­zen vor­aus, die für jeden Streit­fall den Rich­ter bezeich­nen, der für die Ent­schei­dung zustän­dig ist. In den nach § 21 g GVG auf­zu­stel­len­den senats­in­ter­nen Geschäfts­ver­tei­lungs­plä­nen und Mit­wir­kungs­grund­sät­zen ist des­halb für einen über­be­setz­ten Spruch­kör­per zu regeln, wel­che Rich­ter bei der Ent­schei­dung wel­cher Ver­fah­ren mit­wir­ken. Erst durch die­se Rege­lung wird der gesetz­li­che Rich­ter genau bestimmt, so dass sich die abs­trakt-gene­rel­le Vor­aus­be­stim­mung bis auf die letz­te Rege­lungs­stu­fe erstre­cken muss. Auch inso­weit gehört es zum Begriff des gesetz­li­chen Rich­ters, dass nicht für bestimm­te Ein­zel­fäl­le bestimm­te Rich­ter aus­ge­sucht wer­den, son­dern dass die ein­zel­ne Sache "blind­lings" auf­grund all­ge­mei­ner, vor­ab fest­ge­leg­ter Maß­stä­be an den ent­schei­den­den Rich­ter gelangt2.

Einer danach gerecht­fer­tig­ten Beset­zungs­rü­ge steht nicht ent­ge­gen, dass die Rich­te­rin, der der Rechts­streit durch Beschluss des Senats als Ein­zel­rich­ter zur Vor­be­rei­tung der Ent­schei­dung zuge­wie­sen wor­den war, im Ein­ver­ständ­nis der Par­tei­en als Ein­zel­rich­te­rin ent­schie­den hat (§ 527 Abs. 4 ZPO). Nach­dem die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung nicht von einem Ein­zel­rich­ter erlas­sen wor­den war, durf­te ein Ein­zel­rich­ter nach § 527 Abs. 1 bis 3 ZPO zwar zur Vor­be­rei­tung der Ent­schei­dung tätig wer­den, nicht dage­gen gemäß § 526 Abs. 1 Nr. 1 ZPO als ent­schei­den­der Ein­zel­rich­ter. Dass die Par­tei­en mit einer Ent­schei­dung durch die Rich­te­rin ein­ver­stan­den waren, bewirk­te allein, dass anstel­le des Senats ein Ein­zel­rich­ter gesetz­li­cher Rich­ter sein konn­te. Das Ein­ver­ständ­nis hat dage­gen – eben­so wie ein rüge­lo­ses Ver­han­deln gemäß § 295 Abs. 1 ZPO – nicht zur Fol­ge, dass der im kon­kre­ten Fall nicht zur Ent­schei­dung beru­fe­ne Ein­zel­rich­ter zum gesetz­li­chen Rich­ter wird. Denn dar­auf, dass der gesetz­li­che Rich­ter zu ent­schei­den hat, kön­nen die Par­tei­en nicht wirk­sam ver­zich­ten3. Das Ein­ver­ständ­nis der Par­tei­en ver­mag des­halb weder die feh­len­de4 noch die nicht ord­nungs­ge­mä­ße Zuwei­sung an den Ein­zel­rich­ter zu erset­zen. Das erhellt auch dar­aus, dass das Ein­ver­ständ­nis der Par­tei­en den Ein­zel­rich­ter nicht zur End­ent­schei­dung ver­pflich­tet, er von der Ermäch­ti­gung also kei­nen Gebrauch machen muss5. In die­sem Fall wäre der Senat in der sich aus der senats­in­ter­nen Geschäfts­ver­tei­lung erge­ben­den Beset­zung zur Ent­schei­dung beru­fen gewe­sen, die aber, wie aus­ge­führt, den Anfor­de­run­gen an die Bestim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters nicht ent­spricht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. März 2009 – XII ZR 75/​06

  1. BVerfGE 97, 1 ff. = NJW 1998, 743, 744; BVerfGE 95, 322 ff. = NJW 1997, 1497 ff. und NJW 2005, 2689, 2690 []
  2. vgl. auch BGH Urteil vom 16. Okto­ber 2008 – IX ZR 183/​06ZIP 2009, 91, 93 []
  3. BGH, Urtei­le vom 19. Okto­ber 1992 – II ZR 171/​91NJW 1993, 600 f.; vom 25. Janu­ar 2000 – VII ZR 32/​99NJW 2001, 1357 und vom 16. Okto­ber 2008 – IX ZB 183/​06ZIP 2009, 91, 93 []
  4. Musielak/​Ball ZPO 6. Aufl. § 527 Rdn. 9 []
  5. Musielak/​Ball aaO § 527 Rdn. 9; Münch­Komm-ZPO/ Rim­mels­pa­cher 3. Aufl. § 527 Rdn. 14 []