Ent­las­sung eines Mit­glieds des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses

Die Ent­las­sung eines Mit­glieds des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses auf sei­nen eige­nen Antrag setzt einen wich­ti­gen Grund vor­aus. Ein sol­cher liegt vor, wenn die Fort­set­zung der Tätig­keit für das Mit­glied des Aus­schus­ses bei Abwä­gung der Inter­es­sen unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls unzu­mut­bar ist. Die Fort­set­zung der Tätig­keit als Mit­glied des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses kann unzu­mut­bar sein, wenn nicht gesi­chert ist, dass die Kos­ten einer ange­mes­se­nen Haft­pflicht­ver­si­che­rung für die­se Tätig­keit von der Mas­se getra­gen wer­den kön­nen.

Ent­las­sung eines Mit­glieds des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses

Ein Mit­glied des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses kann sein Amt nicht nie­der­le­gen. Es kann aber auf eige­nen Antrag vom Insol­venz­ge­richt aus sei­nem Amt ent­las­sen wer­den. Vor­aus­set­zung ist – wie bei einer Ent­las­sung von Amts wegen oder auf Antrag der Gläu­bi­ger­ver­samm­lung – ein wich­ti­ger Grund (§ 70 Satz 1 und 2 InsO) 1. Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs liegt ein sol­cher vor, wenn die wei­te­re Mit­ar­beit des zu ent­las­sen­den Mit­glieds die Erfül­lung der Auf­ga­ben des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses nach­hal­tig erschwert oder unmög­lich macht und die Errei­chung der Ver­fah­rens­zie­le objek­tiv nach­hal­tig gefähr­det 2. Sie betrifft Fäl­le, in denen die Ent­las­sung gegen den Wil­len des Aus­schuss­mit­glieds erfol­gen soll. Die­se For­mel kann aber nicht ver­wen­det wer­den, wenn ein Mit­glied des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses selbst sei­ne Ent­las­sung bean­tragt. In die­sem Fall ist eine Beein­träch­ti­gung der Arbeit des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses und eine Gefähr­dung der Ver­fah­rens­zie­le regel­mä­ßig nicht auf­grund einer wei­te­ren Mit­ar­beit des Aus­schuss­mit­glieds zu erwar­ten, son­dern als Fol­ge sei­nes Aus­schei­dens. Die­sen mög­li­chen Nach­tei­len ist das Inter­es­se des Aus­schuss­mit­glieds an einer Been­di­gung sei­nes Amtes gegen­über­zu­stel­len. Erweist sich bei Abwä­gung der Inter­es­sen unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls die Fort­set­zung der Tätig­keit als Mit­glied des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses für die­ses als unzu­mut­bar, ist ein wich­ti­ger Grund für die von ihm bean­trag­te Ent­las­sung gege­ben 3. Eine sol­che Unter­schei­dung im Ent­las­sungs­grund, je nach­dem ob das Aus­schuss­mit­glied die Ent­las­sung erstrebt oder abweh­ren will, ent­spricht der­je­ni­gen der Bestim­mung in § 626 Abs. 1 BGB über die frist­lo­se Kün­di­gung eines Dienst­ver­hält­nis­ses aus wich­ti­gem Grund 4. Auch dort ist maß­geb­lich, ob eine Fort­set­zung des Dienst­ver­hält­nis­ses für den jeweils Kün­di­gen­den zumut­bar ist.

Die Tätig­keit im Gläu­bi­ger­aus­schuss birgt ein beträcht­li­ches Haf­tungs­ri­si­ko (§ 71 InsO) 5. Jeden­falls in umfang­rei­chen Insol­venz­ver­fah­ren haben die Mit­glie­der des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses des­halb ein berech­tig­tes Inter­es­se, sich durch eine ange­mes­se­ne Haft­pflicht­ver­si­che­rung abzu­si­chern. Schließt das Mit­glied in einem sol­chen Fall die Ver­si­che­rung selbst ab, hat es Anspruch auf Erstat­tung der ver­aus­lag­ten Prä­mi­en nach § 18 Ins­VV 6. Anders als beim Insol­venz­ver­wal­ter sind die Kos­ten der Haft­pflicht­ver­si­che­rung nicht mit der Ver­gü­tung abge­gol­ten; die Rege­lung in § 4 Abs. 3 Satz 1 Ins­VV ist auf die Ver­gü­tung der Mit­glie­der des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses nicht ent­spre­chend anwend­bar (vgl. § 10 Ins­VV). Wegen der Höhe der Prä­mi­en einer der­ar­ti­gen Ver­si­che­rung kommt auch die Gewäh­rung eines Vor­schus­ses an das Aus­schuss­mit­glied in Betracht. Teil­wei­se wird es als zuläs­sig ange­se­hen, dass die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en im Ein­ver­ständ­nis des Insol­venz­ge­richts direkt aus der Mas­se bezahlt wer­den 7.

Im vor­lie­gen­den Fall ist das Mit­glied des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses wegen der von der Mas­se gericht­lich ver­folg­ten umfang­rei­chen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen die Haft­pflicht­ver­si­che­rung des frü­he­ren Insol­venz­ver­wal­ters auch noch im gege­be­nen fort­ge­schrit­te­nen Ver­fah­rens­sta­di­um – etwa im Zusam­men­hang mit einem Ver­gleichs­ab­schluss – einem erheb­li­chen Haf­tungs­ri­si­ko aus­ge­setzt. Sein Inter­es­se, die­ses Risi­ko auf Kos­ten der Mas­se durch eine Haft­pflicht­ver­si­che­rung abge­si­chert zu wis­sen, ist berech­tigt. Ob er inso­weit die unmit­tel­ba­re Bezah­lung der Prä­mi­en aus der Mas­se, die Gewäh­rung eines Vor­schus­ses oder nur die nach­träg­li­che Erstat­tung ver­aus­lag­ter Prä­mi­en ver­lan­gen kann, ist im Blick auf sei­nen Ent­las­sungs­an­trag nicht ent­schei­dend. Fest steht, dass die Ver­si­che­rungs­prä­mie ent­ge­gen der zunächst jah­re­lang gehand­hab­ten Übung ab Juli 2011 nicht mehr aus der Mas­se bezahlt wor­den ist und dass die Mas­se der­zeit nicht aus­reicht, um die rück­stän­di­gen und die künf­ti­gen Prä­mi­en zu bezah­len. Ob die ver­folg­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che zu einer aus­rei­chen­den Erhö­hung der Mas­se füh­ren, ist unge­wiss. Das Gläu­bi­ger­aus­schuss­mit­glied muss des­halb damit rech­nen, eige­ne Zah­lun­gen auf die Prä­mi­en nicht erstat­tet zu bekom­men.

Dem­ge­gen­über wiegt das Inter­es­se an einem Fort­be­stand des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses unter Ein­schluss des sei­ne Ent­las­sung bean­tra­gen­den Mit­glieds weni­ger schwer. Der Gläu­bi­ger­aus­schuss ist auch ohne ihn funk­ti­ons­fä­hig. Selbst dann, wenn wei­te­re Aus­schuss­mit­glie­der unter Beru­fung auf den feh­len­den Ver­si­che­rungs­schutz aus­schie­den und der Aus­schuss voll­stän­dig auf­ge­löst wer­den müss­te, wäre eine geord­ne­te wei­te­re Abwick­lung des Insol­venz­ver­fah­rens nicht erheb­lich gefähr­det.

Eine Gesamt­wür­di­gung führt des­halb zu dem Ergeb­nis, dass ihm wei­te­re Aus­übung sei­nes Amtes als Mit­glied des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses unter den gege­be­nen Umstän­den nicht zuzu­mu­ten ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. März 2012 – IX ZB 310/​11

  1. BT-Drucks. 12/​2443, S. 132 zu § 81 RegE­In­sO[]
  2. BGH, Beschluss vom 01.03.2007 – IX ZB 47/​06, WM 2007, 842 Rn. 9; vom 24.01.2008 – IX ZB 222/​05, WM 2008, 599 Rn. 7; vom 24.01.2008 – IX ZB 223/​05, WM 2008, 601 Rn. 5[]
  3. vgl. LG Göt­tin­gen, NZI 2011, 857 mit zustim­men­der Anmer­kung Kel­ler, NZI 2011, 910; AG Duis­burg, NZI 2003, 659; ähn­lich bei eige­nem Ent­las­sungs­an­trag Münch­Komm-InsO/­Schmid­Burgk, 2. Aufl., § 70 Rn. 16; Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 70 Rn. 6; Küb­ler in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2011, § 70 Rn. 9; HK-InsO/Eick­mann, 6. Aufl., § 70 Rn. 4; Hess, Insol­venz­recht, § 70 InsO Rn. 7; Gundlach/​Frenzel/​Schmidt, InVo 2003, 49, 50[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 01.03.2007, aaO Rn. 10[]
  5. Uhlen­bruck, InsO, aaO § 73 Rn. 21; Val­len­der, WM 2002, 2040, 2049[]
  6. Haarmeyer/​Wutzke/​Förster, Ins­VV, 4. Aufl., § 18 Rn. 4 f; Kel­ler, Ver­gü­tung und Kos­ten im Insol­venz­ver­fah­ren, 3. Aufl., Rn. 789; BKInsO/​Blersch, 2006, § 18 Ins­VV Rn. 7; Braun/​Kind, InsO, 4. Aufl., § 71 Rn. 12; Küb­ler in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2011, § 71 Rn. 26 und § 73 Rn. 17; Vortmann, ZIn­sO 2006, 310, 314; Uhlen­bruck, aaO mwN[]
  7. Blersch aaO; Val­len­der aaO[]