Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und das zwi­schen­zeit­lich eröff­ne­te Insol­venz­ver­fah­ren

Zwar darf das Gericht grund­sätz­lich kei­ne Ent­schei­dung zur Haupt­sa­che mehr tref­fen, wenn das Ver­fah­ren unter­bro­chen ist 1.

Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und das zwi­schen­zeit­lich eröff­ne­te Insol­venz­ver­fah­ren

Ist aber wie im Fall der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de kei­ne münd­li­che Ver­hand­lung vor­ge­schrie­ben, so kann in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 249 Abs. 3 ZPO eine Ent­schei­dung auch wäh­rend der Unter­bre­chung des Ver­fah­rens erge­hen, wenn

  • kei­ne Fris­ten mehr lau­fen,
  • alle erfor­der­li­chen Pro­zess­hand­lun­gen vor Ein­tritt der Unter­bre­chung vor­ge­nom­men wor­den sind,
  • der Beschwer­de­füh­rer wegen des Ablaufs der Begrün­dungs­frist (§ 544 Abs. 2 ZPO) vor Ein­tritt der Unter­bre­chung mit wei­te­rem Vor­trag zur Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de aus­ge­schlos­sen ist und
  • durch die Zustel­lung der Ent­schei­dung kei­ne Frist in Lauf gesetzt wird 2.

Die Beschlüs­se des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 27.11.2003 3, vom 26.06.2009 4, vom 24.11.2010 5 und vom 22.11.2012 6 geben kei­nen Anlass für eine Vor­la­ge an den Gemein­sa­men Bun­des­ge­richts­hof der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des nach dem Gesetz zur Wah­rung der Ein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des vom 19.06.1968 7 (fort­an: RsprEin­hG). Eine Diver­genz liegt nicht vor:

Die Vor­la­ge­pflicht setzt die Abwei­chung in einer Rechts­fra­ge vor­aus (§ 2 Abs. 1 RsprEin­hG). Die­sel­be Rechts­fra­ge liegt immer dann vor, wenn wegen der Gleich­heit des Rechts­pro­blems die Ent­schei­dung ohne Rück­sicht auf die Ver­schie­den­heit der Fäl­le oder der anwend­ba­ren Vor­schrif­ten nur ein­heit­lich erge­hen kann 8. Ein Rechts­satz, den ein Revi­si­ons­ge­richt zur Beur­tei­lung des ihm unter­brei­te­ten Fal­les auf­ge­stellt hat, gilt für ande­re Fäl­le nur, wenn die­se der ent­schie­de­nen Sache in den wesent­li­chen Bezie­hun­gen gleich­kom­men 9, das heißt wenn die Sach­ver­hal­te ledig­lich nicht rechts­er­heb­li­che Unter­schie­de auf­wei­sen 10. Eine Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts kann nur eine Ant­wort auf den zu ent­schei­den­den Fall geben; die­ser bestimmt auch da, wo es dem Revi­si­ons­ge­richt nicht gelingt, sich in sei­ner Aus­drucks­wei­se auf ihn zu beschrän­ken, die Trag­wei­te der Ent­schei­dung für künf­ti­ge Fäl­le 11.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat nicht über die­sel­be Rechts­fra­ge ent­schie­den, die der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung zugrun­de liegt. Zwar heißt es in den Grün­den sei­ner Beschlüs­se jeweils, eine in Unkennt­nis der Insol­venz­eröff­nung erlas­se­ne Ent­schei­dung sei ohne recht­li­che Wir­kung und aus Grün­den der Rechts­klar­heit auf­zu­he­ben. Die­ser all­ge­mein for­mu­lier­te Rechts­satz ist aber unter der unaus­ge­spro­che­nen Vor­aus­set­zung zu ver­ste­hen, dass die Ent­schei­dung wegen der Ver­fah­rens­un­ter­bre­chung unzu­läs­sig war, nicht wie hier trotz der Unter­bre­chung aus­nahms­wei­se zuläs­sig. Denn weder den Beschluss­grün­den noch den jeweils vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen über die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­den 12 ist zu ent­neh­men, dass der Bun­des­fi­nanz­hof über einen Fall ent­schie­den hat, in dem wie hier die Vor­aus­set­zun­gen vor­la­gen, unter denen aus­nahms­wei­se in einem unter­bro­che­nen Ver­fah­ren noch eine Ent­schei­dung erlas­sen wer­den darf. Ob eine sol­che Aus­nah­me vor­liegt oder nicht, ist rechts­er­heb­lich. Ihre Mög­lich­keit ist auch in der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs aner­kannt 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2018 – IX ZR 82/​16

  1. BGH, Urteil vom 29.01.1976 – IX ZR 28/​73, BGHZ 66, 59, 61 f mwN; Beschluss vom 22.12 2016 – IX ZR 259/​15, WM 2017, 925 Rn. 3[]
  2. BFH/​NV 2015, 1252 Rn. 10; Prütting/​Gehrlein/​Anders, ZPO, 10. Aufl., § 249 Rn. 9[]
  3. BFH, Beschluss vom 27.11.2003 – VII B 236/​02, BFH/​NV 2004, 366[]
  4. BFH, Beschluss vom 26.06.2009 – V B 23/​08, BFH/​NV 2009, 1819[]
  5. BFH, Beschluss vom 24.11.2010 – IV B 136/​08, BFH/​NV 2011, 613[]
  6. BFH, Beschluss vom 22.11.2012 – III B 73/​11, BFH/​NV 2013, 246[]
  7. BGBl. I S. 661[]
  8. BVerfG, NStZ 1993, 90, 91; wis­tra 2009, 307, 309; Münch­Komm-StPO/Cier­niak/Pohlit, § 132 GVG Rn. 11[]
  9. BVerfG, NStZ 1993, 90, 91[]
  10. BGH, Beschluss vom 24.04.1986 2 StR 565/​85, BGHSt 34, 71, 76[]
  11. BVerfG, NStZ 1993, 90, 91; BGH, aaO mwN; Münch­Komm-StPO/Cier­niak/Pohlit, aaO[]
  12. BFH/​NV 2003, 1208; 2009, 801; 2010, 918; 2012, 1825[]
  13. BFH/​NV 2007, 2118 Rn. 6; 2015, 1252 Rn. 10; 2017, 917 Rn. 12[]