Ent­schei­dung über den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag – vor Ablauf der Wie­der­ein­set­zungs­frist

Über einen Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand darf das Gericht nicht vor Ablauf der Wie­der­ein­set­zungs­frist ent­schei­den. Eine vor­zei­ti­ge Ent­schei­dung kann den Anspruch des Antrag­stel­lers auf recht­li­ches Gehör ver­let­zen und die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de begrün­den1.

Ent­schei­dung über den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag – vor Ablauf der Wie­der­ein­set­zungs­frist

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­pflich­tet Art. 103 Abs. 1 GG das Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Dadurch soll sicher­ge­stellt wer­den, dass die Ent­schei­dung frei von Ver­fah­rens­feh­lern ergeht, die ihren Grund in unter­las­se­ner Kennt­nis­nah­me und Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags der Par­tei­en haben. In die­sem Sin­ne gebie­tet Art. 103 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit den Grund­sät­zen der Zivil­pro­zess­ord­nung die Berück­sich­ti­gung jedes Schrift­sat­zes, der inner­halb einer gesetz­li­chen oder rich­ter­lich bestimm­ten Frist bei Gericht ein­geht2. Danach darf das Gericht über einen Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht vor Ablauf der Wie­der­ein­set­zungs­frist ent­schei­den; dabei ist uner­heb­lich, ob es die Sache für ent­schei­dungs­reif hält, weil der Antrags­stel­ler inner­halb der Frist zu den Wie­der­ein­set­zungs­grün­den ergän­zend vor­tra­gen kann und darf3.

Gegen die­se Grund­sät­ze hat hier das Beru­fungs­ge­richt ver­sto­ßen: Das Beru­fungs­ge­richt hat sich in zivil­pro­zes­su­al unzu­läs­si­ger Wei­se der Mög­lich­keit bege­ben, Vor­trag zur Kennt­nis zu neh­men und zu wür­di­gen, da es vor Frist­ab­lauf einen Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand beschie­den hat. Die Frist zur Bean­tra­gung der Wie­der­ein­set­zung beträgt nach § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO einen Monat, wenn die Par­tei ver­hin­dert ist, die Frist zur Begrün­dung der Beru­fung ein­zu­hal­ten. Sie beginnt mit dem Tag, an dem das Hin­der­nis beho­ben ist (§ 234 Abs. 2 ZPO). Dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers ist die Ver­fü­gung des Beru­fungs­ge­richts am 22.04.2015 zuge­stellt wor­den. Selbst wenn man für des­sen Kennt­nis von der Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist als Zeit­punkt der Behe­bung des Hin­der­nis­ses auf die­ses Datum abstellt, war am 12.05.2015 die Monats­frist des § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO noch nicht abge­lau­fen. Die Beschei­dung des Wie­der­ein­set­zungs­an­trags war mit­hin ver­früht. Dabei kann dahin­ste­hen, ob – wie von der Beschwer­de vor­ge­tra­gen – eine gericht­li­che Hin­weis­pflicht bestand, den Klä­ger auf sei­nen für unzu­rei­chend erach­te­ten Vor­trag hin­zu­wei­sen4.

Der Ver­stoß war ent­schei­dungs­er­heb­lich, denn es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Klä­ger sei­nen Vor­trag zur Begrün­dung des Wie­der­ein­set­zungs­an­trags bis zum Frist­ab­lauf hin­rei­chend ergänzt hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Novem­ber 2016 – VI ZB 27/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 17.02.2011 – V ZB 310/​10, NJW 2011, 1363
  2. BVerfGE 53, 219, 222; vgl. auch Zöller/​Greger, ZPO, 31. Aufl., Vor § 128 Rn. 6 jeweils mwN
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 17.02.2011 – V ZB 310/​10, NJW 2011, 1363 Rn. 4
  4. vgl. zur Reich­wei­te der Hin­weis­pflich­ten bei Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand etwa BGH, Beschluss vom 16.08.2016 – VI ZB 19/​16, VersR 2016, 1463 Rn. 7 ff.; BGH, Beschlüs­se vom 03.04.2008 – I ZB 73/​07, GRUR 2008, 837; und vom 10.03.2011 – VII ZB 28/​10, NJW-RR 2011, 790