Ent­schei­dungs­kon­flikt bei aus­rei­chen­der Pati­en­ten­auf­klä­rung

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs darf der Tatrich­ter Fest­stel­lun­gen dar­über, wie sich ein Pati­ent bei aus­rei­chen­der Auf­klä­rung ent­schie­den hät­te, und ob er in einen Ent­schei­dungs­kon­flikt gera­ten wäre, grund­sätz­lich nicht ohne per­sön­li­che Anhö­rung des Pati­en­ten tref­fen; ein Aus­nah­me­fall kann vor­lie­gen, wenn schon die unstrei­ti­gen äuße­ren Umstän­de eine siche­re Beur­tei­lung der hypo­the­ti­schen Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on erlau­ben 1.

Ent­schei­dungs­kon­flikt bei aus­rei­chen­der Pati­en­ten­auf­klä­rung

Im Streit­fall hat die Pati­en­tin erst­in­stanz­lich und mit der Beru­fung vor­ge­tra­gen, sie sei über die Risi­ken der Che­mo-The­ra­pie nicht auf­ge­klärt wor­den, ins­be­son­de­re auch über die letzt­lich unge­nü­gen­den per­so­nel­len und medi­ka­men­tö­sen Ver­sor­gungs­mög­lich­kei­ten der Beklag­ten im Fall einer Kom­pli­ka­ti­on durch ein Para­va­sat. Wäre ihr dies alles vor Beginn der Che­mo-The­ra­pie erläu­tert wor­den, hät­te sie eine Fach­kli­nik auf­ge­sucht, den Ein­griff also nicht in der Pra­xis ihres Arz­tes vor­neh­men las­sen.

Das Vor­brin­gen der Pati­en­tin, sie hät­te bei Kennt­nis der Gefah­ren der Che­mo-The­ra­pie eine Fach­kli­nik auf­ge­sucht, ist als aus­rei­chen­der Vor­trag für einen Ent­schei­dungs­kon­flikt anzu­se­hen, weil inso­weit nur gerin­ge Anfor­de­run­gen an die Sub­stan­ti­ie­rungs­pflicht des Pati­en­ten zu stel­len sind. Ins­be­son­de­re gilt dies im Hin­blick dar­auf, dass das Prä­pa­rat Save­ne nach den Aus­füh­run­gen des Gerichts­sach­ver­stän­di­gen wegen der Kos­ten von ca. 12.000 € in Pra­xen als Not­fall­prä­pa­rat ver­mut­lich nicht und auch nur in der Zen­tral­apo­the­ke der medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le H. vor­ge­hal­ten wird. Im Hin­blick auf die mög­li­chen schwer­wie­gen­den Fol­gen eines Para­va­sats durf­te die Plau­si­bi­li­tät eines Ent­schei­dungs­kon­flikts unter die­sen Umstän­den nicht ohne Anhö­rung der Pati­en­tin ver­neint wer­den. Das Vor­lie­gen eines Aus­nah­me­falls hat das Beru­fungs­ge­richt nicht ange­nom­men und ist auch nicht gege­ben. Es liegt mit­hin eine Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Sep­tem­ber 2015 – VI ZR 418/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 26.06.1990 – VI ZR 289/​89VersR 1990, 1238, 1240; vom 01.02.2005 – VI ZR 174/​03, VersR 2005, 694; vom 17.04.2007 – VI ZR 108/​06, VersR 2007, 999, 1000; vom 30.09.2014 – VI ZR 443/​13, VersR 2015, 196 Rn.19[]