Bewer­tung von nach dem Erb­fall ver­äu­ßer­ten Nach­lass­ge­gen­stän­den

Die Bewer­tung von Nach­lass­ge­gen­stän­den, die nach dem Erb­fall ver­äu­ßert wer­den, ori­en­tiert sich, soweit nicht außer­ge­wöhn­li­che Ver­hält­nis­se vor­lie­gen, am tat­säch­lich erziel­ten Ver­kaufs­preis. Das gilt unab­hän­gig davon, ob die Gegen­stän­de (hier: Grund­stü­cke) zu einem Preis ver­äu­ßert wer­den, der über oder unter dem durch einen Sach­ver­stän­di­gen ermit­tel­ten Schätz­wert liegt. Dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig für den Wert des Nach­lass­ge­gen­stan­des im Zeit­punkt des Erb­falls ist der Pflicht­teils­be­rech­tig­te.

Bewer­tung von nach dem Erb­fall ver­äu­ßer­ten Nach­lass­ge­gen­stän­den

Gemäß § 2311 Abs. 1 Satz 1 BGB wer­den bei der Berech­nung des Pflicht­teils der Bestand und der Wert des Nach­las­ses zur Zeit des Erb­fal­les zugrun­de gelegt. Der Pflicht­teils­be­rech­tig­te ist wirt­schaft­lich so zu stel­len, als sei der Nach­lass beim Tod des Erb­las­sers in Geld umge­setzt wor­den [1]. Abzu­stel­len ist mit­hin auf den so genann­ten gemei­nen Wert, der dem Ver­kaufs­wert im Zeit­punkt des Erb­fal­les ent­spricht. Da der­ar­ti­ge Schät­zun­gen mit Unsi­cher­hei­ten ver­bun­den sind, ent­spricht es der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass sich die Bewer­tung von Nach­lass­ge­gen­stän­den, die bald nach dem Erb­fall ver­äu­ßert wor­den sind, von außer­ge­wöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen abge­se­hen, grund­sätz­lich an dem tat­säch­lich erziel­ten Ver­kaufs­preis ori­en­tie­ren muss [2].

Die Fra­ge der Ver­tei­lung der Beweis­last für unver­än­der­te Markt­ver­hält­nis­se und die Ver­än­de­rung der Bau­sub­stanz zwi­schen Erb­fall und Ver­äu­ße­rung des Grund­stücks, wenn das Grund­stück nicht über, son­dern – wie hier – unter dem Schätz­wert ver­kauft wird, ist durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bereits geklärt. Zunächst ist die Maß­geb­lich­keit des Ver­äu­ße­rungs­er­lö­ses nicht auf die Fäl­le beschränkt, in denen der Ver­äu­ße­rungs­er­lös über dem Schätz­wert des Gut­ach­ters liegt. Viel­mehr hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits [3] ent­schie­den, dass der tat­säch­lich erreich­te Preis ein wesent­li­cher Anhalts­punkt für die Schät­zung des Ver­kehrs­werts gemäß § 287 ZPO ist, auch wenn er nied­ri­ger aus­fällt als anhand all­ge­mei­ner Erfah­rungs­wer­te zu erwar­ten gewe­sen wäre.

Dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig für alle Tat­sa­chen, von denen der Grund und die Höhe des von ihm erho­be­nen Anspruchs abhän­gen, ist der Pflicht­teils­be­rech­tig­te [4]. Ist grund­sätz­lich für die Berech­nung des Ver­kehrs­werts der Ver­kaufs­er­lös zugrun­de zu legen, so trifft den Pflicht­teils­be­rech­tig­ten auch die Dar­le­gungs- und Beweis­last dafür, dass der Ver­kaufs­er­lös nicht dem Ver­kehrs­wert im Zeit­punkt des Erb­fal­les ent­spricht. Hier­zu muss der Pflicht­teils­be­rech­tig­te dar­le­gen und bewei­sen, dass sich bei einer Ver­äu­ße­rung des Grund­stücks unter dem Schätz­wert die Markt­ver­hält­nis­se seit dem Zeit­punkt des Erb­fal­les ver­än­dert haben. Ent­spre­chend trifft ihn umge­kehrt bei einer Ver­äu­ße­rung des Grund­stücks über dem Schätz­wert die Beweis­last dafür, dass die Markt­ver­hält­nis­se seit dem Erb­fall im Wesent­li­chen unver­än­dert geblie­ben sind [5]. Ein Grund dafür, hin­sicht­lich der Beweis­last danach zu dif­fe­ren­zie­ren, ob das Grund­stück über oder unter dem Schätz­wert ver­kauft wur­de, besteht nicht. Eben­so trifft den Pflicht­teils­be­rech­tig­ten die Beweis­last für erfolg­te oder unter­blie­be­ne bau­li­che Ver­än­de­run­gen des Grund­stücks nach dem Erb­fall. Auch hat der Bun­des­ge­richts­hof [6] ledig­lich aus­ge­führt, der spä­te­re höhe­re Ver­kaufs­preis sei auch dann aus­schlag­ge­bend, wenn der Erbe nicht wesent­li­che Ver­än­de­run­gen der Bau­sub­stanz dar­le­gen kön­ne. Hier­bei geht es aber aus­schließ­lich um die Dar­le­gungs­last, wäh­rend sich an der Beweis­last des Pflicht­teils­be­rech­tig­ten nichts ändert. Das gilt gera­de auch in einem Fall wie dem vor­lie­gen­den, in dem die Klä­ge­rin behaup­tet, die Erben hät­ten das Grund­stück und das Haus nach dem Erb­fall "ver­kom­men" las­sen, so dass es erst nach dem Erb­fall zu einer Wert­min­de­rung gekom­men sei.

Dabei kann auf den Ver­kaufs­er­lös auch dann noch abge­stellt wer­den, wenn zwi­schen Erb­fall und Ver­kauf ein Zeit­raum von drei­ein­halb Jah­ren liegt. In sei­nem Urteil vom 14. Okto­ber 1992 [7] hat der Bun­des­ge­richts­hof selbst einen Zeit­raum von fünf Jah­ren zwi­schen Erb­fall und Ver­äu­ße­rung als noch hin­nehm­bar für die Maß­geb­lich­keit des Ver­äu­ße­rungs­er­lö­ses betrach­tet, wenn (dort im Fall einer Ver­äu­ße­rung zu einem höhe­ren Preis) der Pflicht­teils­be­rech­tig­te beweist, dass die Markt­ver­hält­nis­se seit dem Erb­fall im Wesent­li­chen unver­än­dert geblie­ben sind und die Erben auch kei­ne wesent­li­che Ver­än­de­rung der Bau­sub­stanz dar­le­gen kön­nen. Der Grund­ge­dan­ke, dass eine Bewer­tung, die an einen kon­kre­ten Ver­kauf des betref­fen­den Gegen­stan­des anknüp­fen kann, den Vor­zug vor einer Schät­zung ver­dient, die sich nur an all­ge­mei­nen Erfah­rungs­wer­ten ori­en­tiert, ist grund­sätz­lich auch bei einem grö­ße­ren zeit­li­chen Abstand zwi­schen Erb­fall und Ver­äu­ße­rung gül­tig. Das zeigt sich auch hier gera­de­zu exem­pla­risch, weil für das Grund­stück drei ver­schie­de­ne Gut­ach­ten ein­ge­holt wur­den, die zu völ­lig unter­schied­li­chen Wer­ten kom­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Novem­ber 2010 – IV ZR 124/​09

  1. BGHZ 14, 368, 376; BGH, Urtei­le vom 14.10.1992 – IV ZR 211/​91, NJW-RR 1993, 131; vom 13.03.1991 – IV ZR 52/​90, NJW-RR 1991, 900[]
  2. BGH, Urtei­le vom 14.10.1992 und 13.03.1991, aaO; vom 24.03.1993 – IV ZR 291/​91, NJW-RR 1993, 834; vom 17.03.1982 – IVa ZR 27/​81, NJW 1982, 2497[]
  3. in BGH, Urteil vom 14.10.1992 – IV ZR 211/​91, NJW-RR 1993, 131[]
  4. BGHZ 7, 134, 136; zuletzt BGH, Urteil vom 10.03.2010 – IV ZR 264/​08, WM 2010, 1084[]
  5. so aus­drück­lich BGH, Urteil vom 14.10.1992, aaO[]
  6. in BGH, Urteil vom 14.10.1992, aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 14.10.1992 – IV ZR 21/​91, NJW-RR 1993, 131[]