Die nach ita­lie­ni­schem Recht beschränk­te Erben­haf­tung – und die Pro­zess­kos­ten

§ 780 Abs. 1 ZPO ist auf die Annah­me der Erb­schaft mit Vor­be­halt der Inven­tar­er­rich­tung nach ita­lie­ni­schem Recht (Art. 470 Abs. 1 Halbs. 2 Codi­ce Civi­le) ent­spre­chend anzu­wen­den, weil die­se zu einer gegen­ständ­li­chen, der Nach­lass­ver­wal­tung nach § 1975 BGB ähn­li­chen Haf­tungs­be­schrän­kung führt.

Die nach ita­lie­ni­schem Recht beschränk­te Erben­haf­tung – und die Pro­zess­kos­ten

Zwar hat der Erbe nach deut­schem Recht die Kos­ten eige­ner Pro­zess­füh­rung als Pro­zess­par­tei ohne die Mög­lich­keit einer Haf­tungs­be­schrän­kung selbst zu tra­gen 1. Die Haf­tung des Erben für Pro­zess­kos­ten für einen im Zusam­men­hang mit dem Erb­fall geführ­ten Rechts­streit bestimmt sich jedoch nach dem jeweils ein­schlä­gi­gen Erb­sta­tut.

Der Mei­nung, bei der Nach­las­sab­wick­lung rich­te sich die Schul­den­haf­tung nach außen und dabei ins­be­son­de­re die Mög­lich­keit der Vor­nah­me haf­tungs­be­schrän­ken­der Maß­nah­men nach der lex fori 2, ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof nicht bei­zu­tre­ten. Der Grund­satz, dass Ver­fah­rens­fra­gen nach dem jewei­li­gen Pro­zess­recht des Gerichts zu beur­tei­len sind, führt nicht dazu, dass auch die damit im Zusam­men­hang ste­hen­den sach­recht­li­chen Fra­gen unter Anwen­dung des mate­ri­el­len Rechts des Pro­zess­ge­richts zu beant­wor­ten sind. Ob der ver­ur­teil­te Erbe unein­ge­schränkt oder beschränkt (nur mit dem Nach­lass) für die Pro­zess­kos­ten haf­tet, bestimmt sich gemäß Art. 25 EGBGB nach dem Erb­sta­tut. Die­ses ent­schei­det über die Haf­tung des Erben für Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten sowie über die Vor­aus­set­zun­gen und die Fol­gen einer Haf­tungs­be­schrän­kung auf den Nach­lass und damit ins­be­son­de­re, für wel­che mit dem Erb­fall zusam­men­hän­gen­den Schul­den der Erbe ein­zu­ste­hen hat 3. Es bestimmt, wel­che Arten von Ver­bind­lich­kei­ten zu den Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten gehö­ren, ob hier­zu nur die vom Erb­las­ser her­rüh­ren­den Schul­den oder auch die durch die Nach­las­sab­wick­lung oder die Ver­wal­tung des Nach­las­ses ent­ste­hen­den Kos­ten zu zäh­len sind. Soweit die jeweils ein­schlä­gi­gen Rechts­ord­nun­gen die Mög­lich­keit einer Beschrän­kung der Erben­haf­tung durch Inven­tar­er­rich­tung bei Annah­me der Erb­schaft vor­se­hen, beur­tei­len sich die Vor­aus­set­zun­gen, Moda­li­tä­ten und Wir­kun­gen einer Inven­tar­er­rich­tung eben­falls nach dem Erb­sta­tut 4.

Dem­ge­mäß kommt hier das ita­lie­ni­sche Erbrecht zur Anwen­dung. Nach Art. 25 Abs. 1 EGBGB unter­liegt die Rechts­nach­fol­ge von Todes wegen dem Recht des Staa­tes, dem der Erb­las­ser im Zeit­punkt sei­nes Todes ange­hör­te. Das ita­lie­ni­sche Kol­li­si­ons­recht knüpft in Art. 46 Abs. 1 IPRG hin­sicht­lich der Bestim­mung des ein­schlä­gi­gen Erb­sta­tuts eben­falls an die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Erb­las­sers zum Zeit­punkt des Todes an 5; es erfasst alle mit der Beer­bung zusam­men­hän­gen­den Fra­gen unter Ein­schluss der Erben­haf­tung für Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten 6.

Aus dem ita­lie­ni­schen Erbrecht könn­te sich erge­ben, dass – wie sei­tens der Beklag­ten unter Vor­la­ge einer rechts­gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­me vor­ge­tra­gen – abwei­chend von dem deut­schen Recht die Pro­zess­kos­ten aus einem gegen den Erben geführ­ten Rechts­streit, der eine For­de­rung des Nach­las­ses betrifft, nur vom Nach­lass und nicht von dem Erben per­sön­lich zu tra­gen sind.

Um die­sem Umstand Rech­nung zu tra­gen, hät­te der Beklag­ten hin­sicht­lich der Kos­ten­ent­schei­dung zumin­dest die Beschrän­kung der Haf­tung auf den Nach­lass in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 780 ZPO vor­be­hal­ten blei­ben müs­sen.

§ 780 ZPO ist als Ver­fah­rens­vor­schrift anwend­bar, obwohl sich die mate­ri­ell­recht­li­che Haf­tungs­be­schrän­kung aus dem ita­lie­ni­schen Recht ergibt. Ver­fah­rens­fra­gen bestim­men sich grund­sätz­lich nach dem jewei­li­gen Pro­zess­recht des Gerichts (lex fori), auch wenn auf Grund inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts aus­län­di­sches Sach­recht zur Anwen­dung gelangt; das inter­na­tio­nal zustän­di­ge Gericht wen­det auf das Ver­fah­ren sein ori­gi­nä­res Ver­fah­rens­recht an 7. Für die Ein­ord­nung einer Rechts­norm kommt es ent­schei­dend dar­auf an, ob sie pro­zess­recht­li­chen Gehalt hat oder ob sie mate­ri­ell­recht­li­cher Natur ist, wobei eine funk­ti­ons­ori­en­tier­te Betrach­tung maß­ge­bend ist 8.

Davon aus­ge­hend han­delt es sich bei § 780 ZPO um eine ver­fah­rens­recht­li­che Vor­schrift 9.

Das die Vor­schrift anwen­den­de Gericht prüft die gel­tend gemach­te Haf­tungs­be­schrän­kung hin­sicht­lich ihrer Vor­aus­set­zun­gen oder ihrer Reich­wei­te nicht, son­dern behält sie dem Erben ledig­lich zum Zwe­cke spä­te­rer Gel­tend­ma­chung vor. Eine Ent­schei­dung über die Haf­tungs­be­schrän­kun­gen wird in der Sache nicht getrof­fen. Der Erbe kann sich die beschränk­te Erben­haf­tung vor­sorg­lich selbst dann vor­be­hal­ten las­sen, wenn er deren Vor­aus­set­zun­gen noch nicht dar­zu­le­gen ver­mag, ja nicht ein­mal weiß, ob sie über­haupt ein­tre­ten wer­den 10.

Die Rege­lung des § 780 ZPO, die für jede gegen­ständ­li­che Beschrän­kung der Erben­haf­tung nach dem Bür­ger­li­chen Gesetz­buch gilt 11, ist auf die Annah­me der Erb­schaft mit Vor­be­halt der Inven­tar­er­rich­tung nach ita­lie­ni­schem Recht (Art. 470 Abs. 1 Halbs. 2 Codi­ce Civi­le) ent­spre­chend anzu­wen­den, weil eine sol­che Annah­me zu einer der Nach­lass­ver­wal­tung nach § 1975 BGB ähn­li­chen Haf­tungs­be­schrän­kung führt 12.

Nach ita­lie­ni­schem Recht hat der Erbe zum einen die Mög­lich­keit, die Erb­schaft vor­be­halt­los anzu­neh­men, was die Ver­schmel­zung des ererb­ten mit dem eige­nen Ver­mö­gen her­bei­führt und eine Haf­tung für die Erb­las­ser­schul­den und Ver­mächt­nis­se mit dem gesam­ten Ver­mö­gen in vol­ler Höhe nach sich zieht. Der Beru­fe­ne kann die Annah­me der Erb­schaft aber auch mit dem Vor­be­halt der Inven­tar­er­rich­tung erklä­ren. Der wesent­li­che Unter­schied zur vor­be­halt­lo­sen Annah­me besteht hier­bei in der Haf­tung, die sich bei der vor­be­halt­lo­sen Annah­me auf das gesam­te Ver­mö­gen des Erben erstreckt, wäh­rend der Erbe bei der Annah­me mit Vor­be­halt für die Erb­las­ser­schul­den und Ver­mächt­nis­se gemäß Art. 490 Abs. 2 Nr. 2 Codi­ce Civi­le nur mit dem Nach­lass­ver­mö­gen haf­tet. Es fin­det kei­ne Ver­schmel­zung des ererb­ten mit dem eige­nen Ver­mö­gen statt; der Nach­lass bleibt gemäß Art. 490 Abs. 1 Codi­ce Civi­le vom per­sön­li­chen Ver­mö­gen des anneh­men­den Erben getrennt. Der Erbe wird zugleich ver­pflich­tet, die zum Nach­lass gehö­ren­den Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de der Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger zuzu­füh­ren, indem er den Nach­lass ver­wal­tet (Art. 491 Codi­ce Civi­le) und im Rah­men der Liqui­da­ti­on die Beglei­chung der Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten gemäß Art. 495 ff. Codi­ce Civi­le ver­an­lasst 13.

Der Vor­be­halt nach § 780 ZPO ist nicht des­halb ent­behr­lich, weil er hier nur für die Pro­zess­kos­ten Bedeu­tung hat. Die Berück­sich­ti­gung einer Haf­tungs­be­schrän­kung in Bezug auf die Pro­zess­kos­ten setzt vor­aus, dass der Vor­be­halt in die Kos­ten­grund­ent­schei­dung auf­ge­nom­men wor­den ist 14.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil – und Ver­sä, umnis­ur­teil vom 19. Dezem­ber 2014 – V ZR 32/​13

  1. vgl. KG, NJW-RR 2003, 941, 943; OLG Düs­sel­dorf, Fam­RZ 2010, 496, 498; OLG Cel­le, OLGR 1995, 204; OLG Koblenz, NJW-RR 1997, 1160; Münch­Komm-ZPO/­Schmid­t/Brink­mann, 4. Aufl., § 780 Rn. 21; Stein/​Jonas/​Münzberg, ZPO, 22. Aufl., § 780 Rn. 12; Saen­ger, ZPO, 5. Aufl., § 780 Rn. 4[]
  2. Fer­id in FS Cohn, 1975, S. 31, 37; Zill­mann, Die Haf­tung der Erben im inter­na­tio­na­len Erbrecht, 1998, S. 187[]
  3. BGH, Urteil vom 26.03.1953 – IV ZR 128/​52, BGHZ 9, 151, 154; Münch­Komm-BGB/­Birk, 5. Aufl., Art. 25 EGBGB Rn. 254; Staudinger/​Dörner, BGB [2007], Art. 25 EGBGB Rn. 225; Burandt/​Rojahn/​Franke, Erbrecht, 2. Aufl., Art. 25 EGBGB Rn. 63[]
  4. Münch­Komm-BGB/­Birk, 5. Aufl., Art. 25 EGBGB Rn. 258; Staudinger/​Dörner, BGB [2007], Art. 25 EGBGB Rn. 226[]
  5. vgl. Reiss, Inter­na­tio­na­les Erbrecht Ita­li­en, 3. Aufl., A. IV. Rn. 38; Flick/​Piltz/​Cornelius, Der inter­na­tio­na­le Erb­fall, 2. Aufl., 2. Teil B. Rn. 639; Kru­is, Das ita­lie­ni­sche inter­na­tio­na­le Erbrecht, 2005, S. 24; Burandt/​Rojahn/​Frank, Erbrecht, 2. Aufl., Län­der­be­richt Ita­li­en Rn. 7[]
  6. vgl. Ferid/​Firsching/​Dörner/​Hausmann, Inter­na­tio­na­les Erbrecht, Ita­li­en, Grdz. C Rn. 53; Kru­is, Das ita­lie­ni­sche inter­na­tio­na­le Erbrecht, 2005, S. 150 f.; Reiss, Inter­na­tio­na­les Erbrecht Ita­li­en, 3. Aufl., A. IV. Rn. 77; Burandt/​Rojahn/​Frank, Erbrecht, 2. Aufl., Län­der­be­richt Ita­li­en Rn.20[]
  7. BGH, Urteil vom 27.06.1984 – IVb ZR 2/​83, NJW 1985, 552, 553; OLG Stutt­gart OLGR 2004, 197, 198; Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl., IZPR Rn. 1; Kru­is, Das ita­lie­ni­sche inter­na­tio­na­le Erbrecht, 2005, S. 151; Gei­mer, Inter­na­tio­na­les Zivil­pro­zess­recht, 6. Aufl., Rn. 53, 319 ff.[]
  8. Münch­Komm-BGB/­Son­nen­ber­ger, 5. Aufl., Einl. IPR, Rn. 432; Weber, Das Inter­na­tio­na­le Zivil­pro­zess­recht erbrecht­li­cher Strei­tig­kei­ten, 2012, S. 37[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 21.03.1955 – III ZR 115/​53, BGHZ 17, 69, 73; Zöller/​Stöber, ZPO, 30. Aufl., § 780 Rn. 1; Münch­Komm-ZPO/­Schmid­t/Brink­mann, 4. Aufl., § 780 Rn. 1; Hand­ke in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Gesam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, 2. Aufl., § 780 Rn. 1[]
  10. BGH, Urteil vom 11.07.1991 – IX ZR 180/​90, NJW 1991, 2839, 2840[]
  11. Zöller/​Stöber, ZPO, 30. Aufl., § 780 Rn. 3; Münch­Komm-ZPO/­Schmid­t/Brink­mann, 4. Aufl., § 780 Rn. 7[]
  12. zur Anwen­dung des § 780 ZPO auf die­se Fäl­le: Zöller/​Stöber, ZPO, 30. Aufl., § 780 Rn. 3; Münch­Komm-ZPO/­Schmid­t/Brink­mann, 4. Aufl., § 780 Rn. 7[]
  13. Ferid/​Firsching/​Dörner/​Hausmann, Inter­na­tio­na­les Erbrecht, Ita­li­en, Grdz. J Rn. 603 ff. und Grdz. L Rn. 708 ff.; Reiss, Inter­na­tio­na­les Erbrecht Ita­li­en, 3. Aufl., B. I. Rn. 401 ff.; Süß/​Cubeddu Wiedemann/​Wiedemann, Erbrecht in Euro­pa, 2. Aufl., Län­der­be­richt Ita­li­en, Rn. 177; Flick/​Piltz/​Cornelius, Der inter­na­tio­na­le Erb­fall, 2. Aufl., 2. Teil B. Rn. 628; Kru­is, Das ita­lie­ni­sche inter­na­tio­na­le Erbrecht, 2005, S. 150; Burandt/​Rojahn/​Frank, Erbrecht, 2. Aufl., Län­der­be­richt Ita­li­en Rn. 45[]
  14. vgl. OLG Koblenz NJW-RR 1997, 1160; KG, NJW 1964, 1330; Münch­Komm-ZPO/­Schmid­t/Brink­mann, 4. Aufl., § 780 Rn. 3 und 21; Stein/​Jonas/​Münzberg, ZPO, 22. Aufl., § 780 Rn. 13; Saen­ger, ZPO, 5. Aufl., § 780 Rn. 4[]