Die Schen­kung vom Erb­las­ser

Ein leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se des Erb­las­sers an einer Schen­kung kann auch dann vor­lie­gen, wenn der Beschenk­te ohne recht­li­che Bin­dung Leis­tun­gen etwa zur Betreu­ung im wei­te­ren Sin­ne über­nimmt, tat­säch­lich erbringt und auch in der Zukunft vor­neh­men will.

Die Schen­kung vom Erb­las­ser

Gemäß § 2287 Abs. 1 BGB kann der Ver­trags­er­be (bzw. bei einem gemein­schaft­li­chen Tes­ta­ment der Schluss­erbe), nach­dem ihm die Erb­schaft ange­fal­len ist, von dem Beschenk­ten die Her­aus­ga­be des Geschenks nach den Vor­schrif­ten über die Her­aus­ga­be einer unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung for­dern, wenn der Erb­las­ser in der Absicht, den Ver­trags- bzw. Schluss­erben zu beein­träch­ti­gen, eine Schen­kung gemacht hat. Da die Benach­tei­li­gungs­ab­sicht mit der Absicht, den Beschenk­ten zu begüns­ti­gen, meist untrenn­bar ver­bun­den ist, wäre sie von Aus­nah­me­fäl­len abge­se­hen in einer sol­chen Lage prak­tisch immer gege­ben [1]. Den­noch greift die Vor­schrift nicht zwangs­läu­fig bei jeder Schen­kung ein. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass der Erb­las­ser das ihm ver­blie­be­ne Recht zu leb­zei­ti­gen Ver­fü­gun­gen miss­braucht hat. Ein sol­cher Miss­brauch liegt nicht vor, wenn der Erb­las­ser ein leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se an der von ihm vor­ge­nom­me­nen Schen­kung hat­te [2]. Ein leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se ist anzu­neh­men, wenn nach dem Urteil eines objek­ti­ven Beob­ach­ters die Ver­fü­gung in Anbe­tracht der gege­be­nen Umstän­de auch unter Berück­sich­ti­gung der erb­ver­trag­li­chen Bin­dung als bil­li­gens­wert und gerecht­fer­tigt erscheint [3]. Ein der­ar­ti­ges Inter­es­se kommt etwa dann in Betracht, wenn es dem Erb­las­ser im Alter um sei­ne Ver­sor­gung und gege­be­nen­falls auch Pfle­ge geht [4] oder wenn der Erb­las­ser in der Erfül­lung einer sitt­li­chen Ver­pflich­tung han­delt, er etwa mit dem Geschenk einer Per­son, die ihm in beson­de­rem Maße gehol­fen hat, sei­nen Dank abstat­ten will [5]. Beweis­pflich­tig für die Schen­kung ohne recht­fer­ti­gen­des leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se ist der Ver­trags- bzw. Schluss­erbe [6].

Ein leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se muss nicht zwin­gend für den gesam­ten Schen­kungs­ge­gen­stand ange­nom­men wer­den, son­dern ver­mag ggfs. auch ledig­lich einen Teil der Schen­kung zu recht­fer­ti­gen und inso­weit einen Miss­brauch der leb­zei­ti­gen Ver­fü­gungs­macht aus­zu­schlie­ßen. Die sich dann stel­len­de Fra­ge, ob der Ver­trags- bzw. Schluss­erbe Über­eig­nung des Grund­stücks Zug um Zug gegen Zah­lung des Betra­ges ver­lan­gen kann, bis zu dem er die Schen­kung hin­neh­men muss, oder ob er nur Zah­lung des Betra­ges bean­spru­chen kann, der dem Teil­wert der Schen­kung ent­spricht, ist ent­spre­chend den Grund­sät­zen zu beant­wor­ten, die für die gemisch­te Schen­kung ent­wi­ckelt wur­den [7]. Das geschenk­te Grund­stück kann hier­nach nur bei ent­spre­chen­der Zug­um­Zu­gLeis­tung her­aus­ver­langt wer­den, wenn die Schen­kung über­wie­gend nicht anzu­er­ken­nen ist, wenn also der­je­ni­ge Wert­an­teil der Schen­kung, der hin­zu­neh­men ist, gerin­ger wiegt als der nach § 2287 BGB aus­zu­glei­chen­de über­schie­ßen­de Anteil. Hier­bei ist aller­dings kei­ne rein rech­ne­ri­sche Gegen­über­stel­lung des Wer­tes der vom Beklag­ten erbrach­ten Leis­tun­gen mit dem Wert des Grund­stücks vor­zu­neh­men. Viel­mehr hat auch unter Berück­sich­ti­gung des Umstan­des, dass Leis­tun­gen noch in Zukunft erfol­gen soll­ten und der Erb­las­ser sich ihm erbrach­te oder zu erbrin­gen­de Leis­tun­gen „etwas kos­ten las­sen darf“, eine umfas­sen­de Gesamt­ab­wä­gung zu erfol­gen [8].

Soll­te hier­nach ein Anspruch in Betracht kom­men, so ist die­ser unab­hän­gig davon, ob und in wel­chem Umfang sie selbst Vor­emp­fän­ge erhal­ten hat, die im Fal­le einer Nach­las­s­aus­ein­an­der­set­zung nach §§ 2050 ff. BGB berück­sich­tigt wer­den müss­ten. Der Anspruch aus § 2287 BGB stellt einen rein per­sön­li­chen Anspruch des Ver­trags- bzw. Schluss­erben dar und fällt nicht in den Nach­lass [9]. Der Anspruch aus § 2287 BGB darf des­halb nicht in die Aus­ein­an­der­set­zung des Nach­las­ses hin­ein­ge­zo­gen wer­den. Ins­be­son­de­re kann der Beschenk­te die Her­aus­ga­be des Geschenks nicht mit der Begrün­dung ver­wei­gern, dass der Ver­trags- bzw. Schluss­erbe selbst Vor­emp­fän­ge erhal­ten habe und nach § 2050 BGB aus­gleichs­pflich­tig sei. Der­ar­ti­ge Aus­gleichs­pflich­ten sind erst im Rah­men der Erbaus­ein­an­der­set­zung vor­zu­neh­men und nicht vor­weg beim Anspruch aus § 2287 BGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Okto­ber 2011 – IV ZR 72/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 05.07.1972 IV ZR 125/​70, BGHZ 59, 343, 350[]
  2. BGH aaO; fer­ner BGH, Urtei­le vom 23.04.1986 IVa ZR 97/​85, FamRZ 1986, 980 unter III 3; vom 23.09.1981 IVa ZR 185/​80, BGHZ 82, 274, 282; vom 26.11.1975 aaO[]
  3. BGH, Urteil vom 12.06.1980 IVa ZR 5/​80, BGHZ 77, 264, 266[]
  4. BGH, Urtei­le vom 27.01.1982 IVa ZR 240/​80, BGHZ 83, 44, 46; vom 23.09.1981 IVa ZR 185/​80, NJW 1982, 43 unter 3; vom 26.11.1975 aaO 16[]
  5. BGH, Urtei­le vom 27.01.1982 und vom 26.11.1975 je aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 23.09.1981 aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 12.06.1980 aaO 271 f.[]
  8. OLG Olden­burg FamRZ 1992, 1226, 1227; Palandt/​Weidlich, BGB 70. Aufl. § 2325 Rn. 9[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 04.03.1992 IV ZR 309/​90, FamRZ 1992, 665 unter 3 d; vom 21.06.1989 IVa ZR 302/​87, NJW 1989, 2389 unter 4; vom 28.09.1983 IVa ZR 168/​82, BGHZ 88, 269, 271; vom 03.07.1980 IVa ZR 38/​80, BGHZ 78, 1, 3[]