Die Ver­gü­tung des Nach­lass­ver­wal­ters – und die Aus­schluss­frist

Die Aus­schluss­frist des § 2 Satz 1 des Vor­mün­der- und Betreu­er­ver­gü­tungs­ge­set­zes (VBVG) gilt nicht für die Ver­gü­tung des Nach­lass­ver­wal­ters.

Die Ver­gü­tung des Nach­lass­ver­wal­ters – und die Aus­schluss­frist

Die Fra­ge, ob für den Ver­gü­tungs­an­spruch des Nach­lass­ver­wal­ters die Aus­schluss­frist des § 2 Satz 1 VBVG gemäß §§ 1915 Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 Satz 3 BGB gilt, wird in Recht­spre­chung und Schrift­tum unter­schied­lich beur­teilt.

Neben dem Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main [1] ver­tre­ten das Saar­län­di­sche Ober­lan­des­ge­richt [2] sowie ein Teil der Lite­ra­tur [3] die Auf­fas­sung, dass auch bei einem Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­an­trag des Nach­lass­ver­wal­ters die 15monatige Aus­schluss­frist des § 2 Satz 1 VBVG zu beach­ten sei.

Dem­ge­gen­über hält die über­wie­gen­de Auf­fas­sung im Schrift­tum die Bestim­mung des § 2 Satz 1 VBVG auf den Fall der Nach­lass­ver­wal­tung wegen des mit der Rege­lung ver­folg­ten Zwecks für nicht ent­spre­chend anwend­bar [4].

Die letzt­ge­nann­te Auf­fas­sung trifft im Ergeb­nis zu, wie der Bun­des­ge­richts­hof nun ent­schied. Ent­ge­gen der erst­ge­nann­ten Ansicht gilt die Aus­schluss­frist des § 2 Satz 1 VBVG nicht für die Ver­gü­tung des Nach­lass­ver­wal­ters. Zwar ist die Nach­lass­ver­wal­tung gemäß § 1975 BGB eine Unter­art der Nach­lass­pfleg­schaft und die Aus­schluss­frist auf die Ver­gü­tung des berufs­mä­ßig täti­gen Nach­lass­pfle­gers anwend­bar [5]. Aber gemäß § 1915 Abs. 1 Satz 1 BGB fin­den die für die Vor­mund­schaft gel­ten­den Vor­schrif­ten nur inso­weit ent­spre­chen­de Anwen­dung, als sich nicht aus dem Gesetz etwas ande­res ergibt. Für die Ver­gü­tung des Nach­lass­ver­wal­ters ent­hält § 1987 BGB jedoch eine von der Vor­mund­schaft und der Nach­lass­pfleg­schaft im Übri­gen abwei­chen­de Bestim­mung, so dass die für die Ver­gü­tung des Vor­munds gel­ten­den Vor­schrif­ten ein­schließ­lich der Aus­schluss­frist des § 2 Satz 1 VBVG dort nicht ent­spre­chend gel­ten.

§ 1987 BGB bestimmt zunächst, dass der Nach­lass­ver­wal­ter, anders als der Vor­mund oder sons­ti­ge Pfle­ger, stets zu ver­gü­ten ist. Grund die­ser Rege­lung ist, dass der Nach­lass­ver­wal­ter zu einer Amts­über­nah­me nicht ver­pflich­tet ist und sei­ne Tätig­keit vor­ran­gig den pri­va­ten Inter­es­sen des Erben und der Nach­lass­gläu­bi­ger dient [6]. § 1987 BGB spricht dem Nach­lass­ver­wal­ter dar­über hin­aus einen Anspruch auf eine „ange­mes­se­ne“ Ver­gü­tung zu. Inso­weit ist der Nach­lass­ver­wal­ter anders als der Nach­lass­pfle­ger dem Tes­ta­ments­voll­stre­cker, § 2221 BGB, gleich­ge­stellt [7]. § 1987 BGB regelt damit den Ver­gü­tungs­an­spruch des Nach­lass­ver­wal­ters nach Grund und Höhe eigen­stän­dig und abschlie­ßend [8]. Daher geht der spe­zi­ell für den Nach­lass­ver­wal­ter geschaf­fe­ne § 1987 BGB der all­ge­mei­nen Rege­lung in § 1915 Abs. 1, § 1836 Abs. 1 BGB vor [9].

Damit ist der Nach­lass­ver­wal­ter von vorn­her­ein aus dem Anwen­dungs­be­reich des § 1836 BGB, der für den Vor­mund und gemäß § 1915 Abs. 1 Satz 1 BGB auch für sons­ti­ge Pfle­ger gilt, aus­ge­nom­men. Nach § 1836 Abs. 1 Satz 2 BGB wird dem grund­sätz­lich unent­gelt­lich täti­gen Vor­mund oder Pfle­ger bei einer berufs­mä­ßi­gen Füh­rung der Vor­mund­schaft oder Pfleg­schaft aus­nahms­wei­se ein Ver­gü­tungs­an­spruch gewährt. Nur für die­sen Ver­gü­tungs­an­spruch gilt dann aber nach § 1836 Abs. 1 Satz 3 das VBVG ein­schließ­lich sei­nes § 2 Satz 1.

Allein die­ses Ergeb­nis wird auch dem Zweck der Aus­schluss­frist gerecht. § 2 Satz 1 VBVG ent­spricht – wie das Beschwer­de­ge­richt inso­weit zutref­fend erkannt hat – sinn­ge­mäß der bis zum 30.06.2005 gel­ten­den Rege­lung in § 1836 Abs. 2 Satz 4 BGB [10], die vor allem im Inter­es­se der Staats­kas­se geschaf­fen wor­den war [11]. Sie soll – wie die ver­gleich­ba­ren Bestim­mun­gen in den §§ 1835 Abs. 1 Satz 3, 1835a Abs. 4 BGB – den Vor­mund zur zügi­gen Gel­tend­ma­chung sei­ner Ansprü­che anhal­ten, um zu ver­hin­dern, dass Ansprü­che in einer Höhe auf­lau­fen, wel­che die Leis­tungs­fä­hig­keit des Mün­dels über­for­dert, sei­ne Mit­tel­lo­sig­keit begrün­det und damit eine Ein­tritts­pflicht der Staats­kas­se aus­löst, die bei einer recht­zei­ti­gen Inan­spruch­nah­me nicht begrün­det gewe­sen wäre [12].

Anders als bei der Nach­lass­pfleg­schaft [13] steht die­ser mit der Ein­füh­rung der Aus­schluss­frist vom Gesetz­ge­ber ver­folg­te – ver­fas­sungs­recht­lich legi­ti­me [14] – Zweck einer Redu­zie­rung der (Ersatz)Haf­tung der Staats­kas­se (vgl. zu § 1835 Abs. 1 Satz 3 BGB: BGH, Beschluss vom 05.10.2016 – XII ZB 464/​15, NJW 2017, 574 Rn. 23) bei der Nach­lass­ver­wal­tung nicht in Rede. Wäh­rend § 1960 BGB das Nach­lass­ge­richt unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen als Aus­fluss der staat­li­chen Für­sor­ge- und Auf­sichts­pflicht und damit im öffent­li­chen Inter­es­se von Amts wegen ver­pflich­tet, vor­über­ge­hend für die Siche­rung und Erhal­tung des Nach­las­ses zu sor­gen [15], erfolgt die Anord­nung der Nach­lass­ver­wal­tung nur auf Antrag und dient wie schon aus­ge­führt vor­ran­gig den pri­va­ten Inter­es­sen des Erben und der Nach­lass­gläu­bi­ger.

Dem­ge­mäß schei­det bei der Nach­lass­ver­wal­tung eine sub­si­diä­re Haf­tung der Staats­kas­se für die Ver­gü­tung des Nach­lass­ver­wal­ters auch dann aus, wenn der Nach­lass mit­tel­los ist [16].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. März 2018 – IV ZB 16/​17

  1. OLG Frank­furt am Main, Ent­schei­dung vom 25.04.2017 – 20 W 379/​15, FGPrax 2017, 177, FamRZ 2017, 1881[]
  2. Saar­län­di­sches OLG, NJW-RR 2015, 844 Rn. 31 f. mit zust. Anm. Stein, NZFam 2015, 574[]
  3. Erman/​Horn, BGB 15. Aufl. § 1987 Rn. 2; Palandt/​Weidlich, BGB 77. Aufl. § 1987 Rn. 1; Beck­OGK-VBV­G/­Boh­nert, § 2 Rn. 8 (Stand: 1.11.2017); vgl. auch Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 7. Aufl. § 1987 Rn. 3[]
  4. Staudinger/​Dobler, BGB (2016) § 1987 Rn.19; Beck­OGK-BGB/​Herzog, § 1987 Rn. 30 (Stand: 1.12 2017); juris­PK-BGB/­Klinck, 8. Aufl. § 1987 Rn. 8, der aller­dings nun­mehr in Rn.08.1 [Aktua­li­sie­rung vom 05.09.2017] Zwei­fel äußert; Graf in Firsching/​Graf, Nach­lass­recht 10. Aufl. Rn.04.848; Jochum/​Pohl, Nach­lass­pfleg­schaft 5. Aufl. Rn. 1135; Schulz in Groll, Pra­xis-Hand­buch Erb­rechts­be­ra­tung 4. Aufl. Abschnitt C Rn. 169; Homann, Die Ver­gü­tung von Nach­lass­pfle­ger, Tes­ta­ments­voll­stre­cker, Nach­lass­ver­wal­ter und Nach­lassin­sol­venz­ver­wal­ter 2007 S. 184 f.; Otte, ZEV 2004, 9, 11; vgl. auch Rudolf/​Eckhardt, ZErbR 2006, 112 ff. zur Ver­gü­tung des Nach­lass­pfle­gers[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 24.10.2012 – IV ZB 13/​12, ZEV 2013, 84 Rn. 7[]
  6. Erman/​Horn, BGB 15. Aufl. § 1987 Rn. 1; Beck­OGK-BGB/Her­zog, § 1987 Rn. 2 (Stand: 1.12 2017); Staudinger/​Dobler, BGB (2016) § 1987 Rn. 1; juris­PK-BGB/​Klinck, 8. Aufl. § 1987 Rn. 1; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 7. Aufl. § 1987 Rn. 1; vgl. auch Pro­to­kol­le zum BGB, Bd. – V 1899 S. 820[]
  7. vgl. Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 7. Aufl. § 1987 Rn. 1; Homann, Die Ver­gü­tung von Nach­lass­pfle­ger, Tes­ta­ments­voll­stre­cker, Nach­lass­ver­wal­ter und Nach­lassin­sol­venz­ver­wal­ter 2007 S. 164[]
  8. vgl. Staudinger/​Dobler, BGB (2016) § 1987 Rn. 3 f.; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 7. Aufl. § 1987 Rn. 2; Graf in Firsching/​Graf, Nach­lass­recht 10. Aufl. Rn.04.848; Klin­gel­höf­fer, Ver­mö­gens­ver­wal­tung in Nach­laß­sa­chen 2002 Rn. 126; Jochum/​Pohl, Nach­lass­pfleg­schaft 5. Aufl. Rn. 1129; Pfeuf­fer in Roth/​Pfeuffer, Pra­xis­hand­buch für Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­ren 2009 S. 281; Schulz in Groll, Pra­xis-Hand­buch Erb­rechts­be­ra­tung 4. Aufl. Abschnitt C Rn. 170; Fromm, ZEV 2006, 298, 300; Otte, ZEV 2004, 9, 11[]
  9. vgl. Staudinger/​Dobler, BGB (2016) § 1987 Rn. 4; Beck­OGK-BGB/​Herzog, § 1987 Rn. 2 (Stand: 1.12 2017) []
  10. BT-Drs. 15/​4874 S. 30[]
  11. BT-Drs. 13/​7158 S. 22 f., 27[]
  12. vgl. BT-Drs. 13/​7158 S. 27; vgl. auch BGH, Beschluss vom 24.10.2012 – IV ZB 13/​12, ZEV 2013, 84 Rn. 9; BGH, Beschlüs­se vom 06.11.2013 – XII ZB 86/​13, NJW 2014, 1007 Rn.20; vom 25.11.2015 – XII ZB 261/​13, NJW-RR 2016, 129 Rn. 15; BVerfG FamRZ 2015, 2040 Rn. 15; OLG Köln FamRZ 2013, 1837, 1838 10]; OLG Naum­burg Rpfle­ger 2012, 319, 320 13]; Münch­Komm-BGB/­Frösch­le, 7. Aufl. § 2 VBVG Rn. 1; Palandt/​Götz, BGB 77. Aufl. Anh. zu § 1836 (VBVG), § 2 Rn. 1; juris­PK-BGB/­Ja­schin­ski, 8. Aufl. § 2 VBVG Rn. 1[]
  13. vgl. inso­weit BGH, Beschluss vom 24.10.2012 aaO[]
  14. BVerfG aaO[]
  15. vgl. Palandt/​Weidlich, BGB 77. Aufl. § 1960 Rn. 1[]
  16. vgl. KG FamRZ 2006, 559 4]; Staudinger/​Dobler, BGB (2016) § 1987 Rn. 18; Beck­OGK-BGB/​Herzog, § 1987 Rn. 13.1 (Stand: 1.12 2017); Joa­chim in Burandt/​Rojahn, Erbrecht 2. Aufl. § 1987 BGB Rn. 2; ders., Die Haf­tung des Erben für Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten 3. Aufl. Rn. 299; juris­PK-BGB/­Klinck, 8. Aufl. § 1987 Rn. 6; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 7. Aufl. § 1987 Rn. 3; Beck­OK-BGB/­Loh­mann, § 1987 Rn. 4 (Stand: 1.11.2017); Soergel/​Stein, BGB 13. Aufl. § 1987 Rn. 4; Jauernig/​Stürner, BGB 16. Aufl. § 1987 Rn. 1; Palandt/​Weidlich aaO § 1987 Rn. 1; Jochum/​Pohl, Nach­lass­pfleg­schaft, 5. Aufl. Rn. 1133; Wies­ter in MAH Erbrecht, 4. Aufl. § 24 Rn. 84; Homann, Die Ver­gü­tung von Nach­lass­pfle­ger, Tes­ta­ments­voll­stre­cker, Nach­lass­ver­wal­ter und Nach­lassin­sol­venz­ver­wal­ter 2007 S. 184 f.; vgl. auch RG Seuf­f­Arch 69 [1914] Nr. 161; a.A. Zim­mer­mann, ZEV 2007, 519, 520 f.[]