Erben­ge­mein­schaft – und die Grund­buch­ver­mu­tung des § 891 BGB

Nach § 891 Abs. 1 BGB wird zuguns­ten des­je­ni­gen, für den im Grund­buch ein Recht ein­ge­tra­gen ist, ver­mu­tet, dass ihm das Recht zusteht. Ist das Recht nach § 47 Abs. 1 GBO für meh­re­re Berech­tig­te gemein­schaft­lich unter Bezeich­nung des für die Gemein­schaft maß­ge­ben­den Rechts­ver­hält­nis­ses ein­ge­tra­gen wie hier durch den Zusatz "in Erben­ge­mein­schaft" , so erfasst die Ver­mu­tung auch die Art der Mit­be­rech­ti­gung 1.

Erben­ge­mein­schaft – und die Grund­buch­ver­mu­tung des § 891 BGB

Für ein im Grund­buch gelösch­tes Recht wird sein frü­he­res Bestehen nach § 891 Abs. 1 BGB ver­mu­tet, wenn fest­steht, dass die Löschung der Auf­he­bung des Rechts und nicht der Berich­ti­gung des Grund­buchs die­nen soll­te 2.

So liegt es etwa, wenn die Löschung als bis­he­ri­ge Eigen­tü­mer und die Ein­tra­gung der Erste­he­rin der Grund­stü­cke auf Ersu­chen des Ver­stei­ge­rungs­ge­richts nach erfolg­tem Zuschlag in der Zwangs­ver­stei­ge­rung zwar for­mal der Grund­buch­be­rich­ti­gung dien­te, jedoch nicht im Sin­ne der Berich­ti­gung eines schon vor dem Zuschlag feh­ler­haf­ten Grund­buch­in­halts, son­dern im Sin­ne der Voll­zie­hung der durch den Zuschlag gemäß § 90 Abs. 1 ZVG bewirk­ten Rechts­än­de­rung im Grund­buch.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall bedeu­te­te dies: Die für das Eigen­tum der Beklag­ten in Erben­ge­mein­schaft strei­ten­de Ver­mu­tung hat der Klä­ger nicht durch den Beweis des Gegen­teils wider­legt 3. Anders als das Beru­fungs­ge­richt meint, ist der vor dem Land­ge­richt Kas­sel geschlos­se­ne Ver­gleich nicht ein­deu­tig dahin zu ver­ste­hen, dass die vor­mals aus vier Mit­er­ben bestehen­de Erben­ge­mein­schaft voll­stän­dig been­det wer­den soll­te. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die von dem Beru­fungs­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung im Revi­si­ons­ver­fah­ren nur dar­auf über­prüft wer­den kann, ob gesetz­li­che oder all­ge­mein aner­kann­te Aus­le­gungs­re­geln, Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­letzt sind oder wesent­li­cher Aus­le­gungs­stoff außer Acht gelas­sen wor­den ist 4, oder ob Pro­zess­ver­glei­che in einem wei­ter­ge­hen­den Umfang, näm­lich unbe­schränkt und selb­stän­dig aus­ge­legt wer­den kön­nen 5. Denn die Aus­le­gung erweist sich auch bei beschränk­ter Nach­prü­fung als rechts­feh­ler­haft.

Der Wort­laut des Ver­gleichs legt zwar nahe, dass sich die Erben­ge­mein­schaft abschlie­ßend gegen­ständ­lich aus­ein­an­der­set­zen woll­te. Zwin­gend ist dies aber nicht. Eine Erben­ge­mein­schaft kann durch Tei­lung bzw. Ver­äu­ße­rung der Nach­lass­ge­gen­stän­de oder durch Über­tra­gung von Erb­tei­len aus­ein­an­der­ge­setzt wer­den oder in per­sön­li­cher Hin­sicht durch das ein­ver­nehm­li­che Aus­schei­den von Mit­er­ben gegen Abfin­dung (sog. Abschich­tung) mit der Fol­ge, dass der Erb­teil des oder der Aus­ge­schie­de­nen den übri­gen Mit­er­ben unter Fort­be­stand der Erben­ge­mein­schaft anwächst 6. Wel­che Form der Aus­ein­an­der­set­zung gewollt war, ergibt sich aus dem Wort­laut des Ver­gleichs nicht ein­deu­tig, da nicht klar­ge­stellt wird, ob die Über­tra­gung des Grund­stücks­ei­gen­tums an eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts mit den Beklag­ten als Gesell­schaf­ter oder an die Beklag­ten in Erben­ge­mein­schaft erfol­gen soll. Die in dem Ver­gleich ver­wen­de­te For­mu­lie­rung "zur gesam­ten Hand" konn­te bei­des zum Inhalt haben, zumal zum Zeit­punkt des Ver­gleichs­schlus­ses zwar die Rechts­fä­hig­keit der (Außen)Gesellschaft bür­ger­li­chen Rechts aner­kannt war 7, nicht aber ihre Grund­buch­fä­hig­keit 8, so dass im einen wie im ande­ren Fall als Grund­stücks­ei­gen­tü­mer die Beklag­ten unter Anga­be des Gemein­schafts­ver­hält­nis­ses (§ 47 Abs. 1 GBO) als Eigen­tü­mer ein­zu­tra­gen gewe­sen wären. Wie das Beru­fungs­ge­richt selbst wie­der­gibt, hat gera­de die­ser Umstand das Grund­buch­amt ver­an­lasst, den mit dem Voll­zug des Ver­gleichs betrau­ten Notar im Wege der Zwi­schen­ver­fü­gung dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Art der Gesamt­hands­ge­mein­schaft mit dem Zusatz "zur gesam­ten Hand" nicht hin­rei­chend bestimmt und die Ein­tra­gung ohne ent­spre­chen­de Klar­stel­lung unzu­läs­sig sei.

Der Ver­gleich ist auch nicht des­halb ein­deu­tig, weil die dar­in vor­ge­se­he­ne rechts­ge­schäft­li­che Über­tra­gung der Grund­stü­cke an die Beklag­ten nur bei einer gegen­ständ­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung der Erben­ge­mein­schaft erfor­der­lich gewe­sen wäre. Zwar bedarf es bei der Abschich­tung durch Aus­schei­den von Mit­er­ben aus der Erben­ge­mein­schaft in der Tat nicht der rechts­ge­schäft­li­chen Über­tra­gung der zu dem Nach­lass gehö­ren­den Grund­stü­cke 6. Dies schließt aber nicht aus, dass eine sol­che gleich­wohl im bei der Aus­le­gung zu berück­sich­ti­gen­den Inter­es­se der Ver­gleichs­par­tei­en an einem rei­bungs­lo­sen Voll­zug des Ver­gleichs lie­gen kann. Mit der nota­ri­ell bzw. in einem gericht­li­chen Ver­gleich (vgl. § 127a BGB) beur­kun­de­ten Auf­las­sung und Ein­tra­gungs­be­wil­li­gung kön­nen die Vor­aus­set­zun­gen für die Eigen­tums­um­schrei­bung näm­lich ohne wei­te­res in der Form des § 29 GBO nach­ge­wie­sen wer­den. Ein sol­cher Nach­weis wird in der Pra­xis der Grund­buch­äm­ter bis­wei­len auch im Fall des Aus­schei­dens von Mit­er­ben aus der Erben­ge­mein­schaft durch an sich form­los mög­li­che "Abschich­tung" ver­langt 9.

Die Revi­si­on rügt über­dies zu Recht, dass das Beru­fungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt hat, ob bei Ver­gleichs­schluss eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts zwi­schen den Beklag­ten bestand oder eine sol­che gegrün­det wer­den soll­te. Das wäre aber not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für eine Aus­le­gung des Ver­gleichs, wonach die Auf­las­sung an eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts erfol­gen soll­te. Wenn näm­lich eine sol­che Gesell­schaft nicht bestand und wie die Revi­si­on vor­bringt auch nicht gegrün­det wer­den soll­te, dann hät­te die Über­tra­gung der Grund­stü­cke an eine sol­che dem erkenn­ba­ren Inter­es­se der Ver­gleichs­par­tei­en wider­spro­chen und könn­te nicht Ergeb­nis einer inter­es­sen­ge­rech­ten Aus­le­gung sein.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­teil – und, Schlus­sur­teil vom 22. Febru­ar 2019 – V ZR 244/​17

  1. vgl. BayO­bLGZ 1957, 49, 51; KG, ZIP 2011, 370, 371; Erman/​Artz, BGB, 15. Aufl., § 891 Rn. 12a; Palandt/​Herrler, BGB, 78. Aufl., § 891 Rn. 5; Staudinger/​Gursky, BGB [2013], § 891 Rn. 36[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 26.09.1969 – V ZR 135/​66, BGHZ 52, 355, 358[]
  3. vgl. zur Dar­le­gungs­und Beweis­last BGH, Urteil vom 30.06.2017 – V ZR 232/​16, NZM 2017, 815 Rn. 7; BGH, Urteil vom 23.02.2018 – V ZR 302/​16, NJW 2018, 2261 Rn.19[]
  4. vgl. nur BGH, Urteil vom 12.05.2017 – V ZR 210/​16, NJW 2017, 3295 Rn. 16; Urteil vom 06.07.2018 – V ZR 115/​17, ZfIR 2019, 20 Rn. 25[]
  5. offen­ge­las­sen BGH, Urteil vom 11.05.1995 – VII ZR 116/​94, NJW-RR 1995, 1201, 1202; beja­hend BAG, MDR 1983, 1053[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.1998 – IV ZR 346/​96, BGHZ 138, 8, 10[][]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341[]
  8. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 04.12 2008 – V ZB 74/​08, BGHZ 179, 102[]
  9. vgl. die Aus­gangs­sach­ver­hal­te in OLG Zwei­brü­cken, ZEV 2012, 264 und OLG Hamm, DNotZ 2014, 659[]