Ergän­zung eines nota­ri­el­len Nach­lass­ver­zeich­nis­ses – wegen feh­len­der Mit­wir­kung des Erben

Der Pflicht­teils­be­rech­tig­te kann die Ergän­zung bzw. Berich­ti­gung eines nota­ri­el­len Nach­lass­ver­zeich­nis­ses auch dann ver­lan­gen, wenn die­ses wegen unter­blie­be­ner Mit­wir­kung des Erben teil­wei­se unvoll­stän­dig ist (hier: ver­wei­ger­te Zustim­mung des Erben zu einem Kon­ten­da­ten­ab­ruf des Notars bei einem aus­län­di­schen Kre­dit­in­sti­tut).

Ergän­zung eines nota­ri­el­len Nach­lass­ver­zeich­nis­ses – wegen feh­len­der Mit­wir­kung des Erben

§ 2314 BGB soll es dem Pflicht­teils­be­rech­tig­ten ermög­li­chen, sich die not­wen­di­gen Kennt­nis­se zur Bemes­sung sei­nes Pflicht­teils­an­spruchs zu ver­schaf­fen. Hier­bei soll ein nota­ri­el­les Nach­lass­ver­zeich­nis eine grö­ße­re Gewähr für die Voll­stän­dig­keit und Rich­tig­keit der Aus­kunft als das pri­va­te Ver­zeich­nis des Erben bie­ten. Dem­entspre­chend muss der Notar den Bestand des Nach­las­ses selbst und eigen­stän­dig ermit­teln und durch Bestä­ti­gung des Bestands­ver­zeich­nis­ses als von ihm auf­ge­nom­men zum Aus­druck brin­gen, dass er den Inhalt ver­ant­wor­tet. Der Notar ist in der Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens weit­ge­hend frei. Er muss zunächst von den Anga­ben des Aus­kunfts­pflich­ti­gen aus­ge­hen. Aller­dings darf er sich hier­auf nicht beschrän­ken und ins­be­son­de­re nicht ledig­lich eine Plau­si­bi­li­täts­prü­fung durch­füh­ren. Viel­mehr muss er den Nach­lass­be­stand selbst ermit­teln und fest­stel­len. Dabei hat er die­je­ni­gen Nach­for­schun­gen anzu­stel­len, die ein objek­ti­ver Drit­ter in der Lage des Gläu­bi­gers für erfor­der­lich hal­ten wür­de [1].

Die Ver­pflich­tung des Erben zur Mit­wir­kung an der Auf­nah­me des nota­ri­el­len Nach­lass­ver­zeich­nis­ses rich­tet sich danach, in wel­chem Umfang die­se Mit­wir­kung für die ord­nungs­ge­mä­ße Auf­nah­me des Ver­zeich­nis­ses erfor­der­lich ist. Maß­ge­bend sind danach jeweils die Umstän­de des Ein­zel­fal­les [2]. Hier­bei darf und muss der Notar das Wis­sen des Erben sowie das in sei­ner Per­son vor­han­de­ne Auf­klä­rungs­po­ten­ti­al gege­be­nen­falls in der Wei­se nut­zen, dass er den Erben auf­for­dert, eige­ne Aus­kunfts­an­sprü­che gegen­über Geld­in­sti­tu­ten bzw. sons­ti­gen Drit­ten durch­zu­set­zen. Die vom Erben geschul­de­te Koope­ra­ti­on kann inso­weit auch in der Anwei­sung an Drit­te bestehen, die benö­tig­ten Aus­künf­te unmit­tel­bar gegen­über dem Notar zu ertei­len [3].

Liegt wie hier ein nota­ri­el­les Nach­lass­ver­zeich­nis vor, so kann der Pflicht­teils­be­rech­tig­te grund­sätz­lich nicht des­sen Berich­ti­gung oder Ergän­zung ver­lan­gen. Viel­mehr ist er in die­sem Fall, soweit die Vor­aus­set­zun­gen des § 260 Abs. 2 BGB vor­lie­gen, auf den Weg der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung ver­wie­sen [4].

Von die­sem Grund­satz sind aller­dings ver­schie­de­ne Aus­nah­men aner­kannt. So kann ein Anspruch auf Ergän­zung bzw. Berich­ti­gung eines Nach­lass­ver­zeich­nis­ses bestehen, wenn in die­sem eine unbe­stimm­te Mehr­heit von Nach­lass­ge­gen­stän­den etwa auf­grund eines Rechts­irr­tums des Pflich­ti­gen nicht auf­ge­führt ist [5], wenn Anga­ben über den fik­ti­ven Nach­lass oder Schen­kun­gen feh­len [6], wenn die Aus­kunft zwar dem Wis­sens­stand des Ver­pflich­te­ten ent­spricht, die­ser sich jedoch frem­des Wis­sen trotz Zumutb arkeit nicht ver­schafft hat [7] oder wenn sich ein Notar auf die Wie­der­ga­be der Bekun­dun­gen des Erben ohne eige­ne Ermitt­lungs­tä­tig­keit beschränkt [8].

Von die­sen Grund­sät­zen ist das Land­ge­richt Bonn [9] hier in der Vor­in­stanz aus­ge­gan­gen und hat auf die­ser Grund­la­ge rechts­feh­ler­frei ange­nom­men, dass das nota­ri­el­le Nach­lass­ver­zeich­nis unvoll­stän­dig ist, weil es kei­ne umfas­sen­den Anga­ben über die Geschäfts­be­zie­hung der Erb­las­se­rin zu der Raiff­ei­sen­bank Mill­stät­ter­see ent­hält. Die Erbin hat aus­weis­lich des nota­ri­el­len Nach­lass­ver­zeich­nis­ses eine n Kon­ten­da­ten­ab­ruf des Notars für Kon­ten­ver­bin­dun­gen in Öster­reich nicht ermög­licht und kei­ne ent­spre­chen­de Zustim­mungs­er­klä­rung erteilt. Ledig­lich bezüg­lich der in Deutsch­land befind­li­chen Kon­ten hat der Notar auf der Grund­la­ge der ihm inso­weit von der Erbin erteil­ten Zustim­mungs­er­klä­rung die erfor­der­li­chen Aus­künf­te ein­ho­len kön­nen. Infol­ge­des­sen und mit Rück­sicht auf den von ihm zu dem Kon­ten­da­ten­ab­ruf bei öster­rei­chi­schen Ban­ken auf­ge­nom­me­nen Hin­weis kann hier davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass er wie gebo­ten bei Vor­lie­gen einer ent­spre­chen­den Zustim­mungs­er­klä­rung der Erbin für die Kon­ten in Öster­reich, hier ins­be­son­de­re bei der Raiff­ei­sen­bank Mill­stät­ter­see, eben­falls Aus­kunft ein­ge­holt hät­te. Die Erbin wäre auf­grund der sie gemäß § 2314 Abs. 1 Satz 1 BGB tref­fen­den Ver­pflich­tung gehal­ten gewe­sen, sich über ihr eige­nes Wis­sen hin­aus die zur Aus­kunfts­er­tei­lung not­wen­di­gen Kennt­nis­se so weit wie mög­lich zu ver­schaf­fen und von Aus­kunfts­rech­ten gegen­über Kre­dit­in­sti­tu­ten Gebrauch zu machen [10]. Dies hat sie durch die Ver­wei­ge­rung des Kon­ten­da­ten­ab­rufs bei der Raiff­ei­sen­bank Mill­stät­ter­see nicht getan, so dass inso­weit eine teil­wei­se Unvoll­stän­dig­keit des nota­ri­el­len Nach­lass­ver­zeich­nis­ses vor­liegt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Mai 2020 – IV ZR 193/​19

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 13.09.2018 – I ZB 109/​17, ZEV 2019, 81 Rn. 31 f.; OLG Koblenz ZEV 2014, 308 Rn.20[]
  2. BGH, Beschluss vom 13.09.2018 – I ZB 109/​17, ZEV 2019, 81 Rn. 30[]
  3. OLG Bam­berg ZEV 2016, 580 Rn. 5[]
  4. BGH, Urteil vom 06.03.1952 – IV ZR 16/​51, LM § 260 Nr. 1; Staudinger/​Herzog, BGB, §§ 2303 bis 2345 (2015), § 2314 Rn. 84; Münch­Komm-BGB/Lan­ge, 8. Aufl. § 2314 Rn. 28; Bamberger/​J. May­er, BGB 3. Aufl. § 2314 Rn. 14; Beck­OK-BGB/­Mül­lerEn­gels, § 2314 Rn. 21 [Stand: 1.02.2020][]
  5. BGH, Urteil vom 06.03.1952 – IV ZR 16/​51 aaO; OLG Düs­sel­dorf ErbR 2019, 772, 773[]
  6. OLG Olden­burg NJ-RR 1992, 777 31][]
  7. OLG Saar­brü­cken ZEV 2011, 373 Rn. 17[]
  8. OLG Koblenz ZEV 2018, 413 Rn. 18; vgl. fer­ner Staudinger/​Herzog, BGB §§ 2303 bis 2345 (2015), § 2314 Rn. 85; Münch­Komm-BGB/Lan­ge, 8. Aufl. § 2314 Rn. 28; Bamberger/​J. May­er, BGB 3. Aufl. § 2314 Rn. 14; Beck­OK-BGB/­Mül­lerEn­gels, § 2314 Rn. 21 [Stand: 1.02.2020][]
  9. LG Bonn, Urteil vom 03.07.2019 – 5 S 18/​19[]
  10. vgl. zu die­ser Erkun­di­gungs­pflicht: BGH, Urteil vom 28.02.1989 – XI ZR 91/​88, BGHZ 107, 104, 108 12][]