Frist­wah­ren­de Ver­gü­tungs­an­mel­dung des Nach­lass­pfle­gers

Gemäß § 168 FamFG i.V.m. § 1962 BGB setzt das Nach­lass­ge­richt auf Antrag eine dem Nach­lass­pfle­ger zu bewil­li­gen­de Ver­gü­tung fest. Nach § 1836 Abs. 1 Satz 2 und 3 BGB rich­tet sich bei berufs­mä­ßi­ger Füh­rung der Nach­lass­pfleg­schaft die Ver­gü­tung nach dem VBVG. Der Nach­lass­pfle­ger kann bei Mit­tel­lo­sig­keit die gemäß § 1 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 1 VBVG zu bewil­li­gen­de Ver­gü­tung aus der Staats­kas­se ver­lan­gen (§ 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG). Nach § 2 Satz 1 VBVG erlischt der Ver­gü­tungs­an­spruch aber, wenn er nicht bin­nen 15 Mona­ten nach sei­ner Ent­ste­hung gel­tend gemacht wird.

Frist­wah­ren­de Ver­gü­tungs­an­mel­dung des Nach­lass­pfle­gers

§ 2 VBVG selbst ent­hält kei­ne Vor­ga­ben dafür, in wel­cher Form die Ansprü­che ange­mel­det wer­den müs­sen, um die Frist zu wah­ren, dass aber eine pau­scha­le Anmel­dung dem Grun­de nach nicht als ord­nungs­ge­mä­ße Gel­tend­ma­chung ange­se­hen wer­den kön­ne.

Wel­che inhalt­li­chen Anfor­de­run­gen § 2 Satz 1 VBVG an die frist­ge­mä­ße Gel­tend­ma­chung stellt, lässt sich weder dem Geset­zes­wort­laut noch den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ent­neh­men 1. § 2 VBVG ent­spricht sinn­ge­mäß der bis zum 30.06.2005 gel­ten­den Rege­lung in § 1836 Abs. 2 Satz 4 BGB 2, die vor allem im Inter­es­se der Staats­kas­se geschaf­fen wor­den war 3. Der Vor­mund soll zur zügi­gen Gel­tend­ma­chung sei­ner Ansprü­che ange­hal­ten wer­den, um zu ver­hin­dern, dass Ansprü­che in einer Höhe auf­lau­fen, wel­che die Leis­tungs­fä­hig­keit des Mün­dels über­for­dert und sei­ne Mit­tel­lo­sig­keit begrün­det und damit eine Ein­tritts­pflicht der Staats­kas­se aus­löst, die bei recht­zei­ti­ger Inan­spruch­nah­me nicht erfolgt wäre 3. Die pau­scha­le Anmel­dung von Ansprü­chen, die kei­ne Prü­fung der Ver­gü­tungs­hö­he ermög­licht, genügt daher nach ganz ein­hel­li­ger Ansicht nicht zur Frist­wah­rung. Ein Ver­gü­tungs­an­trag muss jeden­falls die Prü­fung und Fest­stel­lung der zutref­fen­den Ver­gü­tungs­hö­he ermög­li­chen 4. Die blo­ße Anga­be der Stun­den­zahl ohne kon­kre­ten Tätig­keits­nach­weis reicht für die frist­ge­rech­te Gel­tend­ma­chung des Anspruchs nicht aus 5.

Ob die Ver­gü­tungs­an­trä­ge des Nach­lass­pfle­gers im vor­lie­gen­den Fall die­sen Anfor­de­run­gen genü­gen, erscheint frag­lich, der Bun­des­ge­richts­hof konn­te die­se Fra­ge jedoch – wie zuvor bereits das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg 6 – offen lass, weil im kon­kre­ten Fall der Aus­schluss­frist nach § 2 VBVG der Grund­satz von Treu und Glau­ben ent­ge­gen­steht:

Der Grund­satz von Treu und Glau­ben kann auch gegen­über der gesetz­li­chen Aus­schluss­frist von § 2 VBVG durch­grei­fen.

Es gibt kei­ne all­ge­mein gel­ten­den Bestim­mun­gen für die Behand­lung gesetz­li­cher Aus­schluss­fris­ten. Je nach Art und Inhalt des Rechts, das erlö­schen soll, rich­tet sich, wel­cher Zweck mit der Frist ver­folgt wird und wel­che Inter­es­sen berück­sich­tigt wer­den müs­sen und kön­nen 7. Auch wenn das Nach­lass­ge­richt nicht gehal­ten ist, auf Grund sei­ner all­ge­mei­nen Bera­tungs­pflicht recht­zei­tig auf die Fol­gen einer ver­spä­te­ten Antrag­stel­lung hin­zu­wei­sen, und ins­be­son­de­re von einem berufs­mä­ßig täti­gen Nach­lass­pfle­ger die Kennt­nis der für die Anmel­dung von Ver­gü­tungs- und Auf­wen­dungs­er­satz­an­sprü­chen gel­ten­den gesetz­li­chen Fris­ten und der mit deren Ablauf ver­bun­de­nen Rechts­fol­gen erwar­tet wer­den kann 8, hin­dert dies im Ein­zel­fall nicht die Annah­me eines Ver­trau­ens­tat­be­stands zuguns­ten eines mit Blick auf § 2 VBVG säu­mi­gen Nach­lass­pfle­gers.

Die Beru­fung auf eine Aus­schluss­frist ist dann aus­ge­schlos­sen, wenn der Schuld­ner den Gläu­bi­ger gera­de durch sein Ver­hal­ten von der recht­zei­ti­gen Gel­tend­ma­chung sei­nes Anspruchs abge­hal­ten hat, was vor­lie­gend der Fall gewe­sen ist. Soweit das Beschwer­de­ge­richt dar­an die Fra­ge nach den Gren­zen der Anwen­dung des Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben geknüpft hat, han­delt es sich um eine Fra­ge des Ein­zel­falls ohne grund­sätz­li­che Bedeu­tung, die einer wei­te­ren abs­trakt­ge­ne­rel­len Klä­rung nicht zugäng­lich ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Okto­ber 2012 – IV ZB 13/​12

  1. vgl. KG FGPrax 2011, 235, 236; OLG Hamm FGPrax 2009, 161, 162[]
  2. BT-Drucks. 15/​4874, S. 30[]
  3. BT-Drucks. 13/​7158, S. 23[][]
  4. KG FGPrax 2011, 235, 236; OLG Hamm FGPrax 2009, 161 ff.; OLG Mün­chen MDR 2006, 815; OLG Frank­furt FGPrax 2001, 243; a.A. Rudolf/​Eckhardt, ZErb 2006, 112 ff., sie leh­nen die Anwend­bar­keit des § 2 Satz 1 VBVG auf den Ver­gü­tungs­an­spruch des Nach­lass­pfle­gers ab[]
  5. Klein/​Pammler in juris­PK-BGB 3. Aufl. § 1836 Rn. 55[]
  6. OLG Ham­burg, Beschluss vom 14.03.2012 – 2 W 9/​12[]
  7. BGH, Urteil vom 05.06.1975 – II ZR 131/​73, NJW 1975, 1698; BGH, Urteil vom 08.02.1965 – II ZR 171/​62, BGHZ 43, 235, 237[]
  8. KG FGPrax 2011, 235, 236 m.w.N.[]