Grab­pfle­ge­kos­ten

Grab­pfle­ge­kos­ten sind kei­ne Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten im Sin­ne von § 1968 BGB. Eine in einer letzt­wil­li­gen Ver­fü­gung ent­hal­te­ne Auf­la­ge des Erb­las­sers an die Erben zur Grab­pfle­ge führt nicht zu einer Kür­zung eines Pflichtteilsanspruchs.

Grab­pfle­ge­kos­ten

Die Kos­ten für die Grab­pfle­ge sind im Rah­men der Berech­nung des Pflicht­teils­an­spruchs gemäß § 2311 BGB nicht als Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten abzu­zie­hen. Zwar trägt gemäß § 1968 BGB der Erbe die Kos­ten der Beer­di­gung des Erb­las­sers. Hier­von erfasst wer­den aber nur die eigent­li­chen Kos­ten der Beer­di­gung, also des Bestat­tungs­ak­tes selbst, der sei­nen Abschluss mit der Errich­tung einer zur Dau­er­ein­rich­tung bestimm­ten und geeig­ne­ten Grab­stät­te fin­det. Kos­ten der Instand­hal­tung und Pfle­ge der Grab­stät­te und des Grab­mals zäh­len nicht mehr zu den Kos­ten der Beer­di­gung, son­dern ent­sprin­gen allen­falls einer sitt­li­chen Ver­pflich­tung des Erben1.

Auch die Mög­lich­keit, erb­schaft­steu­er­lich Grab­pfle­ge­kos­ten abzu­set­zen (§ 10 Abs. 5 Nr. 3 ErbStG), ver­mag an die­ser feh­len­den recht­li­chen Ver­pflich­tung des Erben zur Grab­pfle­ge nichts zu ändern, da die steu­er­li­che Berück­sich­ti­gungs­fä­hig­keit von Auf­wen­dun­gen nichts über die zivil­recht­li­che Ver­pflich­tung des Erben zur Kos­ten­tra­gung besagt2. Die­se steu­er­recht­li­che Rege­lung hat dem Gesetz­ge­ber auch kei­ne Ver­an­las­sung zu einer Ände­rung des § 1968 BGB gegeben.

Fer­ner ist eine mög­li­cher­wei­se bestehen­de öffent­lich-recht­li­che Pflicht von Erben oder Ange­hö­ri­gen zur Grab­pfle­ge unab­hän­gig von der rein zivil­recht­li­chen Fra­ge des Bestehens einer Nach­lass­ver­bind­lich­keit zu beur­tei­len3. Die Instand­hal­tungs­pflicht für eine Grab­stät­te trifft nach den ein­schlä­gi­gen Fried­hofs­sat­zun­gen den Grab­nut­zungs­be­rech­tig­ten oder den Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­ten, der nicht zwin­gend per­so­nen­iden­tisch mit dem Erben sein muss.

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Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts Mann­heim4 ver­mag auch die Anord­nung im Tes­ta­ment der Erb­las­se­rin, den Rest ihres Ver­mö­ge ns für die Beer­di­gung sowie zwan­zig Jah­re Grab­pfle­ge zu ver­wen­den, kei­ne dem Klä­ger als Pflicht­teils­be­rech­tig­ten ent­ge­gen­zu­hal­ten­de Nach­lass­ver­bind­lich­keit zu begrün­den. Zu den Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten gehö­ren gemäß § 1967 Abs. 2 BGB außer den vom Erb­las­ser her­rüh­ren­den Schul­den die den Erben als sol­chen tref­fen­den Ver­bind­lich­kei­ten, ins­be­son­de­re die Ver­bind­lich­kei­ten aus Pflicht­teils­rech­ten, Ver­mächt­nis­sen und Auf­la­gen5.

Eine Nach­lass­ver­bind­lich­keit kann zwar durch eine Erwäh­nung der Grab­pfle­ge in der letzt­wil­li­gen Ver­fü­gung begrün­det wer­den, wenn bereits der Erb­las­ser zu Leb­zei­ten einen Grab­pfle­ge­ver­trag geschlos­sen hat­te, der sodann die Erben als des­sen Rechts­nach­fol­ger gemäß § 1922 BGB bin­det6. Ein sol­cher Fall liegt im hier ent­schie­de­nen Fall aber nicht vor, da die Erb­las­se­rin zu ihren Leb­zei­ten kei­nen der­ar­ti­gen Ver­trag geschlos­sen hatte.

Zu Unrecht nimmt das Land­ge­richt Mann­heim7 dem­ge­gen­über an, die tes­ta­men­ta­ri­sche Anord­nung, dass der Rest des Ver­mö­gens für eine zwan­zig­jäh­ri­ge Grab­pfle­ge zu ver­wen­den sei, begrün­de bereits eine Nach­lass­ver­bind­lich­keit in Form einer Erb­fall­schuld, die im Rah­men der Berech­nung des Zusatz­pflicht­teils gemäß § 2305 BGB zu berück­sich­ti­gen sei. Die Bestim­mung eines Erb­las­sers in einer letzt­wil­li­gen Ver­fü­gung hin­sicht­lich Art und Umfang der nach sei­nem Tod durch­zu­füh­ren­den Grab­pfle­ge ist als Auf­la­ge gemäß §§ 1940, 2192 BGB8 oder – je nach Aus­ge­stal­tung – als Zweck­ver­mächt­nis gemäß §§ 1939, 2156 BGB anzu­se­hen. Eine Auf­la­ge ist eine Ver­fü­gung von Todes wegen, durch die einem Erben oder einem Ver­mächt­nis­neh­mer eine Ver­pflich­tung auf­er­legt wird, ohne dass eine begüns­tig­te Per­son ein Recht auf die Leis­tung erhält9. Hier liegt – ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­ons­er­wi­de­rung – eine der­ar­ti­ge Auf­la­ge vor, da die Erb­las­se­rin den Erben ins­ge­samt auf­ge­ge­ben hat, dass nach dem Ver­kauf ihrer Sachen sowie Aus­zah­lung der pro­zen­tu­al vor­ge­se­he­nen Beträ­ge an die Erben der Rest für die Beer­di­gung und die Grab­pfle­ge aus­zu­ge­ben ist. Im Ver­hält­nis der Erben unter­ein­an­der sowie zu außen­ste­hen­den Drit­ten stellt eine Auf­la­ge, wie sich auch aus § 1967 Abs. 2 BGB ergibt, eine Nach­lass­ver­bind­lich­keit in Form einer Erb­fall­schuld dar10.

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Dem­ge­gen­über führt eine auf einer Auf­la­ge beru­hen­de Nach­lass­ver­bind­lich­keit ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts nicht zu einer Kür­zung eines Pflicht­teils- oder Zusatz­pflicht­teils­an­spruchs. Nach ein­hel­li­ger Auf­fas­sung ist der Pflicht­teils­an­spruch gegen­über den Ansprü­chen aus Auf­la­gen und Ver­mächt­nis­sen vor­ran­gig11. Die­ser Vor­rang ergibt sich auch aus der gesetz­li­chen Rege­lung des § 1991 Abs. 4 BGB. Hier­nach sind Ver­bind­lich­kei­ten aus Pflicht­teils­rech­ten, Ver­mächt­nis­sen und Auf­la­gen durch den Erben so zu berich­ti­gen, wie sie im Fal­le des Insol­venz­ver­fah­rens zur Berich­ti­gung kom­men wür­den. Nach § 327 Abs. 1 InsO wer­den Ver­bind­lich­kei­ten gegen­über Pflicht­teils­be­rech­tig­ten vor Ver­bind­lich­kei­ten aus den vom Erb­las­ser ange­ord­ne­ten Ver­mächt­nis­sen und Auf­la­gen erfüllt. Dem Erb­las­ser soll es ver­wehrt sein, den Pflicht­teils­an­spruch durch frei­gie­bi­ge Ver­mächt­nis­an­ord­nun­gen oder Auf­la­gen zu schmä­lern oder sogar auszuhöhlen.

Die­ser Vor­rang des Pflicht­teils­an­spruchs gilt auch dann, wenn der Erb­las­ser – wie hier – Grab­pfle­ge in Form einer Auf­la­ge ange­ord­net hat. Auch in einem sol­chen Fall kön­nen die Grab­pfle­ge­kos­ten bei der Berech­nung des Nach­lass­wer­tes für den Pflicht­teils­an­spruch nicht in Abzug gebracht wer­den12. Der Unter­schied zu einem noch vom Erb­las­ser geschlos­se­nen Grab­pfle­ge­ver­trag liegt dar­in, dass es sich in die­sem Fall noch um eine vom Erb­las­ser her­rüh­ren­de Nach­lass­ver­bind­lich­keit in Form einer Erb­las­ser­schuld gemäß § 1967 Abs. 1 BGB han­delt, die bei der Berech­nung des Pflicht­teils­an­spruchs wert­min­dernd zu berück­sich­ti­gen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Mai 2021 – IV ZR 174/​20

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.09.1973 – III ZR 148/​71, BGHZ 61, 238, 239; RGZ 160, 255, 256; OLG Düs­sel­dorf ZErb 2018, 104 28]; OLG Köln ZEV 2015, 355 Rn. 4; OLG Schles­wig ZEV 2010, 196 32–35]; OLG Mün­chen ErbR 2010, 59 70]; OLG Olden­burg FamRZ 1992, 987 25 f.]; LG Rott­weil Beck­RS 2004, 10336; Staudinger/​Herzog, BGB (2015) § 2311 Rn. 55; Staudinger/​Kunz, BGB (2020) § 1968 Rn. 15; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 8. Aufl. § 1968 Rn. 4; Erman/​Horn, BGB 16. Aufl. § 1968 Rn. 7; Palandt/​Weidlich, BGB 80. Aufl. § 1968 Rn. 4; Beck­OK BGB/​Lohmann, [Stand: 1.02.2021] § 1968 Rn. 5; Damrau/​Tanck/​Gottwald, Pra­xis­kom­men­tar Erbrecht 4. Aufl. § 1968 Rn. 14; juris­PK-BGB/Ehm, 9. Aufl. § 1968 Rn. 14; Mär­ker, MDR 1992, 217; a.A. LG Hei­del­berg ZEV 2011, 583 61]; AG Neu­rup­pin ZEV 2007, 597 35]; Damrau, ZEV 2004, 456[]
  2. OLG Köln ZEV 2015, 355 Rn. 4; OLG Schles­wig ZEV 2010, 196 34 f.]; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 8. Aufl. § 1968 Rn. 4; anders LG Hei­del­berg, AG Neu­rup­pin, je aaO[]
  3. OLG Köln ZEV 2015, 355 Rn. 4; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 8. Aufl. § 1968 Rn. 4; Mär­ker, MDR 1992, 217; a.A. LG Hei­del­berg aaO[]
  4. LG Mann­heim, Urteil vom 02.07.2020 – 10 S 23/​19, ZErb 2020, 369[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 27.08.2014 – XII ZB 133/​12, FamRZ 2014, 1775 Rn. 14[]
  6. vgl. OLG Schles­wig ZEV 2010, 196 37]; LG Rott­weil Beck­RS 2004, 10336; LG Mün­chen – I NJW ‑RR 1989, 197; Staudinger/​Herzog, BGB (2015) § 2311 Rn. 55; Erman/​Horn, BGB 16. Aufl. § 1968 Rn. 7; Beck­OK BGB/​Lohmann [Stand: 1.02.2021], § 1968 Rn. 6; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 8. Aufl. § 1968 Rn. 4; Mär­ker, MDR 1992, 217[]
  7. LG Mann­heim, a.a.O.[]
  8. vgl. Bay­O­bLG ZEV 2003, 241 24 f.][]
  9. vgl. MünchKommBGB/​Leipold, 8. Aufl. § 1940 Rn. 2[]
  10. vgl. Staudinger/​Kunz, BGB (2020) § 1968 Rn. 15; Münch­Komm-BGB/­Küp­per, 8. Aufl. § 1968 Rn. 4; Palandt/​Weidlich, BGB 80. Aufl. § 1968 Rn. 4; Erman/​Horn, BGB 16. Aufl. § 1968 Rn. 7; Damrau/​Tanck/​Gottwald, Pra­xis­kom­men­tar Erbrecht 4. Aufl. § 1968 Rn. 14 Fn. 52; juris­PK-BGB/Ehm, 9. Aufl. § 1968 Rn. 14; Mär­ker, MDR 1992, 217[]
  11. BGH, Urteil vom 16.09.1987 – IVa ZR 97/​86, NJW 1988, 136 12]; BGH, Beschluss vom 27.08.2014 – XII ZB 133/​12, FamRZ 2014, 1775 Rn.20; OLG Koblenz ErbR 2020, 797 12, 15]; OLG Düs­sel­dorf ZErb 2018, 104 30]; Palandt/​Weidlich, BGB 80. Aufl. § 1991 Rn. 5; Münch­Komm-BGB/Lan­ge, 8. Aufl. § 2311 Rn. 22; Burandt/​Rojahn/​Horn, Erbrecht 3. Aufl. § 2311 Rn. 37[]
  12. so zu Recht OLG Düs­sel­dorf ZErb 2018, 104 2830]; Palandt/​Weidlich, BGB 80. Aufl. § 1968 Rn. 4; Schuh­ma­cher, ZErb 2020, 373; Ruby/​Schindler, ZEV 2010, 545, 546; anders in einem obiter dic­tum OLG Schles­wig ZEV 2010, 196 37]; hier­zu Mai­bach, juris­PR-FamR 5/​2010 Anm. 4; Hart­mann, ErbStB 2010, 333[]

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Verjährung von Ansprüchen gegen andere Miterben