Grund­stücks­über­tra­gung und Pflich­teils­ver­zicht – vor­weg­ge­nom­me­ne Erb­fol­ge und Notar­kos­ten

Wird in einem zwi­schen einem Eltern­teil und einem sei­ner Kin­der geschlos­se­nen Grund­stück­über­tra­gungs­ver­trag ein Pflicht­teils­ver­zicht der Geschwis­ter mit­be­ur­kun­det, han­delt es sich um ver­schie­de­ne Gegen­stän­de im Sin­ne des § 44 Abs. 2 Kos­tO, so dass der Ver­zicht neben dem Über­tra­gungs­ver­trag geson­dert zu bewer­ten ist. Ein mit der Zah­lung einer Abfin­dung ver­bun­de­ner Pflicht­teils­ver­zicht stellt einen Aus­tausch­ver­trag im Sin­ne des § 39 Abs. 2 Kos­tO zwi­schen dem Eltern­teil und den wei­chen­den Geschwis­tern dar. Dies gilt grund­sätz­lich auch dann, wenn die Geschwis­ter den Abfin­dungs­be­trag direkt vom Über­neh­mer des Grund­stücks erhal­ten sol­len.

Grund­stücks­über­tra­gung und Pflich­teils­ver­zicht – vor­weg­ge­nom­me­ne Erb­fol­ge und Notar­kos­ten

Der Notar hat daher die Gebühr aus den zusam­men­ge­rech­ne­ten Wer­ten des Über­ga­be­ver­tra­ges und des Pflicht­teils­ver­zichts zu berech­nen.

Die Beur­kun­dung des gegen­ständ­lich beschränk­ten Pflicht­teils­ver­zichts der wei­chen­den Geschwis­ter löst gemäß § 44 Abs. 1 Kos­tO gegen­über dem Über­ga­be­ver­trag eine beson­de­re Ver­gü­tung aus. Der Über­ga­be­ver­trag und der Pflicht­teils­ver­zicht haben nicht den­sel­ben Gegen­stand im Sin­ne des § 44 Abs. 1 Kos­tO.

Den­sel­ben Gegen­stand betref­fen alle zur Begrün­dung, Fest­stel­lung, Aner­ken­nung, Über­tra­gung, Auf­he­bung, Erfül­lung oder Siche­rung eines Rechts­ver­hält­nis­ses nie­der­ge­leg­ten Erklä­run­gen der Part­ner des Rechts­ver­hält­nis­ses samt allen Erfül­lungs- und Siche­rungs­ge­schäf­ten auch drit­ter Per­so­nen oder zu Guns­ten drit­ter Per­so­nen. Ob meh­re­re gleich­zei­tig beur­kun­de­te Rechts­ver­hält­nis­se den­sel­ben oder einen ver­schie­de­nen Gegen­stand haben, hängt daher von dem Bestehen eines inne­ren Zusam­men­hangs zwi­schen den Rechts­ver­hält­nis­sen ab. Je mehr das mit­be­ur­kun­de­te wei­te­re Rechts­ver­hält­nis von dem Haupt­ge­schäft abhängt, des­to eher ist Gegen­stands­gleich­heit anzu­neh­men. Auch wenn die Ver­trags­part­ner zur Errei­chung des von ihnen erstreb­ten wirt­schaft­li­chen Zie­les meh­re­re Rechts­ver­hält­nis­se in der Wei­se ver­bun­den haben, dass ein ein­heit­li­ches Rechts­ver­hält­nis eige­ner Art ent­steht, besteht ein enger inne­rer Zusam­men­hang und damit Gegen­stands­gleich­heit 1.

Zwi­schen dem Über­ga­be­ver­trag und dem Pflicht­teils­ver­zicht besteht kein inne­rer Zusam­men­hang in dem vor­ste­hend beschrie­be­nen Sinn 2. Das von den Betei­lig­ten ange­streb­te zen­tra­le Rechts­ver­hält­nis, von dem aus zu beur­tei­len ist, in wel­cher Bezie­hung zu ihm die in der nota­ri­el­len Urkun­de nie­der­ge­leg­ten Erklä­run­gen ste­hen, ist der Über­ga­be­ver­trag. Zu die­sem Ver­trag stellt der Pflicht­teils­ver­zicht der wei­chen­den Geschwis­ter kein Erfül­lungs- oder Siche­rungs­ge­schäft dar. Er dient allein dem Schutz des Über­neh­mers vor spä­te­ren Pflicht­teils­er­gän­zungs­an­sprü­chen sei­ner Geschwis­ter und der Ver­mei­dung spä­te­rer Erb­strei­tig­kei­ten, nicht aber der Siche­rung oder Erfül­lung des Über­ga­be­ver­tra­ges. Der Umstand, dass der Über­ga­be­ver­trag mög­li­cher­wei­se nicht ohne den Pflicht­teils­ver­zicht geschlos­sen wor­den wäre, recht­fer­tigt es nicht, die jeweils selb­stän­di­gen Rechts­ver­hält­nis­se kos­ten­recht­lich als eine Ein­heit zu behan­deln 3. Der Über­ga­be­ver­trag und der Pflicht­teils­ver­zicht bil­den auch nicht ein Rechts­ver­hält­nis eige­ner Art. Ein sol­ches Rechts­ver­hält­nis ent­steht nicht schon dadurch, dass die getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen das gemein­sa­me Ziel haben, die wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen aller Betei­lig­ten zu einem Aus­gleich zu brin­gen.

Da der Pflicht­teils­ver­zicht der wei­chen­den Geschwis­ter im Ver­hält­nis zu dem Über­ga­be­ver­trag gegen­stands­ver­schie­den ist, erhöht sich der Geschäfts­wert für die 20/​10Gebühr des § 36 Abs. 2 Kos­tO um den Wert des Pflicht­teils­ver­zichts (§ 44 Abs. 2a Kos­tO).

Der mit der Zah­lung einer Abfin­dung ver­bun­de­ne Pflicht­teils­ver­zicht stellt einen Aus­tausch­ver­trag im Sin­ne des § 39 Abs. 2 Kos­tO zwi­schen der Über­ge­be­rin und den wei­chen­den Geschwis­tern dar. Die­se haben gegen­über der Über­ge­be­rin auf den Pflicht­teil ver­zich­tet und wer­den dafür von die­ser mit einem Betrag von 80.000 € abge­fun­den. Der Annah­me einer Aus­tau­sch­leis­tung der Über­ge­be­rin steht nicht ent­ge­gen, dass die Geschwis­ter den Abfin­dungs­be­trag direkt vom Über­neh­mer erhal­ten sol­len. Indem der Über­neh­mer, der sich hier­zu gegen­über der Über­ge­be­rin ver­trag­lich ver­pflich­tet hat, die Aus­zah­lung unmit­tel­bar an die Geschwis­ter vor­neh­men soll­te, wur­de ledig­lich ver­mie­den, dass das Geld den Umweg über die Über­ge­be­rin nimmt. Die­se "abge­kürz­te" Zah­lung ändert aber nichts dar­an, dass es sich um eine Leis­tung der Über­ge­be­rin im Hin­blick auf den Pflicht­teils­ver­zicht der wei­chen­den Geschwis­ter han­delt 4. Der Umstand, dass die Abfin­dungs­zah­lung zugleich auch eine Aus­tau­sch­leis­tung des Über­neh­mers an die Über­ge­be­rin ist, steht deren Berück­sich­ti­gung als Aus­tau­sch­leis­tung im Ver­hält­nis zwi­schen der Über­ge­be­rin und den Geschwis­tern nicht ent­ge­gen. Denn bei dem Über­ga­be­ver­trag und dem Pflicht­teils­ver­zichts­ver­trag han­delt es sich um selb­stän­di­ge, mit unter­schied­li­chen Leis­tungs­pflich­ten ver­bun­de­ne Rechts­ver­hält­nis­se, deren Wert unab­hän­gig von dem des jeweils ande­ren Rechts­ver­hält­nis­ses zu bestim­men ist 5. Der Wert des Pflicht­teils­ver­zichts­ver­tra­ges bemisst sich daher gemäß § 39 Abs. 2 Kos­tO nach dem Abfin­dungs­be­trag von 80.000 €, da kei­ne Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich sind, dass der Wert des Ver­zichts höher als die Abfin­dung ist.

Anders als der Prä­si­dent des Land­ge­richts meint, ist der Abfin­dungs­be­trag auch nicht von dem Wert des Pflicht­teils­ver­zichts abzu­zie­hen. Der Wert des Ver­zichts wird nicht dadurch gemin­dert, dass er an eine Abfin­dungs­zah­lung geknüpft wird. In Abzug zu brin­gen sind ledig­lich sol­che Ver­mö­gens­wer­te, die dem Ver­zich­ten­den bereits vor dem Ver­trags­schluss unter Anrech­nung auf sei­nen Pflicht­teils­an­spruch (§ 2315 BGB) zuge­wen­det wor­den waren, da inso­weit kein Pflicht­teils­recht mehr besteht 6. Um eine sol­che Fall­ge­stal­tung geht es hier jedoch nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. April 2013 – V ZB 77/​12

  1. BGH, Beschluss vom 21.11.2002 – V ZB 29/​02, BGHZ 153, 22, 28[]
  2. nahe­zu ein­hel­li­ge Mei­nung, vgl. LG Kas­sel, Jur­Bü­ro 2009, 323, 324; Assenmacher/​Mathias/​Göttlich/​Mümmler, Kos­tO, 16. Aufl., "Über­ga­be­ver­trag"; Korintenberg/​Bengel/​Tiedtke, Kos­tO, 18. Aufl., § 44 Rn. 121, 241; Rohs/​Wedewer, Kos­tO [Stand August 2012], § 39 Rn. 11, § 44 Rn. 7z; Notar­kas­se Mün­chen, Streif­zug durch die Kos­ten­ord­nung, 9. Aufl., Rn.2009; Fil­zek, Kos­tO, 4. Aufl., § 44 Rn. 16; Wald­ner, Kos­tO, 7. Aufl., Rn. 138; Tiedt­ke, ZNotP 2006, 245, 250; ders. in ZNotP 2005, 240; Mümm­ler, Jur­Bü­ro 1988, 1640; Acker­mann, Rpfle­ger 1966, 241, 244; offen­ge­las­sen BayO­bLG, Mitt­BayNot 1998, 372, 373; a. A. für den Fall, dass der Ver­zicht aus­drück­lich als Gegen­leis­tung für die Grund­stücks­über­tra­gung aus­ge­stal­tet ist, OLG Frank­furt, Jur­Bü­ro 1998, 430[]
  3. BayO­blG, Jur­Bü­ro 1988, 891, 892; Mümm­ler, Jur­Bü­ro 1988, 1640[]
  4. vgl. BayO­blG, Mitt­BayNot 1998, 372, 373; Notar­kas­se Mün­chen, Streif­zug durch die Kos­ten­ord­nung, 9. Aufl., Rn.2011; Rohs/​Wedewer, Kos­tO [Stand August 2012], § 39 Rn. 14[]
  5. vgl. Rohs/​Wedewer, Kos­tO [Stand August 2012], § 39 Rn. 14 Fn. 28[]
  6. Fil­zek, Kos­tO, 4. Aufl., § 30 Kos­tO, Rn. 4 "Wert eines Pflicht­teils­ver­zichts"; Korintenberg/​Bengel/​Tiedtke, Kos­tO, 18. Aufl., § 39 Rn. 30a; Notar­kas­se, Mün­chen, Streif­zug durch die Kos­ten­ord­nung, 9. Aufl., Rn. 618[]