Lang­fris­ti­ge unent­gelt­li­che Gebrauchs­über­las­sung – und der benach­tei­lig­te Nach­er­be

Die lang­fris­ti­ge Ver­lei­hung von Wohn- und Geschäfts­räu­men durch den Vor­er­ben ist schon des­halb nicht wegen Umge­hung des gemäß § 2113 BGB bestehen­den Ver­fü­gungs­ver­bots sit­ten­wid­rig, weil der Nach­er­be in die­ser Stel­lung hier­durch nicht gebun­den ist. Bereits aus die­sem Grund führt der Abschluss eines lang­fris­ti­gen Leih­ver­trags über Räu­me durch den Vor­er­ben auch nicht dazu, dass die Erb­schaft im Sin­ne des § 2138 Abs. 2 BGB ver­min­dert wird.

Lang­fris­ti­ge unent­gelt­li­che Gebrauchs­über­las­sung – und der benach­tei­lig­te Nach­er­be

Der­ar­ti­ge lang­fris­ti­ge unent­gelt­li­che Gebrauchs­über­las­sun­gen füh­ren nicht zu einer sit­ten­wid­ri­gen Umge­hung der erbrecht­li­chen Rege­lung des § 2113 Abs. 2 BGB, nach der das Recht des Nach­er­ben ver­ei­teln­de oder beein­träch­ti­gen­de unent­gelt­li­che Ver­fü­gun­gen des Vor­er­ben unwirk­sam sind. Dabei bedarf es kei­nes ver­tief­ten Ein­ge­hens auf die Fra­ge, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der mit einem Rechts­ge­schäft ver­folg­te Zweck der Geset­zes­um­ge­hung zur Nich­tig­keit gemäß § 138 BGB füh­ren kann 1. Denn jeden­falls erfor­dert die Annah­me einer den Ver­stoß gegen die guten Sit­ten begrün­den­den Ver­werf­lich­keit, dass mit dem Rechts­ge­schäft ein Rechts­zu­stand geschaf­fen wer­den soll, den die umgan­ge­ne gesetz­li­che Bestim­mung zu ver­hin­dern sucht. Dies ist hier jedoch nicht der Fall.

Die Vor­schrift des § 2113 BGB schützt den Nach­er­ben nur gegen bestimm­te Ver­fü­gun­gen des Vor­er­ben über Gegen­stän­de der Vor­erb­schaft, indem sie die Unwirk­sam­keit der Ver­fü­gung anord­net. Sie bezieht sich nach der zutref­fen­den all­ge­mei­nen Mei­nung allein auf Ver­fü­gun­gen im Rechts­sin­ne, so dass ihr Ver­pflich­tungs­ge­schäf­te nicht unter­fal­len 2. Vom Gesetz­ge­ber wur­den nur die mit Ver­fü­gun­gen ver­bun­de­nen unmit­tel­ba­ren Rechts­be­ein­träch­ti­gun­gen als so schwer­wie­gend ein­ge­stuft, dass es einer gesetz­li­chen Anord­nung der Unwirk­sam­keit bedurf­te.

Dem sind schuld­recht­li­che Ver­pflich­tungs­ge­schäf­te nicht ver­gleich­bar, wie auch die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung der Raum­lei­he durch den Vor­er­ben ver­deut­licht. Durch einen Leih­ver­trag über Räu­me wird dem Nach­lass für den Nach­er­ben weder das Grund­stück noch sons­ti­ges Ver­mö­gen ent­zo­gen. Bis zum Ein­tritt des Nach­erb­falls unter­bleibt ledig­lich die Frucht­zie­hung durch den Vor­er­ben, die aber ohne­dies von den Fäl­len der ord­nungs­wid­ri­gen oder über­mä­ßi­gen Frucht­zie­hung des § 2133 BGB abge­se­hen allein die­sem zusteht. Mit einem vom Vor­er­ben abge­schlos­se­nen Leih­ver­trag wird schuld­recht­lich auch nicht der Nach­er­be ver­pflich­tet, weil er nicht der Rechts­nach­fol­ger des Vor­er­ben ist. Ein Ver­trags­über­gang fin­det nur bei zur Erb­schaft gehö­ren­den Miet- oder Pacht­ver­trä­gen über Grund­stü­cke und ein­ge­tra­ge­ne Schif­fe auf­grund der beson­de­ren gesetz­li­chen Anord­nung in §§ 2135, 1056, 566 BGB statt, nicht aber bei der Lei­he. Mit­hin kann der Nach­er­be mit Ein­tritt des Nach­erb­falls vom Ent­lei­her die Her­aus­ga­be aus § 985 BGB ver­lan­gen. Allein der Vor­er­be oder sei­ne Erben haf­ten gege­be­nen­falls wegen Nicht­er­fül­lung der Über­las­sungs­ver­pflich­tung gegen­über dem Ent­lei­her.

Die­ser Her­aus­ga­be­an­spruch schei­tert im zu ent­schei­den­den Fall allein dar­an, dass die Nach­er­ben zusätz­lich per­so­nen­iden­tisch mit den Erben der Vor­erbin und damit deren Rechts­nach­fol­ger sind, wes­halb die bei­den Ent­lei­her ihnen gegen­über ein Recht zum Besitz gemäß § 986 BGB haben.

Als Erben­ge­mein­schaft nach der Erb­las­se­rin sind sie in die Stel­lung als Ver­lei­her ein­ge­rückt. Dass einer der Mit­er­ben zugleich der Ent­lei­her ist, führt dort nicht zur (teil­wei­sen) Kon­fu­si­on. Denn der Nach­lass bil­det infol­ge sei­ner gesamt­hän­de­ri­schen Bin­dung ein Son­der­ver­mö­gen, so dass die Ver­ei­ni­gungs­wir­kung von Recht und Ver­bind­lich­keit erst ein­tritt, wenn aus dem Nach­lass ein­zel­ne Rech­te auf Mit­er­ben über­tra­gen wer­den 3. Dass eine Bin­dung der bei­den Mit­glie­der der Nach­er­ben­ge­mein­schaft über den Tod der Vor­erbin hin­aus an die Leih­ver­trä­ge besteht, berührt mit­hin nicht den Schutz­zweck des § 2113 BGB, son­dern ist aus­schließ­lich der Erb­fol­ge nach der Erb­las­se­rin und dem Umstand geschul­det, dass der Klä­ger die Erb­schaft nach der Erb­las­se­rin nicht aus­ge­schla­gen hat.

Sons­ti­ge Grün­de für eine Sit­ten­wid­rig­keit sind für den Bun­des­ge­richts­hof nicht ersicht­lich. ersicht­lich. Ins­be­son­de­re ist für eine Nich­tig­keit gemäß § 138 Abs. 1 BGB nicht aus­rei­chend, dass es sich bei den Leih­ver­trä­gen noch dazu in der hier gege­be­nen Aus­ge­stal­tung um nahe­zu aus­schließ­lich eine Ver­trags­sei­te begüns­ti­gen­de Rege­lun­gen han­delt.

Die in den Gebrauchs­über­las­sungs­ver­ein­ba­run­gen getrof­fe­nen Lauf­zeit­be­stim­mun­gen sind wirk­sam. Das für einen über eine län­ge­re Zeit als ein­Jahr abge­schlos­se­nen Grund­stücks- oder Raum­miet­ver­trag gel­ten­de Schrift­form­erfor­der­nis des § 550 BGB ist nicht, auch nicht ent­spre­chend, anwend­bar. Haupt­zweck die­ser Vor­schrift ist es, einem Erwer­ber des Grund­stücks die Gele­gen­heit zu ver­schaf­fen, sich zuver­läs­sig über bestehen­de Miet­ver­hält­nis­se zu unter­rich­ten, in die er nach § 566 BGB ein­tre­ten muss. Eine § 566 BGB ver­gleich­ba­re Vor­schrift fehlt jedoch bei der Lei­he 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Janu­ar 2016 – XII ZR 33/​15

  1. vgl. die Dar­stel­lun­gen bei Münch­Komm-BGB/Arm­brüs­ter 7. Aufl. § 138 Rn. 53 f. und bei Staudinger/​Sack/​Fischinger BGB [2011] § 138 Rn. 672[]
  2. BGHZ 52, 269 = NJW 1969, 2043, 2045; BGH Urteil vom 30.05.1990 – IV ZR 83/​89 Fam­RZ 1990, 1344, 1345 f.; Beck­OK BGB/​Litzenburger [Stand: 1.11.2015] § 2113 Rn. 10, 15; Münch­Komm-BGB/Grun­sky 6. Aufl. § 2113 Rn. 8, 24[]
  3. BGH Urteil vom 08.04.2015 – IV ZR 161/​14 Fam­RZ 2015, 1025 Rn. 15; Münch­Komm-BGB/­Lei­pold 6. Aufl. § 1922 Rn. 127, 129; Palandt/​Weidlich BGB 75. Aufl. § 1922 Rn. 6[]
  4. vgl. BGH Urteil vom 20.06.1984 IVa ZR 34/​83 NJW 1985, 1553, 1554[]