Lebens­ver­si­che­rung und Pflicht­teil

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sei­ne Recht­spre­chung geän­dert und die seit Schaf­fung des BGB umstrit­te­ne Rechts­fra­ge neu beur­teilt, auf Grund­la­ge wel­chen Werts ein Pflicht­teils­be­rech­tig­ter eine Ergän­zung sei­nes Pflicht­teils nach § 2325 Abs. 1 BGB* ver­lan­gen kann, wenn der Erb­las­ser die Todes­fall­leis­tung einer von ihm auf sein eige­nes Leben abge­schlos­se­nen Lebens­ver­si­che­rung mit­tels einer wider­ruf­li­chen Bezugs­rechts­be­stim­mung einem Drit­ten schenk­wei­se zuge­wen­det hat.

Lebens­ver­si­che­rung und Pflicht­teil

Hier­zu hat­te sei­ner­zeit das Reichs­ge­richts in den 1930er Jah­ren 1 die Sum­me der vom Erb­las­ser für die­se Lebens­ver­si­che­rung gezahl­ten Prä­mi­en her­an­ge­zo­gen. Die­ser Recht­spre­chung war der Bun­des­ge­richts­hof bis­her gefolgt und hat eben­falls stets nur die vom Erb­las­ser geleis­te­ten Prä­mi­en­zah­lun­gen als Grund­la­ge für die Pflicht­teils­er­gän­zung ange­se­hen.

Die­se Recht­spre­chung hat der Bun­des­ge­richts­hof heu­te auf­ge­ge­ben und ent­schie­den, dass es allein auf den Wert ankommt, den der Erb­las­ser aus den Rech­ten sei­ner Lebens­ver­si­che­rung in der letz­ten – juris­ti­schen – Sekun­de sei­nes Lebens nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en für sein Ver­mö­gen hät­te umset­zen kön­nen.

In aller Regel ist damit auf auf den Rück­kaufs­wert zum Todes­zeit­punkt abzu­stel­len. Aller­dings ist zu beach­ten, dass inzwi­schen auch ein Markt für "gebrauch­te" Lebens­ver­si­che­rungs­po­li­cen besteht. Je nach Lage des Ein­zel­falls kann daher gege­be­nen­falls auch ein – objek­tiv beleg­ter – höhe­rer Ver­äu­ße­rungs­wert her­an­zu­zie­hen sein, ins­be­son­de­re wenn der Erb­las­ser die Ansprü­che aus der Lebens­ver­si­che­rung zu einem höhe­ren Preis an einen gewerb­li­chen Ankäu­fer hät­te ver­kau­fen kön­nen.

Dabei ist der objek­ti­ve Markt­wert auf­grund abs­trak­ter und gene­rel­ler Maß­stä­be unter Zugrun­de­le­gung der kon­kre­ten Ver­trags­da­ten des betref­fen­den Ver­si­che­rungs­ver­trags fest­zu­stel­len. Die schwin­den­de per­sön­li­che Lebens­er­war­tung des Erb­las­se­res auf­grund sub­jek­ti­ver, indi­vi­du­el­ler Fak­to­ren – wie ins­be­son­de­re ein fort­schrei­ten­der Kräf­te­ver­fall oder Krank­heits­ver­lauf – darf bei der Wert­ermitt­lung aller­dings eben­so wenig in die Bewer­tung ein­flie­ßen, wie das erst nach­träg­lich erwor­be­ne Wis­sen, dass der Erb­las­ser zu einem bestimm­ten Zeit­punkt tat­säch­lich ver­stor­ben ist.

Damit ist der Bun­des­ge­richts­hof einer Ten­denz in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung heu­te ent­ge­gen­ge­tre­ten, die – unter Beru­fung auf ein Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs zu einer ähn­li­che Fra­ge­stel­lung im Insol­venz­recht 2 – bei der Berech­nung des Pflicht­teils­er­gän­zungs­an­spruchs auf die gesam­te Ver­si­che­rungs­sum­me abstel­len woll­te.

In den bei­den heu­te vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len haben die Klä­ger jeweils als ent­erb­te Söh­ne des Erb­las­sers gegen die Erben Pflicht­teils­teils­er­gän­zungs­an­sprü­che gel­tend gemacht, die sie auf Grund­la­ge der aus­be­zahl­ten Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen berech­nen woll­ten. Die jewei­li­gen Beru­fungs­ge­rich­te haben die ent­schei­den­de Rechts­fra­ge unter­schied­lich beant­wor­tet: Wäh­rend das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf den Pflicht­teils­er­gän­zungs­an­spruch auf Grund­la­ge der vol­len Ver­si­che­rungs­sum­me berech­net hat 3, ist das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt 4 ent­spre­chend der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs von der – gerin­ge­ren – Sum­me der vom Erb­las­ser gezahl­ten Prä­mi­en als Berech­nungs­grund­la­ge aus­ge­gan­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bei­de Beru­fungs­ur­tei­le auf­ge­ho­ben und die Ver­fah­ren an die Beru­fungs­ge­rich­te zurück­ver­wie­sen, um den Par­tei­en wei­te­ren Vor­trag unter Berück­sich­ti­gung der geän­der­ten Recht­spre­chung zu ermög­li­chen.

Da die in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge inves­tier­ten Beträ­ge im Mil­li­ar­den­be­reich lie­gen und die wider­ruf­li­che Ein­räu­mung von Bezugs­rech­ten ein weit ver­brei­te­tes Mit­tel bei der Nach­lass­ge­stal­tung dar­stellt, wird der Ent­schei­dung – neben der recht­li­chen Bedeu­tung – auch erheb­li­che wirt­schaft­li­che und prak­ti­sche Wir­kung zukom­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 28. April 2010 – IV ZR 73/​08 und IV ZR 230/​08

  1. RGZ 128,187[]
  2. BGHZ 156, 350[]
  3. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 22.02.2008 – I‑7 U 140707[]
  4. KG, Urteil vom 13.03.2008 – 16 U 35/​07[]