Nach­ab­fin­dungs­ab­spruch des wei­chen­den Erben bei land­wirt­schaft­li­chen Grund­stü­cken

Nach § 17 Abs. 1 Satz 1 GrdstVG hat der Zuwei­sungs­er­wer­ber die wei­chen­den Mit­er­ben, soweit es der Bil­lig­keit ent­spricht, so zu stel­len, wie wenn der in Betracht kom­men­de Gegen­stand im Zeit­punkt des Erwerbs ver­kauft und der Kauf­preis unter den Mit­er­ben ent­spre­chend ihren Erb­tei­len ver­teilt wor­den wäre. Der hypo­the­ti­sche Ver­kaufs­er­lös ist der dama­li­ge Ver­kehrs­wert, der sich nach dem Preis bestimmt, der im Zeit­punkt der Zuwei­sung im gewöhn­li­chen Geschäfts­ver­kehr zu erzie­len gewe­sen wäre [1].

Nach­ab­fin­dungs­ab­spruch des wei­chen­den Erben bei land­wirt­schaft­li­chen Grund­stü­cken

Auf den (nied­ri­ge­ren) Ver­kehrs­wert in dem Zeit­punkt der Ver­äu­ße­rung kommt es für die Berech­nung des Nach­ab­fin­dungs­an­spruchs nach § 17 Abs. 1 Satz 1 GrdstVG nicht an. Eine Berück­sich­ti­gung von nach der Zuwei­sungs­ent­schei­dung ein­tre­ten­den Wert­än­de­run­gen ist zwar unter dem Gesichts­punkt der Bil­lig­keit nicht gene­rell aus­ge­schlos­sen, kommt indes nur in Betracht, wenn ande­ren­falls eine sach­lich nicht gerecht­fer­tig­te Belas­tung des Zuwei­sungs­er­wer­bers die Fol­ge wäre.

Das ist bei einem Rück­gang der Grund­stücks­prei­se im Regel­fall zu ver­nei­nen. Durch die Rege­lung des § 17 GrdstVG soll das Opfer aus­ge­gli­chen wer­den, das die wei­chen­den Mit­er­ben dadurch erbracht haben, dass sie im Inter­es­se der geschlos­se­nen und lebens­fä­hi­gen Erhal­tung des land­wirt­schaft­li­chen Betriebs [2] mit einer Abfin­dung auf der Grund­la­ge des – im Ver­gleich zu dem Ver­kaufs­wert regel­mä­ßig nied­ri­ge­ren – Ertrags­werts vor­lieb neh­men muss­ten. Die­ses Opfer, des­sen Recht­fer­ti­gung nach­träg­lich ent­fällt, wenn der Erwer­ber inner­halb der durch das Gesetz bestimm­ten Frist den Betrieb (voll­stän­dig oder teil­wei­se) an einen Drit­ten ver­äu­ßert, soll durch den Anspruch auf Nach­ab­fin­dung eine Kom­pen­sa­ti­on erfah­ren [3]. Des­sen Maß­stab ist der Ver­kehrs­wert zum Zeit­punkt der Zuwei­sung. Eine Betei­li­gung der wei­chen­den Mit­er­ben an einer Wert­stei­ge­rung der betriebs­zu­ge­hö­ri­gen Grund­stü­cke ist nicht vor­ge­se­hen; ein dar­auf beru­hen­der Ver­äu­ße­rungs­er­lös ver­bleibt ins­ge­samt dem Zuwei­sungs­er­wer­ber. Die­se gesetz­li­che Wer­tung bean­sprucht auch für den umge­kehr­ten Fall Gel­tung. Sie führt dazu, dass eine rück­läu­fi­ge Wert­ent­wick­lung zu Las­ten des Erwer­bers geht.

Die für die gegen­tei­li­ge Rechts­auf­fas­sung ange­führ­ten Äuße­run­gen im Schrift­tum ste­hen dazu nicht in Wider­spruch. Zwar wird befür­wor­tet, den Nach­ab­fin­dungs­an­spruch nach dem Kauf­preis aus­zu­rich­ten, sofern die­ser nied­ri­ger als der Ver­kehrs­wert zum Zeit­punkt der Zuwei­sung ist. Das soll jedoch nicht all­ge­mein, son­dern nur für den Fall gel­ten, dass der Kauf­preis nicht aus­reicht, um die wei­chen­den Mit­er­ben nach Maß­ga­be des (frü­he­ren) Ver­kehrs­werts abzu­fin­den [4]. Die­se zusätz­li­che Vor­aus­set­zung ist hier nicht erfüllt.

Ver­bind­lich­kei­ten, die anläss­lich der Zuwei­sung ein­ge­gan­gen wer­den muss­ten, um die damals an die wei­chen­den Mit­er­ben zu erbrin­gen­den Abfin­dungs­zah­lun­gen zu finan­zie­ren, und die bei der Ver­äu­ße­rung der Betriebs­flä­chen noch nicht (voll­stän­dig) zurück­ge­führt waren, sind nicht anrech­nungs­fä­hig. Eine Berück­sich­ti­gung die­ser Auf­wen­dun­gen wider­sprä­che dem in §§ 16 und 17 GrdstVG zum Aus­druck kom­men­den Wil­len des Gesetz­ge­bers, wonach den wei­chen­den Mit­er­ben zumin­dest der ihrem Erb­teil ent­spre­chen­de Anteil am Ertrags­wert des Betriebs zuste­hen soll. Ob aus­nahms­wei­se eine ande­re Betrach­tung gerecht­fer­tigt erscheint, wenn die Ver­äu­ße­rung ein­zel­ner Betriebs­ge­gen­stän­de zur Redu­zie­rung einer drü­cken­den Schul­den­last erfor­der­lich war und die­se – auch im Inter­es­se der wei­chen­den Mit­er­ben – der Auf­recht­erhal­tung des Betriebs dien­te [5], bedarf kei­ner Beant­wor­tung. Ein sol­cher Fall ist hier nicht gege­ben, weil der über­neh­men­de Mit­er­be den land­wirt­schaft­li­chen Betrieb bereits vor län­ge­rer Zeit auf­ge­ge­ben hat.

Auch kann der in dem Zeit­raum zwi­schen 1994 und 2006 ein­ge­tre­te­ne Kauf­kraft­schwund nicht zu Guns­ten des über­neh­men­den Mit­er­ben berück­sich­tigt wer­den, da die Nach­ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des zum Zeit­punkt der Zuwei­sung gel­ten­den Preis­ni­veaus statt­fin­det. Die in der Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung in Bezug genom­me­ne Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu einer Ein­be­zie­hung des Kauf­kraft­schwunds bei der Berech­nung des Zuge­winn­aus­gleichs nach §§ 1372 ff. BGB [6] und der Anrech­nung von Vor­emp­fän­gen auf den Pflicht­teil gemäß § 2315 BGB [7] ist auf die Nach­ab­fin­dung nach § 17 GrdstVG nicht über­trag­bar.

Der über­neh­men­de Erbe kann sich auch nicht mit Erfolg auf eine im Ver­gleich zu § 17 GrdstVG für den Schuld­ner güns­ti­ge­re Aus­ge­stal­tung der Abfin­dung in § 13 HöfeO und in § 2049 BGB beru­fen. Der höfe­recht­li­che Abfin­dungs­er­gän­zungs­an­spruch unter­schei­det sich seit der Neu­fas­sung durch das Zwei­te Gesetz zur Ände­rung der Höfe­ord­nung vom 29.03.1976 [8] in sei­nen Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen grund­le­gend von dem­je­ni­gen nach dem Grund­stücks­ver­kehrs­ge­setz. Davon, den Anspruch nach § 17 GrdstVG an die geän­der­te höfe­recht­li­che Rege­lung anzu­pas­sen, hat der Gesetz­ge­ber ent­ge­gen frü­he­ren Über­le­gun­gen [9] abge­se­hen. Dem Umstand, dass die Vor­schrift des § 2049 BGB kei­ne ergän­zen­de Abfin­dung der wei­chen­den Mit­er­ben vor­sieht, kommt ange­sichts der in § 17 GrdstVG getrof­fe­nen Rege­lung kei­ne Bedeu­tung zu.

Der Aus­gleichs­pflicht des über­neh­men­den Erben steht im hier ent­schie­de­nen Fall schließ­lich nicht ent­ge­gen, dass die­ser den Betrieb bereits vor der Zuwei­sung im Jahr 1994 – nach eige­nen Anga­ben seit dem Tod des Vaters der Betei­lig­ten im Jahr 1965 – bewirt­schaf­tet hat. Der Nach­ab­fin­dungs­an­spruch nach § 17 GrdstVG beruht nicht auf einer feh­len­den Befä­hi­gung des Zuwei­sungs­er­wer­bers zur ord­nungs­ge­mä­ßen Bewirt­schaf­tung des Betriebs, son­dern dar­auf, dass die­ser ent­ge­gen dem mit der Zuwei­sung ver­folg­ten Zweck ver­wen­det wird. Das schließt die Berück­sich­ti­gung einer bereits zuvor erfolg­ten, unter Umstän­den auch lang­jäh­ri­gen, Bewirt­schaf­tung zuguns­ten des Zuwei­sungs­er­wer­bers grund­sätz­lich aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Novem­ber 2011 – BLw 2/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.06.1956 – IV ZR 16/​56, RdL 1956, 272; Beschluss vom 25.11.2010 – IV ZR 124/​09, WM 2011, 377, 378 Rn. 5 mwN; Pikalo/​Bendel, aaO, § 17 Anm. E II 2 b, S. 915[]
  2. vgl. BVerfGE 91, 346, 356; eben­so bereits die Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs, BTDrs. 3/​119, S. 15[]
  3. vgl. Regie­rungs­ent­wurf, BTDrs. 3/​119, S. 26; Pikalo/​Bendel, aaO, § 17 Anm. E II 1, S. 914; eben­so bereits BGH, Beschluss vom 09.11.1978 – V BLw 23/​77, WM 1979, 1189, 1190 zu § 13 HöfeO[]
  4. so bereits der Bericht des Ernäh­rungs­aus­schus­ses, BTDrs. 3/​2635, S. 11; Netz, GrdstVG, 5. Aufl., Anm.07.03.02.01.6; Pikalo/​Bendel, aaO, § 17 Anm. E I 7 c, S. 907 f.; Vorwerk/​von Spre­ckel­sen, GrdstVG, § 17 Rn.20; Graß, AUR 2010, 228, 231; eben­so Rötel­mann, DNotZ 1961, 346, 356 zu § 13 HöfeO; wohl auch Luka­now, RdL 1962, 193, 195 f.; unklar Lan­ge, GrdstVG, 2. Aufl., § 17 Anm. 15, S. 284[]
  5. vgl. O. Wöhr­mann, GrdstVG, § 17 Rn. 14; Netz, aaO, 5. Aufl., Anm.07.03.02.01.10[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 14.11.1973 – IV ZR 147/​72, BGHZ 61, 385 ff.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 04.07.1975 – IV ZR 3/​74, BGHZ 65, 75, 77[]
  8. BGBl. I, S. 881[]
  9. vgl. BTDrs. 3/​2635, S. 11[]