Pflicht­teils­be­rech­nung – und die Maß­geb­lich­keit des Ver­äu­ße­rungs­er­lö­ses

Gemäß § 2311 Abs. 1 Satz 1 BGB wer­den bei der Berech­nung des Pflicht­teils der Bestand und der Wert des Nach­las­ses zur Zeit des Erb­fal­les zugrun­de gelegt.

Pflicht­teils­be­rech­nung – und die Maß­geb­lich­keit des Ver­äu­ße­rungs­er­lö­ses

Der Pflicht­teils­be­rech­tig­te ist wirt­schaft­lich so zu stel­len, als sei der Nach­lass beim Tod des Erb­las­sers in Geld umge­setzt wor­den [1]. Abzu­stel­len ist auf den so genann­ten gemei­nen Wert, der dem Ver­kaufs­wert im Zeit­punkt des Erb­fal­les ent­spricht.

Da der­ar­ti­ge Schät­zun­gen mit Unsi­cher­hei­ten ver­bun­den sind, ent­spricht es der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass sich die Bewer­tung von Nach­lass­ge­gen­stän­den, die bald nach dem Erb­fall ver­äu­ßert wor­den sind, von außer­ge­wöhn­li­chen Ver­hält­nis­sen abge­se­hen, grund­sätz­lich an dem tat­säch­lich erziel­ten Ver­kaufs­preis ori­en­tie­ren muss [2].

Die Maß­geb­lich­keit des Ver­äu­ße­rungs­er­lö­ses ist nicht auf die Fäl­le beschränkt, in denen der Ver­äu­ße­rungs­er­lös über dem Schätz­wert des Gut­ach­ters liegt. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits mehr­fach aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass der tat­säch­lich erziel­te Preis ein wesent­li­cher Anhalts­punkt für die Schät­zung des Ver­kehrs­werts gemäß § 287 ZPO auch dann ist, wenn er nied­ri­ger aus­fällt als anhand all­ge­mei­ner Erfah­rungs­wer­te zu erwar­ten gewe­sen wäre [3]. Ein Abstel­len auf den tat­säch­li­chen Ver­äu­ße­rungs­er­lös ist grund­sätz­lich auch dann noch zuläs­sig, wenn wie hier zwi­schen Erb­fall und Ver­äu­ße­rungs­zeit­punkt ein Zeit­raum von drei Jah­ren liegt [4].

Eine Bin­dung an den tat­säch­lich erziel­ten Ver­kaufs­preis kommt aller­dings dann nicht mehr in Betracht, wenn der dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­ge Pflicht­teils­be­rech­tig­te Tat­sa­chen vor­trägt und unter Beweis stellt, nach wel­chen der Ver­kaufs­er­lös nicht dem tat­säch­li­chen Ver­kehrs­wert im Zeit­punkt des Erb­fal­les ent­spricht. Dem Pflicht­teils­be­rech­tig­ten kann es nicht ver­wehrt wer­den nach­zu­wei­sen, dass der erziel­te Ver­äu­ße­rungs­er­lös nicht dem tat­säch­li­chen Ver­kehrs­wert ent­spricht [5].

Der Tatrich­ter kann bei meh­re­ren sich wider­spre­chen­den Gut­ach­ten den Streit der Par­tei­en nicht dadurch ent­schei­den, dass er ohne ein­leuch­ten­de und logisch nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung einem von ihnen den Vor­zug gibt [6]. Auch kommt es nicht dar­auf an, ob bei Vor­lie­gen zwei­er Gut­ach­ten mit einem gerin­ge­ren Wert nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den kön­ne, dass es sich bei dem vom Tes­ta­ments­voll­stre­cker erziel­ten Kauf­preis nicht um einen sol­chen gehan­delt habe, der im gewöhn­li­chen Ver­kehr als zu nied­rig bemes­sen anzu­se­hen wäre. Maß­ge­bend für die Wert­be­mes­sung nach § 2311 Abs. 1 Satz 1 BGB ist der objek­ti­ve Wert des Nach­las­ses im Zeit­punkt des Erb­fal­les. Die­ser kann sich zwar grund­sätz­lich an dem erziel­ten Ver­kaufs­preis ori­en­tie­ren. Legt der Pflicht­teils­be­rech­tig­te aber mit Sub­stanz dar, dass der tat­säch­li­che Wert im Zeit­punkt des Erb­fal­les nicht dem des erziel­ten Ver­kaufs­prei­ses ent­spricht, so muss der Tatrich­ter dem nach­ge­hen, soweit es sich nicht um blo­ße Behaup­tun­gen „ins Blaue hin­ein“ han­delt. Davon kann im hier ent­schie­de­nen Fall ange­sichts der vom Klä­ger vor­ge­leg­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten sowie der vom Beru­fungs­ge­richt selbst für „höchst unge­wöhn­lich“ erach­te­ten Umstän­de der Ermitt­lung des Kauf­prei­ses des Grund­stücks nicht aus­ge­gan­gen wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. April 2015 – IV ZR 150/​14

  1. BGH, Beschluss vom 25.11.2010 – IV ZR 124/​09, ZEV 2011, 29 Rn. 5; BGH, Urtei­le vom 14.10.1992 – IV ZR 211/​91, NJW-RR 1993, 131 unter – I 2 a; vom 13.03.1991 – IV ZR 52/​90, NJW-RR 1991, 900[]
  2. BGH, Beschluss vom 25.11.2010 aaO; BGH, Urtei­le vom 14.10.1992 aaO unter – I 2 b; vom 13.03.1991 aaO; Staudinger/​Herzog, BGB (2015) § 2311 Rn. 102[]
  3. BGH, Beschluss vom 25.11.2010 aaO Rn. 6; BGH, Urteil vom 14.10.1992 aaO[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 25.11.2010 aaO Rn. 10[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 25.11.2010 aaO Rn. 7, 12; Staudinger/​Herzog aaO Rn. 105[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 12.01.2011 – IV ZR 190/​08, VersR 2011, 552 Rn. 5; vom 18.05.2009 – IV ZR 57/​08, VersR 2009, 975 Rn. 7[]