Tes­ta­men­ta­ri­sche Pflicht­teils­straf­klau­sel – und die "täti­ge Reue" des Pflicht­teils­be­rech­tig­ten

Nimmt ein Abkömm­ling, der zunächst sei­nen Pflicht­teils­an­spruch gel­tend gemacht hat, bei Erlan­gung der Kennt­nis von einer tes­ta­men­ta­ri­schen Pflicht­teils­straf­klau­sel von der Ver­fol­gung sei­nes Anspruchs umge­hend Abstand, ist die Pflicht­teils­straf­klau­sel nicht ver­wirkt.

Tes­ta­men­ta­ri­sche Pflicht­teils­straf­klau­sel – und die "täti­ge Reue" des Pflicht­teils­be­rech­tig­ten

Die Pflicht­teils­straf­klau­sel ver­folgt all­ge­mein das Ziel, dem über­le­ben­den Ehe­gat­ten den Nach­lass mög­lichst unge­schmä­lert zu erhal­ten 1. Der Erb­las­ser will in der Regel mit der Sank­ti­ons­klau­sel sei­nen über­le­ben­den Ehe­gat­ten nicht nur vor einer vor­zei­ti­gen Schmä­le­rung der als Ein­heit gese­he­nen Erb­mas­se oder Gefahr einer sol­chen schüt­zen, son­dern ihm auch und gera­de die per­sön­li­chen Belas­tun­gen erspa­ren, die mit einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem (angeb­lich) Pflicht­teils­be­rech­tig­ten regel­mä­ßig ver­bun­den sind 2. Gegen eine sol­che Pflich­teils­straf­klau­sel bestehen all­ge­mein kei­ne Beden­ken, sie stellt viel­mehr eine typi­sche letzt­wil­li­ge Ver­fü­gung dar.

Die Pflicht­teils­straf­klau­sel wird durch das bewuss­te Gel­tend­ma­chen des Pflicht­teils in Kennt­nis der Klau­sel aus­ge­löst 3.

Objek­tiv erfor­dert die Ver­wir­kung der im Tes­ta­ment ent­hal­te­nen Pflicht­teils­straf­klau­sel ein For­dern des Pflicht­teils gegen­über dem Erb­las­ser durch die Pflicht­teils­be­rech­tig­te. Das Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock geht davon aus, dass die Ver­wen­dung des Wor­tes "for­dern" der all­ge­mein übli­chen Ver­wen­dung des Wor­tes "ver­langt" gleich­steht. Ein Ver­lan­gen wird in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur immer dann ange­nom­men, wenn der Pflicht­teils­be­rech­tig­te gegen­über dem Über­le­ben­den aus­drück­lich und ernst­haft deut­lich macht, dass er sei­nen Pflicht­teil gel­tend machen will. Nicht erfor­der­lich ist, dass er die­sen bereits gericht­lich gel­tend macht oder der Pflicht­teil bereits aus­ge­zahlt ist 4. Nicht hin­ge­gen aus­rei­chen soll es hier­für, dass der Pflicht­teils­be­rech­tig­te allein Aus­kunft begehrt. Zwar wird der Erbe auch durch die Erstel­lung des Nach­lass­ver­zeich­nis­ses im Wege der Aus­kunft schon durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Pflicht­teils­be­rech­tig­ten belas­tet. Der Pflicht­teils­be­rech­tig­te hin­ge­gen benö­tigt zumin­dest die Aus­kunft über den Umfang des Nach­las­ses, um sich ent­schei­den zu kön­nen, ob er sei­ne Schluss­erben­ein­set­zung bestehen las­sen oder lie­ber sei­nen Pflicht­teil in Anspruch neh­men möch­te 5. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung erge­be sich schon dar­aus, dass der Gesetz­ge­ber mit dem Aus­kunfts­an­spruch in § 2314 BGB und dem Pflicht­teils­an­spruch in § 2303 BGB zwei unter­schied­li­che Ansprü­che gere­gelt hat.

Ob der Pflicht­teils­be­rech­tig­te zu erken­nen gibt, den Pflicht­teil ernst­haft gel­tend machen zu wol­len, ist dabei aus der Sicht des Erben unter Zugrun­de­le­gung des objek­ti­ven Emp­fän­ger­ho­ri­zonts zu beur­tei­len.

Sub­jek­tiv erfor­dert die Ver­wir­kung der Pflicht­teils­straf­klau­sel, dass die Pflicht­teils­be­rech­tig­te ihren Anspruch auf den Pflicht­teil bewusst in Kennt­nis der Straf­klau­sel gel­tend gemacht hat.

Hier­an fehlt es im vor­lie­gen­den Fall, da der Pflicht­teils­be­rech­tig­ten bei Absen­dung des Anspruchs­schrei­bens eine Abschrift des Tes­ta­ments noch nicht über­sandt wor­den­war, da es zu die­sem Zeit­punkt noch nicht eröff­net war. Vor­lie­gend war bei­den Kin­dern bis dahin nur bekannt, dass ihre Eltern ein Ber­li­ner Tes­ta­ment errich­tet hät­ten und sie infol­ge des­sen erst nach dem Able­ben auch des zwei­ten Eltern­teils erben wür­den. Ein aus­drück­li­cher Hin­weis auf die Pflicht­teils­straf­klau­sel durch die Eltern sei nicht erfolgt. zwar sei bekannt, dass der­ar­ti­ge Klau­seln in Tes­ta­men­ten wie die­sem üblich sei­en. Eine posi­ti­ve Kennt­nis der Pflicht­teils­be­rech­tig­ten von der ver­wen­de­ten Klau­sel trägt dies nicht. Auch dafür, dass ihr die Ver­wen­dung der Klau­sel ander­wei­tig bekannt war, ergibt sich nichts.

Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock, Beschluss vom 11. Dezem­ber 2014 – 3 W 138/​133 W 0138/​13

  1. BayO­bLG, Beschluss vom 23.10.1990, BReg 1 a Z 50/​90, MDR 1991, 252 = Fam­RZ 1991, 494[]
  2. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 18.07.2011, 3 Wx 124/​11, Fam­RZ 2012, 331; OLG Mün­chen, Beschluss vom 29.01.2008, 31 Wx 68/​07, Fam­RZ 2008, 1118 = NJW-RR 2008, 1034[]
  3. Palandt/​Weidlich, a.a.O., § 2269 Rn. 14; OLG Düs­sel­dorf, a.a.O.; OLG Mün­chen, a.a.O.; OLG Hamm, Beschluss vom 13.02.2013, 15 W 421/​12, Fam­RZ 2014, 420 m.w.N.[]
  4. OLG Hamm, a.a.O.; OLG Düs­sel­dorf, a.a.O.; OLG Mün­chen, a.a.O.; Palandt/​Weidlich, a.a.O., § 2269 Rn. 14[]
  5. BayO­bLG, a.a.O.[]