Ver­mu­te­te Stif­tun­gen des Erb­las­sers

Vor­aus­set­zung eines Aus­kunfts­an­spruchs nach § 2314 Abs. 1 S. 1 i.V.m. § 2325 BGB ist nicht, dass das Vor­lie­gen einer Schen­kung fest­steht. Bei aus­rei­chen­den Anhalts­punk­ten für mög­li­cher­wei­se pflicht­teils­re­le­van­te Vor­gän­ge muss sich die Aus­kunft auf alle Umstän­de erstre­cken, die für die Beur­tei­lung, ob und in wel­cher Höhe ein Pflicht­teils­er­gän­zungs­an­spruch besteht, bedeut­sam sind 1.

Ver­mu­te­te Stif­tun­gen des Erb­las­sers

Nach § 2314 Abs. 1 S. 1 BGB hat der Erbe dem Pflicht­teils­be­rech­tig­ten, der selbst nicht Erbe ist, auf Ver­lan­gen über den Bestand des Nach­las­ses Aus­kunft zu ertei­len. Der Pflicht­teils­be­rech­tig­te ist pflicht­teils­be­rech­tig­ter Nicht­er­be in Bezug auf den Nach­lass des Erb­las­sers. Die Erben sind durch Erbein­set­zung des­sen Erben gewor­den.

Der nach § 2314 Abs. 1 BGB zur Aus­kunfts­er­tei­lung Ver­pflich­te­te hat ein Bestands- oder Ver­mö­gens­ver­zeich­nis, wel­ches grund­sätz­lich voll­stän­dig und ein­heit­lich alle Aktiv- und Pas­siv­wer­te des Nach­las­ses auf­füh­ren muss, vor­zu­le­gen. Der Berech­tig­te hat daher nach stän­di­ger Recht­spre­chung Anspruch auf Aus­kunft über alle beim Erb­fall tat­säch­lich vor­han­de­nen Nach­lass­ge­gen­stän­de (rea­le Nach­lass­ak­ti­va) und Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten (Pas­si­va). Sei­ne Aus­kunfts­pflicht erstreckt sich über den tat­säch­li­chen Bestand hin­aus grund­sätz­lich nicht auf die Ver­mö­gens­dis­po­si­tio­nen, die der Erb­las­ser zu Leb­zei­ten getrof­fen hat. Eine Aus­nah­me gilt für den soge­nann­ten fik­ti­ven Nach­lass­be­stand, also für aus­glei­chungs­pflich­ti­ge Zuwen­dun­gen des Erb­las­sers (§ 2316 BGB in Ver­bin­dung mit §§ 2050 ff. BGB) und für ergän­zungs­pflich­ti­ge Schen­kun­gen i. S. v. § 2325 BGB 2. Vor­aus­set­zung des Aus­kunfts­an­spruchs ist inso­weit nicht, dass das Vor­lie­gen einer Schen­kung fest­steht. Ob der Aus­kunfts­be­rech­tig­te Anhalts­punk­te für eine Schen­kung nach­wei­sen muss, ist in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur umstrit­ten 3. Jeden­falls bei aus­rei­chen­den Anhalts­punk­ten für mög­li­cher­wei­se pflicht­teils­re­le­van­te Vor­gän­ge muss sich die Aus­kunft auf alle Umstän­de erstre­cken, deren Kennt­nis wesent­lich ist für die Beur­tei­lung, ob und in wel­cher Höhe ein Pflicht­teils­er­gän­zungs­an­spruch gel­tend gemacht wer­den kann 4. Grund­sätz­lich besteht im Rah­men des Aus­kunfts­an­spruchs gemäß § 2314 BGB kei­ne all­ge­mei­ne Pflicht zur Rechen­schafts­le­gung oder gar zur Vor­la­ge von Bele­gen; viel­mehr kann die Vor­la­ge von Bele­gen nur aus­nahms­wei­se dann ver­langt wer­den, wenn es auf die­se ankommt, um dem Pflicht­teils­be­rech­tig­ten die Schät­zung des Wer­tes sei­nes Anspru­ches zu ermög­li­chen, wie bei­spiels­wei­se bei gemisch­ten Schen­kun­gen oder schwer ein­zu­schät­zen­den Ver­mö­gens­ob­jek­ten wie Unter­neh­mens- oder Gesell­schafts­be­tei­li­gun­gen 5.

Danach haben die Erben hin­sicht­lich der drei streit­ge­gen­ständ­li­chen Stif­tun­gen den Aus­kunfts­an­spruch des Pflichtt­teils­be­rech­tig­ten bis­her nicht voll­stän­dig erfüllt. Die Erben haben die zum Todes­tag des Erb­las­sers bestehen­den Ver­mö­gen der T-Stif­tung und der H‑Stiftung als rea­le Nach­lass­ak­ti­va mit­ge­teilt und in Bezug auf die L‑Stiftung, dass die­se im Jahr 2006 auf­ge­löst und ihr Ver­mö­gen auf die T‑Stiftung über­tra­gen wur­de. Die­se Aus­kunft reicht vor­lie­gend nicht aus, um den Pflichtteils(ergänzungs)anspruch des Pflichtt­teils­be­rech­tig­ten zuver­läs­sig berech­nen zu kön­nen.

Es fehlt zunächst eine Aus­kunft über unent­gelt­li­che Zuwen­dun­gen des Erb­las­sers inner­halb sei­ner letz­ten zehn Lebens­jah­re an die­se Stif­tun­gen. Grund­sätz­lich gilt, dass end­gül­ti­ge unent­gelt­li­che Zuwen­dun­gen des Erb­las­sers an Stif­tun­gen mit eige­ner Rechts­per­sön­lich­keit pflicht­teils­er­gän­zungs­pflich­ti­ge Schen­kun­gen im Sin­ne von § 2325 BGB dar­stel­len 6. Anhalts­punk­te für sol­che unent­gelt­li­chen Zuwen­dun­gen lie­gen hier schon des­halb vor, weil zwi­schen den Par­tei­en unstrei­tig ist, dass der Erb­las­ser allen drei streit­ge­gen­ständ­li­chen Stif­tun­gen eige­nes Ver­mö­gen unent­gelt­lich zuge­führt hat. Der Beant­wor­tung der oben genann­ten Streit­fra­ge, ob der Aus­kunfts­be­rech­tig­te Anhalts­punk­te für eine Schen­kung nach­wei­sen muss, bedarf es hier des­halb nicht. Dar­aus, dass die­se mög­li­cher­wei­se pflicht­teils­re­le­van­ten Zuwen­dun­gen höher als das Ver­mö­gen der T- und der H‑Stiftung zum Todes­tag des Erb­las­sers sein kön­nen, ergibt sich auch ein berech­tig­tes Aus­kunfts­in­ter­es­se des Pflichtt­teils­be­rech­tig­ten.

Die Behaup­tung der Erben, es han­de­le sich bei den Stif­tun­gen nicht um Drit­te im Sin­ne von § 2325 Abs. 1 BGB mit der Fol­ge, dass eine ergän­zungs­pflich­ti­ge Schen­kung von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen sei, ändert an ihrer Pflicht zur wei­ter­ge­hen­den Aus­kunft nichts. Die Erben beru­fen sich inso­weit auf ein Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart vom 29.06.2009 7 und ein Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Düs­sel­dorf vom 30.04.2010 8. Bei­de Ent­schei­dun­gen set­zen sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der, in wel­chen Fäl­len das Ver­mö­gen einer liech­ten­stei­ni­schen Stif­tung aus­nahms­wei­se dem wirt­schaft­li­chen Stif­ter zuge­rech­net wird und infol­ge­des­sen beim Tod des Stif­ters in des­sen Nach­lass fällt. Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart führt aus, die recht­li­che Selbst­stän­dig­keit der liech­ten­stei­ni­schen Stif­tung als juris­ti­sche Per­son wer­de aus­nahms­wei­se durch­bro­chen und das Ver­mö­gen wei­ter­hin dem wirt­schaft­li­chen Stif­ter zuge­rech­net, wenn sich der Stif­ter im Zuge des Stif­tungs­er­rich­tungs­ge­schäfts nach Art. 559 Abs. 4 des liech­ten­stei­ni­schen Per­so­nen- und Gesell­schafts­rechts (PGR) umfas­sen­de Wider­rufs- und Ände­rungs­be­fug­nis­se in der Absicht vor­be­hal­te, das Stif­tungs­ver­mö­gen wei­ter­hin zu sei­nem Vor­teil und nicht im Sin­ne des ange­ge­be­nen Stif­tungs­zwecks zu ver­wen­den 9. Dar­über hin­aus führt das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf Fol­gen­des aus: Zwar habe der Fürst­li­che Obers­te Gerichts­hof des Fürs­ten­tums Liech­ten­stein (FLOGH) in einer jün­ge­ren Ent­schei­dung vom 06.12 2001 dar­ge­legt, dass die Errich­tung einer Stif­tung wegen ihrer Natur als ein­sei­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung nicht als Schein­ge­schäft mit der Rechts­fol­ge qua­li­fi­ziert wer­den kön­ne, dass die Stif­ter­rech­te dem wirt­schaft­li­chen Hin­ter­mann der Stif­tung zukom­men wür­den. Die­ser Ent­schei­dung des FLOGH kön­ne jedoch nicht ent­nom­men wer­den, dass eine Durch­bre­chung des Tren­nungs­prin­zips in der vor­ge­nann­ten Kon­stel­la­ti­on nicht mehr mög­lich sein sol­le. Nach wie vor sei einer sol­chen Stif­tung die eige­ne Rechts­per­sön­lich­keit abzu­er­ken­nen. Habe sich näm­lich der Erb­las­ser als Stif­ter zu sei­nen Leb­zei­ten alle Rech­te am Stif­tungs­ver­mö­gen und an des­sen Ertrag vor­be­hal­ten und sei die Rechts­be­zie­hung des Erb­las­sers zur Stif­tung der­art aus­ge­stal­tet, dass der Erb­las­ser als Stif­ter jeder­zeit über das Stif­tungs­ver­mö­gen wie über ein Bank­kon­to frei ver­fü­gen kön­ne, gel­te nach wie vor, dass in die­sem Fall eine Stif­tung mit eige­ner Rechts­per­sön­lich­keit nicht bestehe. Selbst wenn das Ver­mö­gen einer Stif­tung nach liech­ten­stei­ni­schem Recht aber nicht der Erb­mas­se zuzu­rech­nen wäre, kön­ne die­ser Stif­tung die Aner­ken­nung wegen eines Ver­sto­ßes gegen den ord­re public zu ver­sa­gen sein, und zwar dann, wenn nach deut­schem Recht das Rechts­ge­schäft des­halb nich­tig wäre, weil sein Haupt­zweck die Steu­er­hin­ter­zie­hung sei 10.

Ob im Streit­fall die in die­sen bei­den Ent­schei­dun­gen genann­ten Vor­aus­set­zun­gen dafür, dass aus­nahms­wei­se eine Zurech­nung des Stif­tungs­ver­mö­gens zum Nach­lass des Erb­las­sers erfolgt, vor­lie­gen, ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. In die­sem Sta­di­um des Ver­fah­rens kann jedoch dahin­ge­stellt blei­ben, ob es sich bei den Zuwen­dun­gen des Erb­las­sers an die Stif­tun­gen um Schen­kun­gen han­delt oder nicht. Die Aus­kunfts­pflicht kann in die­ser Kon­stel­la­ti­on nicht davon abhän­gen, dass der umstrit­te­ne Vor­gang tat­säch­lich als eine Schen­kung zu wer­ten ist und daher die Grund­la­ge für einen Pflicht­teils­er­gän­zungs­an­spruch (§ 2325 BGB) bil­den kann; die Ent­schei­dung hier­über gehört wesens­mä­ßig in den Streit um die Höhe des Zah­lungs­an­spruchs, ihre Vor­ver­la­ge­rung in den Streit um die Aus­kunfts­pflicht und die Offen­ba­rungs­eids­pflicht wür­de die­se Ansprü­che für den Gläu­bi­ger weit­ge­hend ent­wer­ten 11.

Einen Nach­weis haben die Erben für ihre Behaup­tun­gen, der Erb­las­ser sei ohne Ein­schrän­kung am gesam­ten Kapi­tal und Ertrag der Stif­tun­gen betei­ligt gewe­sen und die Geld­an­la­ge habe allein der Steu­er­ver­mei­dung gedient, jeden­falls bis­her nicht erbracht. Zutref­fend wer­tet das Land­ge­richt den Umstand, dass die Stif­tungs­ver­mö­gen der Nach­lass­ver­steue­rung unter­wor­fen wur­den, nur als Indiz für die Rich­tig­keit der Behaup­tung der Erben und ver­misst im Übri­gen unter­mau­ern­den Sach­vor­trag der Erben. Die oben dar­ge­leg­ten Anhalts­punk­te für pflicht­teils­re­le­van­te Schen­kun­gen ver­lie­ren dadurch nicht ihre Stich­hal­tig­keit.

Dar­über hin­aus hat der Pflicht­teils­be­rech­tig­te Anspruch auf die Vor­la­ge der jewei­li­gen Stif­tungs­sta­tu­ten, die zugleich auch Aus­kunft über den Stif­tungs­zweck geben, und auf Aus­kunft über die Begüns­tig­ten der jewei­li­gen Stif­tung. Die Begüns­tig­ten wer­den nicht zwin­gend in den Stif­tungs­sta­tu­ten benannt.

Die­se Infor­ma­tio­nen und Unter­la­gen benö­tigt der Pflicht­teils­be­rech­tig­te für die Beur­tei­lung, ob und in wel­cher Höhe ihm ein Pflicht­teils­er­gän­zungs­an­spruch zusteht. Denn nur mit deren Hil­fe kann er sich Kennt­nis über die tat­säch­li­chen Ver­fü­gungs­be­fug­nis­se des Erb­las­sers hin­sicht­lich des Stif­tungs­ver­mö­gens und damit auch über das tat­säch­lich vom Erb­las­ser mit den Stif­tungs­grün­dun­gen ver­folg­te Ziel ver­schaf­fen. Ohne die­se Kennt­nis kann der Pflicht­teils­be­rech­tig­te die not­wen­di­ge Ein­ord­nung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Stif­tun­gen ent­we­der als ech­te Stif­tun­gen mit eige­ner Rechts­per­sön­lich­keit oder als "Schein-Stif­tun­gen" nicht zuver­läs­sig vor­neh­men und dem­entspre­chend auch nicht ermit­teln, ob die dem Pflicht­teils­be­rech­tig­ten der Höhe nach noch unbe­kann­ten Zuwen­dun­gen des Erb­las­sers an die Stif­tun­gen dem fik­ti­ven Nach­lass­be­stand zuzu­ord­nen sind oder ob das dem Pflicht­teils­be­rech­tig­ten der Höhe nach bekann­te Stif­tungs­ver­mö­gen zum Todes­tag des Erb­las­sers zu den rea­len Nach­lass­ak­ti­va gehört, wie die Erben mei­nen.

Der Pflicht­teils­be­rech­tig­te hat aus § 2314 Abs. 1 S. 1 BGB in Ver­bin­dung mit § 2325 BGB Anspruch auf die Vor­la­ge wei­te­rer Doku­men­te der streit­ge­gen­ständ­li­chen Stif­tun­gen, näm­lich auf Vor­la­ge der Regle­men­te, der Bei­sta­tu­ten und des "Let­ter of Wis­hes" der jewei­li­gen Stif­tun­gen, sowie auf Aus­kunft, wer jeweils der Treu­hän­der und die Stif­tungs­rats­mit­glie­der sind bzw. waren. Auch die­se wei­te­ren Unter­la­gen und Infor­ma­tio­nen benö­tigt der Pflicht­teils­be­rech­tig­te für die aus den oben dar­ge­leg­ten Grün­den not­wen­di­ge recht­li­che Ein­ord­nung der Stif­tun­gen als ech­te Stif­tun­gen oder als "Schein-Stif­tun­gen".

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 9. Dezem­ber 2014 – 8 U 187/​13

  1. im Anschluss an BGH LM BGB § 2314 Nr. 5[]
  2. Weid­lich in Palandt, BGB, 73. Auf­la­ge, § 2314 Rn. 9 m.w.N.[]
  3. ver­nei­nend OLG Frank­furt ZEV 11, 379, zitiert nach juris; Weid­lich in Palandt, a.a.O.; beja­hend Haas in Stau­din­ger, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2006, § 2314 Rn. 13; Lan­ge im Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, 6. Auf­la­ge, § 2314 Rn. 8[]
  4. BGH LM BGB § 2314 Nr. 5; BGHZ 89, 24, 27; Weid­lich in Palandt, a.a.O.; Lan­ge im Mün­che­ner Kom­men­tar, a.a.O.[]
  5. Weid­lich in Palandt, a.a.O., § 2314 Rn. 10; Lan­ge im Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, a.a.O., § 2314 Rn. 11; Haas in Stau­din­ger, a.a.O., § 2314 Rn. 18 a[]
  6. BGHZ 157, 178 = NJW 2004, 1382; Weid­lich in Palandt, a.a.O., § 2325 Rn. 17 m.w.N.[]
  7. OLG Stutt­gart, urteil vom 29.06.2009 – 5 U 40/​09[]
  8. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 30.04.2010 – I‑22 U 26/​06[]
  9. OLG Stutt­gart, Urteil vom 29.06.2009 – 5 U 40/​09[]
  10. OLG Düs­sel­dorf, Teil­ur­teil vom 30.04.2010 – I‑22 U 26/​06[]
  11. vgl. BGH LM BGB § 2314 Nr. 5 zu mög­li­cher­wei­se ver­schlei­er­ten gemisch­ten Schen­kun­gen[]