Ver­wal­tungs­ge­büh­ren für vom Notar ein­ge­hol­te behörd­li­che Aus­künf­te

Weder aus § 351 Satz 1 FamFG noch aus Art. 35 GG oder aus § 8 Abs. 1 Satz 1 VwVfG ergibt sich die Kos­ten­frei­heit für behörd­li­che Aus­künf­te, die ein Notar in Erfül­lung sei­ner ihm durch § 351 Satz 1 FamFG auf­er­leg­ten Nach­for­schungs­pflicht ein­holt.

Ver­wal­tungs­ge­büh­ren für vom Notar ein­ge­hol­te behörd­li­che Aus­künf­te

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall wand­te sich eine Nota­rin an die beklag­te Gemein­de zwecks Nach­prü­fung von vor über 30 Jah­ren von ihrem Amts­vor­gän­ger beur­kun­de­ten Erb­ver­trä­gen und bat um Aus­kunft, ob und wo die Ver­trags­tei­le noch leben. Die Gemein­de erteil­te die gewünsch­ten Aus­künf­te und zog die Klä­ge­rin zu stan­des­amt­li­chen Gebüh­ren sowie zu einer Mel­de­re­gis­ter­aus­kunfts­ge­bühr her­an. Die gegen die Gebüh­ren­be­schei­de gerich­te­te Kla­ge blieb vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Augs­burg erfolg­los 1, eben­so die hier­ge­gen vom Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zuge­las­se­ne Beru­fung 2. Und auch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt wies nun die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de der Nota­rin zurück:

Nach § 351 FamFG soll, wenn sich Ver­fü­gun­gen von Todes wegen seit mehr als 30 Jah­ren in amt­li­cher Ver­wah­rung befin­den, die ver­wah­ren­de Stel­le von Amts wegen ermit­teln, ob der Erb­las­ser noch lebt. Kann die ver­wah­ren­de Stel­le nicht ermit­teln, dass der Erb­las­ser noch lebt, ist die Ver­fü­gung von Todes wegen zu eröff­nen. Die Rege­lung soll – inso­weit iden­tisch mit den Vor­gän­ger­vor­schrif­ten – dafür sor­gen, dass Ver­fü­gun­gen von Todes wegen den Betei­lig­ten nach dem Erb­fall zur Kennt­nis gelan­gen, damit der in der Ver­fü­gung nie­der­ge­leg­te Wil­le des Erb­las­sers zur Gel­tung kommt und nicht den von der Ver­fü­gung nicht unter­rich­te­ten Betei­lig­ten auf Dau­er unbe­kannt bleibt 3.

Die Fra­ge der Kos­ten­pflich­tig­keit von Aus­künf­ten der Stan­des­äm­ter und Mel­de­be­hör­den regelt § 351 FamFG sei­nem Wort­laut nach nicht. Das Ermitt­lungs­ge­bot ver­hält sich nicht zu der Fra­ge, wie die Ermitt­lung durch­zu­füh­ren ist. Genau­so wenig ent­hält es eine ver­fah­rens­recht­li­che Aus­sa­ge hin­sicht­lich der gege­be­nen­falls im Zuge der Ermitt­lun­gen anfal­len­den Kos­ten der um Aus­kunft ersuch­ten Behör­den 4.

Nach der Geset­zes­sys­te­ma­tik liegt viel­mehr auf der Hand, dass sich behörd­li­ches Han­deln im Zuge der durch § 351 FamFG ein­ge­führ­ten Ermitt­lungs­pflicht nach dem jewei­li­gen Fach­ge­setz bestimmt, d.h. nach den ent­spre­chen­den Rege­lun­gen des Per­so­nen­stands, Mel­de- und Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­rechts. Aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ergibt sich nichts ande­res 5.

Nach Art. 4 Abs. 2 Nr. 2 BayV­wVfG, der iden­tisch ist mit § 4 Abs. 2 Nr. 2 VwVfG, liegt selbst dann, wenn eine Behör­de einer ande­ren Behör­de auf Ersu­chen ergän­zen­de Hil­fe leis­tet, Amts­hil­fe im Rechts­sin­ne nicht vor, wenn die Hil­fe­leis­tung in Hand­lun­gen besteht, die der ersuch­ten Behör­de als eige­ne Auf­ga­be oblie­gen. Dass sich das Nega­tiv­merk­mal der Zuwei­sung einer behörd­li­chen Hil­fe­leis­tung zum eige­nen Auf­ga­ben­kreis allein auf die ersuch­te, nicht aber, wie die Klä­ge­rin meint, auf die ersu­chen­de Behör­de bezieht, ergibt sich schon aus dem ein­deu­ti­gen Wort­laut von Art. 4 Abs. 2 Nr. 2 BayV­wVfG. Nichts ande­res folgt aus dem Sinn und Zweck der Vor­schrift. Unter "eige­nen" Auf­ga­ben der ersuch­ten Behör­de sind alle Auf­ga­ben zu ver­ste­hen, die ihr bereits spe­zi­al­ge­setz­lich außer­halb der Amts­hil­fe­re­ge­lun­gen als Hil­fe­leis­tun­gen (auch) gegen­über ande­ren Behör­den über­tra­gen sind, für die sich also die Pflicht zur Hil­fe­leis­tung nicht erst auf­grund des Ersu­chens der auf die Hil­fe ange­wie­se­nen Behör­de ergibt 6. Die­se Rege­lung hat ihren inne­ren Grund dar­in, dass die von ihr erfass­ten Hil­fe­leis­tun­gen in der Regel bestimm­ten Fach­be­hör­den zuge­wie­sen sind, die häu­fig eigens zu die­sem Zweck errich­tet oder zumin­dest (auch) hier­für mit Dienst­kräf­ten und Ein­rich­tun­gen aus­ge­stat­tet wur­den, um ande­re Behör­den unter Beach­tung des Grund­sat­zes der Gesetz­mä­ßig­keit der Ver­wal­tung Hil­fe­leis­tun­gen zu erbrin­gen, ohne dass der Rück­griff auf die §§ 4 bis 8 VwVfG not­wen­dig wäre; das vom Gesetz­ge­ber vor­ge­ge­be­ne Zusam­men­wir­ken bestimm­ter Behör­den, die dafür jeweils mit Teil­auf­ga­ben betraut sind, lässt sich nicht mit der Amts­hil­fe gleich­set­zen, die die Auf­ga­ben­be­wäl­ti­gung nur in Aus­nah­me­fäl­len mit frem­der Hil­fe ermög­li­chen soll 7.

Hier­von aus­ge­hend gehör­te die Ertei­lung von Aus­künf­ten aus dem Per­so­nen­stands- und Mel­de­re­gis­ter im hier maß­geb­li­chen Zeit­punkt des Erlas­ses der ange­foch­te­nen Gebüh­ren­be­schei­de zum ori­gi­nä­ren Auf­ga­ben­kreis der beklag­ten Gemein­de, die die­ser auf­grund gesetz­li­cher Zuwei­sung gera­de gegen­über Drit­ten oblag 8. Dies folgt aus § 61 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 65 Abs. 1 Satz 1 Per­so­nen­stands­ge­setz (PStG) i.d.F. der Bek. vom 19.02.2007 9, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 28.08.2013 10 einer­seits und aus § 1 Abs. 1 Satz 2, § 18 Abs. 1 Satz 1 Nr. 14 MRRG 11 i.V.m. Art. 2 Abs. 1 Satz 2, Art. 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 14 Bay­Mel­deG 12 ande­rer­seits.

Nach Art. 35 Abs. 1 GG leis­ten sich alle Behör­den des Bun­des und der Län­der gegen­sei­tig Rechts- und Amts­hil­fe. Aus Art. 35 Abs. 1 GG ergibt sich nicht, dass Amts­hil­fe in sämt­li­chen denk­ba­ren Kon­stel­la­tio­nen kos­ten­frei zu erfol­gen hat. Die Bedeu­tung des Art. 35 GG erschöpft sich dar­in, auf dem Gebiet der Rechts- und Amts­hil­fe die Ein­heit der im Bun­des­staat in Bun­des- und Lan­des­ge­walt geteil­ten Staats­ge­walt her­zu­stel­len. Die Bei­stands­pflicht des Art. 35 Abs. 1 GG stellt sich als not­wen­di­ge Fol­ge der Gewal­ten­tei­lung und der Aus­übung der Staats­ge­walt durch ver­schie­de­ne Behör­den dar 13. Über Inhalt und Umfang der Rechts- und Amts­hil­fe sagt die Vor­schrift nichts aus 14. Art. 35 Abs. 1 GG erweist sich des­halb als eine auf das Grund­sätz­li­che beschränk­te Bestim­mung, die im beson­de­ren Maß der Kon­kre­ti­sie­rung und Aus­fül­lung durch das ein­fa­che Recht bedarf. Eine sol­che Kon­kre­ti­sie­rung stel­len ins­be­son­de­re die Rege­lun­gen der Amts­hil­fe in §§ 4 bis 8 VwVfG dar 15.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 15. Mai 2014 – 9 B 45.2013 -

  1. VG Augs­burg, Urteil vom 13.10.2010 – Au 6 K 10.209[]
  2. BayVGH, Urteil vom 04.06.2013 – 5 B 11.2412[]
  3. vgl. statt vie­ler BGH, Beschluss vom 31.10.1972 – NotZ 3/​72 – LM Nr. 1 zu § 25 BNo­tO[]
  4. anders – ohne Begrün­dung – Kor­del, DNotZ 2009, 644, 647[]
  5. vgl. BR-Drs. 309/​07 S. 630; BT-Drs. 16/​6308 S. 280, 391; BT-Drs. 16/​9733 S. 297[]
  6. BT-Drs. 7/​910 S. 38; näher hier­zu Kopp/​Ramsauer, VwVfG, 14. Aufl.2013, § 4 Rn. 16 ff.[]
  7. BGH, Urteil vom 21.06.2001 – III ZR 34/​00BGHZ 148, 139, 142 m.w.N.[]
  8. anders – ohne Begrün­dung – Stup­pi, notar 2010, 236, 241[]
  9. BGBl I S. 122[]
  10. BGBl I S. 3458[]
  11. Mel­de­rechts­rah­men­ge­setz i.d.F. der Bek. vom 19.04.2002, BGBl l S. 1342[]
  12. (Baye­ri­sches) Gesetz über das Mel­de­we­sen i.d.F. der Bek. vom 08.12 2006, GVBl 2006, 990[]
  13. BVerfG, Beschluss vom 27.04.1971 – 2 BvL 31/​71, BVerfGE 31, 43, 46[]
  14. BVerwG, Urtei­le vom 12.10.1971 – 6 C 99.67, BVerw­GE 38, 336, 340 = Buch­holz 232 § 90 BBG Nr. 13; und vom 08.04.1976 – 2 C 15.74, BVerw­GE 50, 301, 310 = Buch­holz 232 § 90 BBG Nr.20; Beschluss vom 10.08.2011 – 6 A 1.11, Buch­holz 310 § 40 VwGO Nr. 305 Rn. 8[]
  15. BVerwG, Beschluss vom 10.08.2011 a.a.O. Rn. 8; so auch die ein­hel­li­ge Auf­fas­sung in der Kom­men­tar­li­te­ra­tur, vgl. nur Erb­guth, in: Sachs, GG, 6. Aufl.2011, Art. 35 Rn. 18; v. Dan­witz, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, 6. Aufl.2010, Art. 35 Rn. 31; Hömig, in: Hömig, GG, 10. Aufl.2013, Art. 35 Rn. 4; Epping, in: Epping/​Hillgruber, Beck­OK GG, Stand 1.11.2013, Art. 35 Rn. 14[]