Erd­gas-Prei­se

Der Bun­des­ge­richts­hof hat heu­te erneut eini­ge Preis­an­pas­sungs­klau­seln in Erd­gas-Son­der­ver­trä­gen als unwirk­sam ein­ge­stuft. Der BGH gab damit der Kla­ge von Kun­den eines Gas­ver­sor­gers gegen Preis­er­hö­hun­gen statt, weil die Preis­an­pas­sungs­klau­seln, die der Gas­ver­sor­ger in den Erd­gas-Son­der­ver­trä­gen mit den kla­gen­den Kun­den ver­wen­det hat, wegen unan­ge­mes­se­ner Benach­tei­li­gung der Kun­den unwirk­sam sind.

Erd­gas-Prei­se

Die Par­tei­en strit­ten um die Wirk­sam­keit von Gas­preis­er­hö­hun­gen, die von der Beklag­ten, einem regio­na­len Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men in Nord­deutsch­land, ein­sei­tig vor­ge­nom­men wur­den. Die Klä­ger sind Son­der­ver­trags­kun­den, die zu einem gegen­über dem Grund­ver­sor­gungs­ta­rif des Unter­neh­mens güns­ti­ge­ren Tarif für die Voll­ver­sor­gung von Haus­halts­kun­den („s. Erd­gas basis plus“) belie­fert wer­den. Grund­la­ge der ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen den Par­tei­en sind vor­for­mu­lier­te Ver­trä­ge ver­schie­de­ner Fas­sun­gen. In den Ver­trä­gen heißt es unter ande­rem:

Fas­sung A bei Ver­trags­schluss von 1990 bis 1996:

„4. Preis­än­de­rungs­be­stim­mun­gen

Die oben benann­ten Aus­gangs­grund­prei­se gel­ten bei einem Monats­ta­bel­len­lohn von 2.674,54 DM (Stand 1.3.1984). …

Der obi­ge Aus­gangs­ar­beits­preis gilt bei einem Preis für extra leich­tes Heiz­öl von 64,39 DM/​100 l ohne Steu­er (Stand 1.4.1984). …

Für den Lohn und für das Heiz­öl gel­ten jeweils die von dem Vor­lie­fe­ran­ten der S. [Rechts­vor­gän­ge­rin der Beklag­ten] in Ansatz gebrach­ten Wer­te. Bei einer Ände­rung des Loh­nes oder der Lohn­ba­sis und der Prei­se für Heiz­öl behal­ten sich die S. [Rechts­vor­gän­ge­rin der Beklag­ten] eine ent­spre­chen­de Anpas­sung der Gas­prei­se vor. Der Mess­preis ist hier­von aus­ge­nom­men.

Die Prei­se wer­den jeweils zum 1.04. und 1.10. eines jeden Jah­res über­prüft. Preis­än­de­run­gen wer­den dem Kun­den durch indi­vi­du­el­le Rund­schrei­ben oder durch Ver­öf­fent­li­chung in der Pres­se bekannt gege­ben.

…“

Fas­sung B bei Ver­trags­schluss von 1997 bis 2001:

„4. Preis­än­de­rungs­be­stim­mun­gen

Die S. [Rechts­vor­gän­ge­rin der Beklag­ten] sind berech­tigt, die vor­ge­nann­ten Prei­se im glei­chen Umfang wie ihr Vor­lie­fe­rant an die Lohn­kos­ten- und die Heiz­öl­preis­ent­wick­lung anzu­pas­sen.

…“

Fas­sung C bei Ver­trags­schluss ab 2002):

„§ 3 Preis­än­de­rungs­be­stim­mun­gen

Die s. [Beklag­te] ist berech­tigt, die genann­ten Prei­se im glei­chen Umfang wie ihre Vor­lie­fe­ran­ten an die Lohn­kos­ten- und die Heiz­ölent­wick­lung anzu­pas­sen. Bei einer Ände­rung der Preis­än­de­rungs­klau­sel oder sons­ti­ger Bestim­mun­gen in den Erd­gas­be­zugs­ver­trä­gen kann die s. [Beklag­te] auch für die­sen Ver­trag eine ent­spre­chen­de Anpas­sung ver­lan­gen.

…“

Das beklag­te Erd­gas-Unter­neh­men erhöh­te den Arbeits­preis Erd­gas zum 1. Okto­ber 2004, zum 1. Janu­ar 2005, zum 1. Okto­ber 2005 und zum 1. Janu­ar 2006. Die Klä­ger wider­spra­chen den Preis­er­hö­hun­gen. Mit ihrer Kla­ge haben sie die Fest­stel­lung begehrt, dass die Preis­er­hö­hun­gen unbil­lig und unwirk­sam sind.

Das Land­ge­richt Bre­men hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben [1]. Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men hat die Beru­fung des Erd­gas-Unter­neh­mens zurück­ge­wie­sen [2]. Die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on des Erd­gas­ver­sor­gers hat­te jetzt auch vor dem Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Erfolg:

Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied, dass die umstrit­te­nen Gas­preis­er­hö­hun­gen unwirk­sam sind, weil die Preis­an­pas­sungs­klau­seln in den For­mu­lar­ver­trä­gen einer Inhalts­kon­trol­le nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB nicht stand­hal­ten und des­halb kein Recht des Gas­ver­sor­gers zur ein­sei­ti­gen Ände­rung des Gas­prei­ses besteht. Die Preis­an­pas­sungs­klau­seln benach­tei­li­gen die Kun­den ent­ge­gen den Gebo­ten von Treu und Glau­ben jeden­falls des­halb unan­ge­mes­sen, weil sie nur das Recht des Ver­sor­gers vor­se­hen, Ände­run­gen der Gas­be­zugs­kos­ten an die Kun­den wei­ter­zu­ge­ben, nicht aber die Ver­pflich­tung, bei gesun­ke­nen Geste­hungs­kos­ten den Preis zu sen­ken. Eine Preis­an­pas­sungs­klau­sel muss aber das ver­trag­li­che Äqui­va­lenz­ver­hält­nis wah­ren und darf dem Ver­wen­der nicht die Mög­lich­keit geben, über die Abwäl­zung kon­kre­ter Kos­ten­stei­ge­run­gen hin­aus einen zusätz­li­chen Gewinn zu erzie­len ((vgl. dazu auch BGH, Urtei­le vom 29.04.2008 – KZR 2/​07; vom 21.04.2009 – XI ZR 78/​08; und vom 15.07.2009 – VIII ZR 225/​07 und VIII ZR 56/​08).

Die von dem beklag­ten Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen („behal­ten sich … vor“, „sind berech­tigt“) las­sen zumin­dest eine Aus­le­gung zu, nach der das Unter­neh­men zwar berech­tigt, nicht aber ver­pflich­tet ist, nach gleich­lau­fen­den Maß­stä­ben zu bestimm­ten Zeit­punk­ten eine Preis­an­pas­sung nach unten vor­zu­neh­men, wenn die Gas­be­zugs­kos­ten seit Ver­trags­schluss oder seit der letz­ten Preis­an­pas­sung gesun­ken sind. Damit hat das Unter­neh­men die Mög­lich­keit, durch die Wahl des Preis­an­pas­sungs­ter­mins erhöh­ten Bezugs­kos­ten umge­hend, nied­ri­ge­ren Bezugs­kos­ten jedoch nicht oder erst mit zeit­li­cher Ver­zö­ge­rung durch eine Preis­än­de­rung Rech­nung zu tra­gen.

Das Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men war nach dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs auch nicht nach der – im Zeit­punkt der umstrit­te­nen Preis­er­hö­hun­gen noch gel­ten­den – Rege­lung des § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV (jetzt: § 5 Abs. 2 GasGVV) zur Preis­än­de­rung berech­tigt. Die­se Vor­schrift, die ein gesetz­li­ches Preis­än­de­rungs­recht des Ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens begrün­det, ist nur auf die Ver­sor­gung von Tarif­kun­den bzw. Grund­ver­sor­gungs­kun­den unmit­tel­bar anwend­bar. Bei den Klä­gern han­delt es sich aber jeweils um Son­der­ver­trags­kun­den, nicht um Tarif­kun­den. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrift im Wege der Geset­zes­ana­lo­gie lie­gen, so die Karls­ru­her Bun­des­rich­ter, nicht vor. Auch eine ent­spre­chen­de Anwen­dung auf­grund einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung kam in dem ent­schie­de­nen Fall nicht in Betracht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2009 – VIII ZR 320/​07

  1. LG Bre­men, Urteil vom 24.05.2006 – 8 O 1065/​05[]
  2. OLG Bre­men, Urteil vom 16.11.2007 – 5 U 42/​06[]