Erfor­der­li­che Repa­ra­tur­kos­ten in der fik­ti­ven Scha­dens­ab­rech­nung

Bei einer (fik­ti­ven) Scha­dens­ab­rech­nung nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB umfas­sen die erfor­der­li­chen Repa­ra­tur­kos­ten auch all­ge­mei­ne Kos­ten­fak­to­ren wie Sozi­al­ab­ga­ben und Lohn­ne­ben­kos­ten.

Erfor­der­li­che Repa­ra­tur­kos­ten in der fik­ti­ven Scha­dens­ab­rech­nung

Nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB kann der Gläu­bi­ger, wenn wegen Beschä­di­gung einer Sache Scha­dens­er­satz zu leis­ten ist, statt der Her­stel­lung den dazu erfor­der­li­chen Geld­be­trag ver­lan­gen. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des erken­nen­den Bun­des­ge­richts­hofs darf der Geschä­dig­te dabei sei­ner (fik­ti­ven) Scha­dens­be­rech­nung grund­sätz­lich die übli­chen Stun­den­ver­rech­nungs­sät­ze einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt zugrun­de legen, die ein von ihm ein­ge­schal­te­ter Sach­ver­stän­di­ger auf dem all­ge­mei­nen regio­na­len Markt ermit­telt hat [1].

Die Berück­sich­ti­gung fik­ti­ver Sozi­al­ab­ga­ben und Lohn­ne­ben­kos­ten bei der Berech­nung der erstat­tungs­fä­hi­gen Repa­ra­tur­kos­ten wider­spricht weder dem Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot noch dem Berei­che­rungs­ver­bot. Denn das Ver­mö­gen des durch einen Ver­kehrs­un­fall Geschä­dig­ten ist um den­je­ni­gen Betrag gemin­dert, der auf­ge­wen­det wer­den muss, um die beschä­dig­te Sache fach­ge­recht zu repa­rie­ren. Zu den erfor­der­li­chen Wie­der­her­stel­lungs­kos­ten gehö­ren, wie sich bereits aus dem BGH-Urteil vom 19. Juni 1973 [2] ergibt, grund­sätz­lich auch all­ge­mei­ne Kos­ten­fak­to­ren wie Umsatz­steu­er, Sozi­al­ab­ga­ben und Lohn­ne­ben­kos­ten. Des­halb hat der Bun­des­ge­richts­hof in der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung vor dem Inkraft­tre­ten des Zwei­ten Scha­dens­rechts­än­de­rungs­ge­set­zes bei einer "fik­ti­ven" Scha­dens­ab­rech­nung die Mehr­wert­steu­er beim nicht vor­steu­er­ab­zugs­be­rech­tig­ten Geschä­dig­ten als ech­ten Scha­dens­pos­ten aner­kannt und aus­ge­führt, der steu­er­tech­nisch beding­te getrenn­te Aus­weis der Mehr­wert­steu­er ände­re nichts dar­an, dass sie als objekt- bzw. leis­tungs­be­zo­ge­ne all­ge­mei­ne Abga­be auf den Ver­brauch nicht weni­ger ein all­ge­mei­ner Kos­ten­fak­tor sei als ande­re öffent­li­che Abga­ben, wel­che direkt oder indi­rekt in die Kos­ten und damit in den Preis einer Ware oder Leis­tung Ein­gang gefun­den haben.

Soweit der Gesetz­ge­ber nun­mehr durch das Zwei­te Scha­dens­rechts­än­de­rungs­ge­setz in § 249 Abs. 2 Satz 2 BGB die Erstat­tung nicht ange­fal­le­ner Umsatz­steu­er bei fik­ti­ver Scha­dens­ab­rech­nung aus­drück­lich vom Scha­dens­er­satz­an­spruch aus­ge­nom­men hat, hat er hier­mit ledig­lich einen – sys­tem­wid­ri­gen – Aus­nah­me­tat­be­stand geschaf­fen, der nicht ana­lo­giefä­hig ist [3].

Aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en [4] ergibt sich, dass der Ent­wurf eines Zwei­ten Scha­dens­rechts­än­de­rungs­ge­set­zes aus der 13. Legis­la­tur­pe­ri­ode zunächst vor­sah, bei einer fik­ti­ven Abrech­nung von Sach­schä­den die öffent­li­chen Abga­ben außer Ansatz zu las­sen. Die­ser Vor­schlag ist indes auf viel­fäl­ti­ge Kri­tik gesto­ßen. Die­ser Kri­tik hat der Gesetz­ge­ber im Rah­men des wei­te­ren Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens Rech­nung getra­gen und auf einen Abzug sämt­li­cher öffent­li­cher Abga­ben bewusst ver­zich­tet und sich auf die Umsatz­steu­er als größ­ten Fak­tor unter den "durch­lau­fen­den Pos­ten" beschränkt. Fehlt es mit­hin an einer Rege­lungs­lü­cke, kommt eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 249 Abs. 2 Satz 2 BGB auf ande­re "öffent­li­che Abga­ben" nicht in Betracht.

Soweit es nach den Geset­zes­ma­te­ria­li­en der Recht­spre­chung über­las­sen wer­den soll­te, das Sach­scha­dens­recht "zu kon­kre­ti­sie­ren und zu ent­wi­ckeln", ver­mag dies dem Bun­des­ge­richts­hof nicht den Weg zu einer Abwei­chung vom gel­ten­den Recht und zu einer von der Revi­si­on erwünsch­ten, aber vom Gesetz­ge­ber nicht vor­ge­se­he­nen Gleich­stel­lung von Umsatz­steu­er und ande­ren "öffent­li­chen Abga­ben" zu eröff­nen.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on führt eine Erstat­tung des zur Her­stel­lung erfor­der­li­chen Geld­be­trags gemäß § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB ohne Abzug von Sozi­al­ab­ga­ben und Lohn­ne­ben­kos­ten nicht zwangs­läu­fig zu einer Über­kom­pen­sa­ti­on des Geschä­dig­ten. Sie ist viel­mehr ledig­lich die recht­li­che Fol­ge der gesetz­li­chen Rege­lung des § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB, wonach der Geschä­dig­te bei der Beschä­di­gung einer Sache statt der Natu­ral­re­sti­tu­ti­on im Sin­ne des § 249 Abs. 1 BGB Geld­ersatz ver­lan­gen kann (soge­nann­te Erset­zungs­be­fug­nis). Zu erset­zen ist dabei das Inte­gri­täts­in­ter­es­se, d.h. der Geld­be­trag, der zur Her­stel­lung des Zustands erfor­der­lich ist, der ohne das schä­di­gen­de Ereig­nis bestehen wür­de. Dane­ben ist der Geschä­dig­te, der auf die­se Wei­se die Besei­ti­gung der erlit­te­nen Ver­mö­gens­ein­bu­ße ver­langt, in der Ver­wen­dung des Scha­dens­er­satz­be­trags frei, d.h. er muss den ihm zuste­hen­den Geld­be­trag nicht oder nicht voll­stän­dig für eine ord­nungs­ge­mä­ße Repa­ra­tur in einer (mar­ken­ge­bun­de­nen) Fach­werk­statt ein­set­zen (sog. Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis). Die Revi­si­ons­er­wi­de­rung weist mit Recht dar­auf hin, dass die Sicht­wei­se der Revi­si­on zur Besei­ti­gung die­ser Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis füh­ren wür­de, die mit einer miss­bräuch­li­chen Berei­che­rung des Geschä­dig­ten nichts zu tun hat. Ver­zich­tet der Geschä­dig­te auf eine Repa­ra­tur des unfall­be­schä­dig­ten Fahr­zeugs, so bleibt der ent­spre­chen­de Wert­ver­lust des Fahr­zeugs bestehen. Wählt er eine Eigen, Teil- oder Bil­lig­re­pa­ra­tur außer­halb einer Fach­werk­statt, kann damit eben­falls ein Wert­ver­lust des Fahr­zeugs ein­her­ge­hen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on kann nicht unter­stellt wer­den, dass der Wert des Fahr­zeugs nicht dadurch beein­flusst wird, ob bei der Repa­ra­tur Sozi­al­ab­ga­ben, Lohn­ne­ben­kos­ten und Umsatz­steu­er ange­fal­len sind. Viel­mehr spielt es beim Ver­kauf eines Fahr­zeugs mit einem frü­he­ren Unfall­scha­den nach all­ge­mei­ner Lebens­er­fah­rung durch­aus eine Rol­le, ob der Unfall­scha­den voll­stän­dig und fach­ge­recht in einer mar­ken­ge­bun­de­nen oder sons­ti­gen Fach­werk­statt beho­ben wor­den ist.

Schließ­lich kann der Auf­fas­sung der Revi­si­on nicht bei­getre­ten wer­den, ein Abzug der Lohn­ne­ben­kos­ten und Sozi­al­ab­ga­ben bei fik­ti­ver Abrech­nung eines Kfz­Sach­scha­dens füh­re zu einer Har­mo­ni­sie­rung des Scha­dens­er­satz­rechts im Hin­blick auf die Rechts­la­ge bei der Abrech­nung eines Haus­halts­füh­rungs­scha­dens bei Per­so­nen­schä­den. Die von der Revi­si­on ange­führ­ten Bun­des­ge­richts­hofs­ent­schei­dun­gen betref­fen ande­re Fall­ge­stal­tun­gen [5]. Die im Sin­ne des § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB erfor­der­li­chen (Gesamt-)Reparaturkosten eines Kraft­fahr­zeu­ges nach einem Ver­kehrs­un­fall set­zen sich aus vie­len ein­zel­nen Kos­ten­fak­to­ren zusam­men und las­sen sich scha­dens­recht­lich nicht auf­spal­ten in einen "ange­fal­le­nen" und einen "nicht ange­fal­le­nen" Teil. Dies wäre in der Rechts­pra­xis nicht hand­hab­bar und wür­de dem Geschä­dig­ten sowohl die Erset­zungs­be­fug­nis als auch die Dis­po­si­ti­ons­frei­heit im Sin­ne des § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Febru­ar 2013 – VI ZR 69/​12

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.04.2003 – VI ZR 398/​02, BGHZ 155, 1 ff.; vom 20.10.2009 – VI ZR 53/​09, BGHZ 183, 21 Rn. 8; vom 22.06.2010 – VI ZR 302/​08, VersR 2010, 1096, 1097; vom 22.06.2010 – VI ZR 337/​09, VersR 2010, 1097 f.; vom 13.07.2010 – VI ZR 259/​09, VersR 2010, 1380 f.[]
  2. BGH, Urteil vom 19.06.1973 – VI ZR 46/​72, BGHZ 61, 56, 58 f.[]
  3. vgl. Palandt/​Grüneberg, BGB, 72. Aufl., § 249 Rn. 14; Prütting/​Wegen/​Weinreich/​Medicus, BGB, 7. Aufl., § 249 Rn. 29; Münch­Komm-BGB/Oetker, 6. Aufl., § 249 Rn. 459; BeckOKBGB/​Schubert, Stand: 03/​2011, § 249 Rn. 226 f.; AG Worms, Urteil vom 05.01.2012 – 2 C 399/​11; AG Stutt­gart­Bad Cann­statt, Urteil vom 02.05.2012 – 2 C 79/​12; AG Bie­le­feld, Urteil vom 29.05.2012 – 402 C 124/​12; AG St. Goar, Urteil vom 16.09.2011 – 33 C 406/​11; a.A. Clos, r+s 2011, 277 ff. mwN[]
  4. vgl. ins­be­son­de­re BTDrs. 14/​7752, S. 13[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.09.1986 – VI ZR 128/​85, VersR 1987, 70 Rn. 21; vom 08.06.1982 – VI ZR 314/​80, VersR 1982, 951 Rn. 16 ff. und vom 10.11.1998 – VI ZR 354/​97, BGHZ 140, 39, 44[]