Ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richt­hofs ist bei der ergän­zen­den Aus­le­gung dar­auf abzu­stel­len, was die Par­tei­en bei einer ange­mes­se­nen Abwä­gung ihrer Inter­es­sen nach Treu und Glau­ben als red­li­che Ver­trags­part­ner ver­ein­bart hät­ten, wenn sie den von ihnen nicht gere­gel­ten Fall bedacht hät­ten 1. Dabei ist zunächst an den Ver­trag selbst anzu­knüp­fen; die dar­in ent­hal­te­nen Rege­lun­gen und Wer­tun­gen, sein Sinn und Zweck sind Aus­gangs­punkt der Ver­trags­er­gän­zung. Sie fin­det ihre Gren­ze an dem im – wenn auch lücken­haf­ten – Ver­trag zum Aus­druck gekom­me­nen Par­tei­wil­len; sie darf daher nicht zu einer Abän­de­rung oder Erwei­te­rung des Ver­trags­ge­gen­stan­des füh­ren und sie muss in dem Ver­trag auch eine Stüt­ze fin­den 2.

Ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung

Die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung darf jedoch nicht an dem gesetz­li­chen Leit­bild des jewei­li­gen Ver­trags­typs aus­ge­rich­tet wer­den, son­dern muss an den hypo­the­ti­schen rechts­ge­schäft­li­chen Wil­len der Ver­trags­par­tei­en anknüp­fen. Die­ser ist anhand der ver­trag­li­chen Rege­lun­gen zu ermit­teln und im Hin­blick auf die aus­zu­fül­len­de Lücke fort­zu­ent­wi­ckeln.

Von der Ver­trags­lü­cke (hier: der auf der unter­blie­be­nen Rege­lung des nun­mehr ein­ge­tre­te­nen Falls beru­hen­den feh­len­den Absi­che­rung der Beklag­ten) darf auch nicht auf den hypo­the­ti­schen Wil­len der Par­tei­en (hier: die Über­nah­me des Risi­kos durch die Beklag­te) geschlos­sen wer­den. Dies ver­stie­ße gegen die Denk­ge­set­ze; denn aus dem Feh­len einer ver­trag­li­chen Rege­lung kann ent­we­der auf die Rege­lungs­lü­cke oder auf eine (still­schwei­gen­de) Risi­ko­ver­tei­lung geschlos­sen wer­den, nicht aber auf bei­des gemein­sam.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Okto­ber 2012 – V ZR 222/​11

  1. BGH, Urteil vom 06.10.2006 – V ZR 20/​06, BGHZ 169, 215, 219 Rn. 11[]
  2. BGH, Urteil vom 25.06.1980 – VIII ZR 260/​79, BGHZ 77, 301, 304[]