Ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung und das Braue­rei­d­ar­le­hen

Mit einer Fra­ge zur ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu beschäf­ti­gen. Dabei ging es um ein Braue­rei-Dar­lehn, aus dem der Dar­lehns­ge­ber, die Braue­rei, zur direk­ten Zah­lung an einen vom Dar­lehns­neh­mer beauf­trag­ten Hand­wer­ker ver­pflich­tet war. Im Streit­fall war aller­dings die vom Hand­wer­ker an den Dar­lehns­neh­mer erbrach­te Leis­tung man­gel­be­haf­tet, so dass sich die Fra­ge stell­te, ob der dar­lehns­ge­ben­den Braue­rei gegen­über dem Hand­wer­ker ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht zustand.

Ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung und das Braue­rei­d­ar­le­hen

Die Aus­le­gung indi­vi­du­el­ler pri­vat­recht­li­cher Wil­lens­er­klä­run­gen unter­liegt der Nach­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt nur inso­weit, als es sich dar­um han­delt, ob sie gesetz­li­chen Aus­le­gungs­re­geln, aner­kann­ten Aus­le­gungs­grund­sät­zen, Erfah­rungs­sät­zen oder den Denk­ge­set­zen wider­spricht und ob sie nach dem Wort­laut der Erklä­rung mög­lich ist oder ob die Aus­le­gung auf Ver­fah­rens­feh­lern beruht, etwa weil wesent­li­ches Aus­le­gungs­ma­te­ri­al unter Ver­stoß gegen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten außer Acht gelas­sen wor­den ist 1.

Der­ar­ti­ge Feh­ler lie­gen hier vor. Die Ver­trags­aus­le­gung durch das Beru­fungs­ge­richt fin­det im Wort­laut der drei­sei­ti­gen Ver­ein­ba­rung kei­ne hin­rei­chen­de Stüt­ze und ver­stößt gegen den Grund­satz der bei­der­sei­ti­gen inter­es­sen­ge­rech­ten Aus­le­gung. Das Beru­fungs­ge­richt hat ent­ge­gen dem kla­ren Inhalt der Ver­ein­ba­rung vom 21.09.2004 ver­kannt, dass die Ver­trags­ver­hält­nis­se der Par­tei­en gera­de nicht getrennt, son­dern durch eine drei­sei­ti­ge Ver­ein­ba­rung ver­bun­den sind. Zudem ist es, wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, grund­sätz­lich nicht inter­es­sen­ge­recht, dem Unter­neh­mer die Mög­lich­keit zu ver­schaf­fen, einen Ver­gü­tungs­an­spruch ohne Erbrin­gung der Gegen­leis­tung durch­zu­set­zen 2.

Der beklag­ten Braue­rei ist es zunächst unbe­nom­men, die Schlüs­sig­keit der For­de­rung des Klä­gers, des Hand­wer­kers, zu bestrei­ten, indem sie sich auf Zuviel­ab­rech­nun­gen beruft. § 1 Satz 2 der Ver­ein­ba­rung knüpft den Zah­lungs­an­spruch des Klä­gers gegen die Beklag­te zwar an bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen; die­se durf­te der Klä­ger nach dem objek­ti­ven Emp­fän­ger­ho­ri­zont (§§ 133, 157 BGB) aber, wie auch das Beru­fungs­ge­richt im Ansatz nicht ver­kannt hat, ledig­lich als Fäl­lig­keits­vor­aus­set­zun­gen ver­ste­hen. Die Ver­ein­ba­rung bie­tet kei­ne Grund­la­ge für die Annah­me, dass wei­ter­ge­hend mate­ri­ell­recht­li­che Ver­tei­di­gungs­mit­tel der Beklag­ten aus­ge­schlos­sen wer­den soll­ten.

Die Beklag­te kann sich gegen den Zah­lungs­an­spruch des Klä­gers auch in der Wei­se ver­tei­di­gen, dass sie ein­re­de­wei­se Sach­män­gel­rech­te gel­tend macht. Sie ist zwar nicht Gläu­bi­ge­rin der Lie­fer­ver­pflich­tung des Klä­gers und hat mit der Streit­hel­fe­rin auch nicht die Abtre­tung von Sach­män­gel­an­sprü­chen ver­ein­bart. Die drei­sei­ti­ge Ver­ein­ba­rung weist aber eine Lücke auf, wenn sich erst nach Fäl­lig­keit der Zah­lungs­for­de­rung Sach­män­gel der gelie­fer­ten Ein­rich­tung her­aus­stel­len. Die Lücke ist durch ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung zu schlie­ßen (§§ 133, 157 BGB). Die dem Bun­des­ge­richts­hof selbst mög­li­che Aus­le­gung ergibt, dass der Beklag­ten im Fall nicht ord­nungs­ge­mä­ßer Lie­fe­rung ein ver­trag­lich ver­ein­bar­tes Zurück­be­hal­tungs­recht zusteht.

Eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung ist dann gebo­ten, wenn die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en eine Rege­lungs­lü­cke – eine plan­wid­ri­ge Unvoll­stän­dig­keit – auf­weist. Eine sol­che Rege­lungs­lü­cke liegt vor, wenn die Par­tei­en einen Punkt über­se­hen oder wenn sie ihn bewusst offen gelas­sen haben, weil sie ihn im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses für nicht rege­lungs­be­dürf­tig gehal­ten haben, und wenn sich die­se Annah­me nach­träg­lich als unzu­tref­fend her­aus­stellt 3. Von einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit kann nur gespro­chen wer­den, wenn der Ver­trag eine Bestim­mung ver­mis­sen lässt, die erfor­der­lich ist, um den ihm zugrun­de lie­gen­den Rege­lungs­plan der Par­tei­en zu ver­wirk­li­chen, mit­hin ohne Ver­voll­stän­di­gung des Ver­tra­ges eine ange­mes­se­ne, inter­es­sen­ge­rech­te Lösung nicht zu erzie­len wäre 4. Die­se Vor­aus­set­zung ist hier erfüllt. Die drei­sei­ti­ge Ver­ein­ba­rung war – von den Par­tei­en unbe­merkt – lücken­haft. Nach dem ver­trag­li­chen Rege­lungs­plan kam es den Par­tei­en gera­de auf die "Ord­nungs­mä­ßig­keit der Lie­fe­rung" an; § 1 Satz 2 des Ver­tra­ges sieht dies aus­drück­lich vor. Die Par­tei­en haben davon zwar die Fäl­lig­keit des Zah­lungs­an­spruchs des Klä­gers abhän­gig gemacht, aber kei­ne Rege­lung für den nicht fern lie­gen­den Fall getrof­fen, dass sich erst nach Fäl­lig­keit Sach­män­gel zei­gen.

Bei der Schlie­ßung der Ver­trags­lü­cke durch ergän­zen­de Aus­le­gung ist dar­auf abzu­stel­len, was die Par­tei­en bei einer ange­mes­se­nen Abwä­gung ihrer Inter­es­sen nach Treu und Glau­ben als red­li­che Ver­trags­part­ner ver­ein­bart hät­ten, wenn sie den von ihnen nicht gere­gel­ten Fall bedacht hät­ten 5. Die Rege­lungs­lü­cke ist dahin­ge­hend zu schlie­ßen, dass die Par­tei­en der Beklag­ten dann ein ver­trag­li­ches Zurück­be­hal­tungs­recht ein­ge­räumt hät­ten.

Sinn der Ver­ein­ba­rung vom 21.09.2004 war es im Wesent­li­chen, dem Klä­ger einen Direkt­an­spruch auf Zah­lung gegen die Beklag­te und die­ser "im Gegen­zug" das Siche­rungs­ei­gen­tum an der Ein­rich­tung direkt und ohne Zwi­schen­er­werb der Streit­hel­fe­rin zu ver­schaf­fen. Das trägt dem Äqui­va­lenz­prin­zip Rech­nung, wel­ches das Schuld­recht prägt und die Auf­ga­be hat, die Gleich­wer­tig­keit der bei­der­sei­ti­gen Leis­tun­gen sicher­zu­stel­len. Die von den Par­tei­en ange­streb­te Aus­ge­wo­gen­heit von Leis­tung und Gegen­leis­tung wür­de durch eine zusätz­li­che Bes­ser­stel­lung des Klä­gers dadurch, dass sei­nem Zah­lungs­ver­lan­gen kein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht auf­grund von Sach­män­gel­an­sprü­chen ent­ge­gen­ge­setzt wer­den könn­te, erheb­lich zu Las­ten der Beklag­ten ver­scho­ben. Die Ein­räu­mung eines ver­trag­li­chen Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­rechts ist daher zur Wah­rung des ver­trag­li­chen Äqui­va­lenz­ver­hält­nis­ses gebo­ten.

Die vom Beru­fungs­ge­richt unter­las­se­ne ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung kann vom Revi­si­ons­ge­richt nach­ge­holt wer­den, da wei­te­re tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen nicht not­wen­dig sind. Die Ent­schei­dung, ob eine Rege­lungs­lü­cke besteht und wie die Ver­trags­part­ner sie bei deren Kennt­nis geschlos­sen hät­ten, kann auf­grund aus­rei­chen­der tatrich­ter­li­cher Fest­stel­lun­gen auch durch das Revi­si­ons­ge­richt getrof­fen wer­den 6.

Die von der Revi­si­ons­er­wi­de­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Bun­des­ge­richts­hof erho­be­ne Gegen­rü­ge, wonach die Ver­ein­ba­rung vom 21.09.2004 von der Beklag­ten ver­wen­de­te All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen ent­hal­te und dies die Ver­trags­aus­le­gung zuguns­ten des Klä­gers beein­flus­se, ist unbe­grün­det. Das Beru­fungs­ge­richt hat nicht fest­ge­stellt, dass die Beklag­te All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen ver­wen­det hat. Die Revi­si­ons­er­wi­de­rung zeigt nicht auf, dass der Klä­ger hier­zu Tat­sa­chen­vor­trag gehal­ten hat, der nicht berück­sich­tigt wor­den ist.

Zu berück­sich­ti­gen ist gege­be­nen­falls, dass ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht zu einer Zug-um-Zug-Ver­ur­tei­lung gegen Män­gel­be­sei­ti­gung füh­ren kann (§ 320 Abs. 1, § 322 Abs. 1 BGB) 7. Ein for­mel­ler Antrag der Beklag­ten ist inso­weit nicht erfor­der­lich 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Novem­ber 2012 – VII ZR 99/​10 -

  1. BGH, Urtei­le vom 06.09.2012 – VII ZR 193/​10, Rn. 14, für BGHZ bestimmt; vom 30.06.2011 – VII ZR 13/​10, BGHZ 190, 212 Rn. 8; vom 22.07.2010 – VII ZR 213/​08, BGHZ 186, 295 Rn. 13; vom 20.07.2010 – XI ZR 236/​07, BGHZ 186, 269 Rn. 44; vom 12.11.2008 – VIII ZR 170/​07, BGHZ 178, 307 Rn. 12; jeweils m.w.N.[]
  2. BGH, Urteil vom 24.11.2005 – VII ZR 304/​04, BGHZ 165, 134, 138 m.w.N.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 17.01.2007 – VIII ZR 171/​06, BGHZ 170, 311 Rn. 26; vom 17.04.2002 – VIII ZR 297/​01, NJW 2002, 2310 unter II 1; vom 21.09.1994 – XII ZR 77/​93, BGHZ 127, 138, 142; jeweils m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.01.2007 – VIII ZR 171/​06, aaO, Rn. 28, 30; vom 02.07.2004 – V ZR 209/​03, NJW-RR 2005, 205 unter II 1 c bb; vom 13.02.2004 – V ZR 225/​03, NJW 2004, 1873 unter II 1 b; jeweils m.w.N.[]
  5. st. Rspr.; sie­he BGH, Urtei­le vom 06.10.2006 – V ZR 20/​06, BGHZ 169, 215 Rn. 11; vom 01.06.2005 – VIII ZR 234/​04, NJW-RR 2005, 1421 unter II 2 b; vom 10.11.1999 – I ZR 183/​97, BGHR BGB § 157 Ergän­zen­de Aus­le­gung 26[]
  6. BGH, Urtei­le vom 04.03.2008 – KZR 36/​05, NJW-RR 2008, 1491 Rn. 30; vom 12.12.1997 – V ZR 250/​96, NJW 1998, 1219 unter II 3[]
  7. zum Werk­ver­trags­recht: BGH, Urteil vom 04.06.1973 – VII ZR 112/​71, BGHZ 61, 42; Kniff­ka in: Kniffka/​Koeble, Kom­pen­di­um des Bau­rechts, 3. Aufl., Teil 5 Rn. 168; zur Rechts­la­ge im Kauf­recht sie­he: Münch­Komm-BGB/Wes­ter­mann, 6. Aufl., § 437 Rn.20; Münch­Komm-BGB/Em­me­rich, aaO, § 320 Rn. 4 ff.; jeweils m.w.N.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 07.06.2006 – VIII ZR 209/​05, BGHZ 168, 64 Rn. 30 f.; Kniff­ka, aaO[]