Erhal­tungs­pflich­ten des Nieß­brau­chers

Der Nieß­brau­cher hat gemäß 1041 BGB für die Erhal­tung der Sache in ihrem wirt­schaft­li­chen Bestand zu sor­gen. Aus­bes­se­run­gen und Erneue­run­gen lie­gen ihm aber nur inso­weit ob, als sie zu der gewöhn­li­chen Unter­hal­tung der Sache gehö­ren. Die­se aus § 1041 Satz 1 und 2 BGB fol­gen­den Erhal­tungs­pflich­ten des Nieß­brau­chers wer­den nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs durch die Vor­schrift des § 1050 BGB, wonach der Nieß­brau­cher Ver­än­de­run­gen oder Ver­schlech­te­run­gen der Sache, wel­che durch die ord­nungs­mä­ßi­ge Aus­übung des Nieß­brauchs her­bei­ge­führt wer­den, nicht zu ver­tre­ten hat, nicht ein­ge­schränkt.

Erhal­tungs­pflich­ten des Nieß­brau­chers

Grund­sätz­lich hat der Nieß­brau­cher die belas­te­te Sache zwar nur in ihrem wirt­schaft­li­chen Bestand, nicht aber in ihrem Kapi­tal­wert zu erhal­ten (§ 1041 Satz 1 BGB). Aus­bes­se­run­gen und Erneue­run­gen oblie­gen ihm nur inso­weit, als sie zu der gewöhn­li­chen Unter­hal­tung der Sache gehö­ren (§ 1041 Satz 2 BGB). Hier­zu zäh­len Erhal­tungs­maß­nah­men, die bei ord­nungs­ge­mä­ßer Bewirt­schaf­tung regel­mä­ßig, und zwar wie­der­keh­rend inner­halb kür­ze­rer Zeit­ab­stän­de zu erwar­ten sind 1. Dar­un­ter fal­len ins­be­son­de­re die nor­ma­len Ver­schleiß­re­pa­ra­tu­ren, wäh­rend etwa die voll­stän­di­ge Erneue­rung der Dach­ein­de­ckung eines Hau­ses als außer­ge­wöhn­li­che Maß­nah­me den Nieß­brau­cher nicht belas­ten kann 2.

Aller­dings wer­den zu dem Ver­hält­nis der Rege­lun­gen in § 1050 und § 1041 BGB unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten. Teil­wei­se wird ange­nom­men, § 1050 BGB begren­ze die in § 1041 BGB gere­gel­te Erhal­tungs­pflicht. Der Nieß­brau­cher müs­se die zur gewöhn­li­chen Unter­hal­tung der Sache gehö­ren­den Aus­bes­se­run­gen und Erneue­run­gen nach § 1041 BGB nicht vor­neh­men, soweit die Ver­schlech­te­rung der Sache auf dem ord­nungs­ge­mä­ßen Gebrauch beru­he 3. Dies gel­te jeden­falls für die Erhal­tungs­pflicht nach § 1041 Satz 1 BGB 4. Nach ande­rer Auf­fas­sung blei­ben die Pflich­ten des Nieß­brau­chers aus § 1041 BGB durch die Rege­lung in § 1050 BGB unbe­rührt 5. Die Beschrän­kung der Haf­tung des Nieß­brau­chers nach § 1050 BGB betref­fe nur Ver­än­de­run­gen und Ver­schlech­te­run­gen der Sache, die nicht nach § 1041 BGB besei­tigt wer­den müss­ten. § 1041 BGB schrän­ke des­halb die Rege­lung des § 1050 BGB ein und nicht umge­kehrt (Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, aaO).

Die zuletzt genann­te Auf­fas­sung ist nach dem aktu­el­len Urteil des BGH zutref­fend. Die Vor­schrift des § 1050 BGB trifft kei­ne eigen­stän­di­ge Rege­lung zu den Instand­hal­tungs­pflich­ten des Nieß­brau­chers, son­dern belas­tet den Eigen­tü­mer neben dem Risi­ko einer zufäl­li­gen Beschä­di­gung oder Zer­stö­rung der Sache mit deren im Lauf der Zeit all­mäh­lich ein­tre­ten­den Kapi­tal­min­de­rung. Hier­bei han­delt es sich ledig­lich um die Klar­stel­lung, dass den Nieß­brau­cher kei­ne Kapi­tal­erhal­tungs­pflicht trifft, er also nicht für Ver­schlech­te­run­gen der Sache haf­tet, die trotz Durch­füh­rung der gesetz­lich geschul­de­ten Erhal­tungs­maß­nah­men ein­tre­ten 6. Die­ser Rege­lungs­ge­halt wird aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Norm deut­lich. In dem ers­ten Ent­wurf des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs stand die Vor­läu­ferre­ge­lung in § 1007 E‑BGB noch im Zusam­men­hang mit den Pflich­ten des Nieß­brau­chers bei Been­di­gung des Nieß­brauchs. Sie bestimm­te, dass die belas­te­te Sache in dem Zustand zurück­zu­ge­wäh­ren war, in wel­chem sie sich bei Begrün­dung des Nieß­brauchs befand, schränk­te die­se Ver­pflich­tung im zwei­ten Halb­satz aber dahin ein, dass der Nieß­brau­cher nicht wegen Ver­än­de­run­gen und Ver­schlech­te­run­gen haf­te, wel­che durch die ord­nungs­ge­mä­ße Aus­übung des Nieß­brauchs, durch Alter oder durch einen ande­ren von ihm nicht zu ver­tre­ten­den Umstand ent­stan­den sei­en 7. Die Vor­schrift bezweck­te nur die Klar­stel­lung, dass der Nieß­brau­cher nicht zum Aus­gleich des Wert­ver­lusts ver­pflich­tet ist, der auf dem nor­ma­len Alte­rungs- und Abnut­zungs­pro­zess beruht 8. Eine Ein­schrän­kung der in ande­ren Vor­schrif­ten nie­der­ge­leg­ten Pflicht des Nieß­brau­chers, wäh­rend sei­ner Besitz­zeit für die Erhal­tung der Sache in ihrem wirt­schaft­li­chen Bestand zu sor­gen, war damit nicht ver­bun­den. Die spä­te­ren Ände­run­gen des Wort­lauts haben hier­an in der Sache nichts geän­dert; ihnen ist, auch soweit es die Erwäh­nung der durch das Alter der Sache ein­ge­tre­te­nen Ver­schlech­te­run­gen betrifft, nur redak­tio­nel­le Bedeu­tung bei­zu­mes­sen 9.

Die­ser sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­hang gilt auch für das Ver­hält­nis von § 1050 zu § 1041 BGB. Zu den grund­le­gen­den Pflich­ten des Nieß­brau­chers gehört das in § 1036 Abs. 2 BGB und § 1041 Satz 1 BGB ent­hal­te­ne Gebot, die belas­te­te Sache ord­nungs­ge­mäß zu bewirt­schaf­ten und in einem Zustand zu erhal­ten, dass sie gemäß ihrer bis­he­ri­gen wirt­schaft­li­chen Bestim­mung genutzt wer­den kann 10. Die­ser Wesens­kern des Nieß­brauchs wür­de indes­sen aus­ge­höhlt, wenn § 1050 BGB als Ein­schrän­kung der Ver­pflich­tung des Nieß­brau­chers anzu­se­hen wäre, die Sache in ihrem wirt­schaft­li­chen Bestand zu erhal­ten. Der Nieß­brau­cher könn­te von der Durch­füh­rung lau­fend anfal­len­der gewöhn­li­cher Erhal­tungs­maß­nah­men dann näm­lich häu­fig mit der Begrün­dung abse­hen, der Instand­hal­tungs­be­darf sei auf die gewöhn­li­che Abnut­zung der belas­te­ten Sache und damit auf die ord­nungs­ge­mä­ße Aus­übung des Nieß­brauchs zurück­zu­füh­ren. Damit wäre die Pflicht des Nieß­brau­chers zur ord­nungs­ge­mä­ßen Bewirt­schaf­tung der Sache in ihr Gegen­teil ver­kehrt. Dass nicht dies, son­dern ein Vor­rang der Erhal­tungs­pflicht des Nieß­brau­chers der Inten­ti­on des Geset­zes ent­spricht, wird durch den in § 1050 BGB ent­hal­te­nen Ver­weis auf die ord­nungs­ge­mä­ße Aus­übung des Nieß­brauchs deut­lich; zu die­ser gehört die Erfül­lung der sich aus §§ 1036 Satz 2, 1041 BGB erge­ben­den Pflich­ten (so auch Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, aaO, § 1051 Rdn. 2). Soweit nach die­sen Vor­schrif­ten Erhal­tungs­maß­nah­men geschul­det sind, kann sich der Nieß­brau­cher des­halb nicht dar­auf beru­fen, dass das Repa­ra­tur­be­dürf­nis durch die ord­nungs­ge­mä­ße Aus­übung des Nieß­brauchs ein­ge­tre­ten ist. § 1050 BGB betrifft viel­mehr nur Ver­än­de­run­gen und Ver­schlech­te­run­gen der Sache, die trotz lau­fen­der Unter­hal­tung der Sache ein­tre­ten und stellt klar, dass die­se dem Eigen­tü­mer zur Last fal­len 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Janu­ar 2009 – V ZR 197/​07

  1. BGH, Urteil vom 6. Juni 2003, V ZR 392/​02, NJW-RR 2003, 1290, 1291; Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, 4. Aufl., § 1041 Rdn. 4; Soergel/​Stürner, BGB, 13. Aufl., § 1041 Rdn. 3[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 6. Juni 2003, V ZR 392/​02, aaO, S. 1292; BGH, Urt. v. 7. Juli 1993, IV ZR 90/​92, NJW 1993, 3198, 3199; Urt. v. 13. Juli 2005, VIII ZR 311/​04, NJW-RR 2005, 1321, 1322[]
  3. OLG Karls­ru­he Rpfle­ger 2005, 686, 688; Soergel/​Stürner, aaO, § 1041 Rdn. 1; § 1050 Rdn. 1; RGRK/​Rothe, BGB, 12. Aufl., § 1041 Rdn. 1[]
  4. Palandt/​Bassenge, BGB, 68. Aufl., § 1050 Rdn. 1; wohl auch NK-BGB/­Lem­ke, 2. Aufl., § 1041 Rdn. 4; § 1050 Rdn. 2[]
  5. OLG Zwei­brü­cken OLGZ 1984, 460, 461; Staudinger/​Frank, BGB [2002], § 1041 Rdn. 2; § 1050 Rdn. 2; Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, 4. Aufl., § 1041 Rdn. 3; § 1050 Rdn. 1 f.; Bamberger/​Roth/​Wegmann, BGB, 2. Aufl., § 1050 Rdn. 3; PWW/​Eickmann, BGB, 3. Aufl., § 1050 Rdn. 2; juris-PK/­Len­ders, 3. Aufl., § 1050 Rdn. 3; vgl. auch Schön, Der Nieß­brauch an Sachen, S. 83[]
  6. vgl. Staudinger/​Frank, BGB [2002], § 1050 Rdn. 1; Schön, Der Nieß­brauch an Sachen, S. 83 u. 111[]
  7. vgl. Mug­dan, Die gesam­ten Mate­ria­li­en zum Bür­ger­li­chen Gesetz­buch, Band III, S. XLIX, sowie Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, 4. Aufl., § 1050 Rdn. 1[]
  8. vgl. Moti­ve zu dem Ent­wurf des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches, Band III, S. 520 sowie S. 504 u. 510[]
  9. vgl. Pro­to­kol­le der Kom­mis­si­on für die zwei­te Lesung des Ent­wurfs des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches, Band III, S. 401; sowie Planck/​Brod­mann, BGB, 5. Aufl., § 1050 Anm. 1 a.E.[]
  10. vgl. KG DNotZ 2006, 470, 472; Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, 4. Aufl. § 1036 Rdn. 17; Staudinger/​Frank, BGB [2002], § 1036 Rdn. 12 ff.; NK-BGB/­Lem­ke, § 1036 Rdn. 20 ff.[]
  11. Staudinger/​Frank, aaO, § 1050 Rdn. 1 u. 2; Planck/​Brodmann, BGB, 5. Aufl., § 1041 Anm. 1[]