Erle­di­gungs­er­klä­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren – und ihre Aus­le­gung

Die von einer Pro­zess­par­tei (bzw. ihrem Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten) abge­ge­be­ne Erklä­rung der Erle­di­gung der Haupt­sa­che ist als Pro­zess­hand­lung aus­le­gungs­fä­hig.

Erle­di­gungs­er­klä­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren – und ihre Aus­le­gung

Dabei ist nicht allein der Wort­laut der Erklä­rung maß­ge­bend. Der erklär­te Wil­le kann auch aus den Begleit­um­stän­den und ins­be­son­de­re aus der Inter­es­sen­la­ge her­vor­ge­hen.

Im Zwei­fel gilt das­je­ni­ge, was nach den Maß­stä­ben der Rechts­ord­nung ver­nünf­tig ist und der recht ver­stan­de­nen Inter­es­sen­la­ge ent­spricht 1.

Das Inter­es­se eines Beschwer­de­füh­rers (und erst­in­stanz­li­chen Antrags­geg­ners) rich­tet sich nach den Umstän­den gegen die Kos­ten­be­las­tung durch das Beschwer­de­ver­fah­ren. Da die Haupt­sa­che nur von der Antrag­stel­le­rin für erle­digt erklä­ren kann, bleibt dem Beschwer­de­füh­rer allein die Erle­di­gungs­er­klä­rung sei­nes Rechts­mit­tels, um der dadurch ver­ur­sach­ten Kos­ten­last zu ent­ge­hen 2.

Die ein­sei­ti­ge Erklä­rung der Erle­di­gung eines Rechts­mit­tels durch den Rechts­mit­tel­füh­rer ist eine zuläs­si­ge Pro­zess­hand­lung 3.

Eine Erle­di­gung des Rechts­mit­tels ist gege­ben, wenn ein ursprüng­lich zuläs­si­ges und begrün­de­tes Rechts­mit­tel nach­träg­lich unzu­läs­sig oder unbe­grün­det wird, etwa durch den nach­träg­li­chen Weg­fall der für das Rechts­mit­tel erfor­der­li­chen Beschwer 4. Die Beschwer muss als all­ge­mei­ne Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung für jedes Rechts­mit­tel nach der Zivil­pro­zess­ord­nung noch zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung über das Rechts­mit­tel gege­ben sein; ihr Weg­fall macht das Rechts­mit­tel unzu­läs­sig und führt zu sei­ner Ver­wer­fung 5.

Der Beschwer­de­füh­rer war durch den ange­foch­te­nen Beschluss beschwert, mit dem sei­ne sofor­ti­ge Beschwer­de gegen den Erlass des Haft­be­fehls zurück­ge­wie­sen wor­den war 6. Die­se Beschwer ist nach Ein­le­gung der Rechts­be­schwer­de dadurch ent­fal­len, dass die Gläu­bi­ge­rin den Antrag auf Erlass eines Haft­be­fehls zurück­ge­nom­men hat. Hat der Gläu­bi­ger sei­nen Antrag auf Abga­be der Ver­mö­gens­aus­kunft oder – wie im Streit­fall – auf Erlass des Haft­be­fehls zurück­ge­nom­men, ist der Haft­be­fehl vom Voll­stre­ckungs­ge­richt auf­zu­he­ben 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. März 2018 – I ZB 54/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 20.01.2016 – I ZB 102/​14, GRUR 2016, 421 Rn. 15 = WRP 2016, 477 – Erle­di­gungs­er­klä­rung nach Geset­zes­än­de­rung, mwN[]
  2. vgl. Flo­cken­haus in Musielak/​Voit, ZPO, 15. Aufl., § 91a Rn. 49 in Ver­bin­dung mit Rn. 8[]
  3. BGH, Urteil vom 12.05.1998 – XI ZR 219/​97, NJW 1998, 2453, 2454 12]; Beschluss vom 11.01.2001 – V ZB 40/​99, NJW-RR 2001, 1007, 1008 3]; Beschluss vom 17.09.2008 – IV ZB 17/​08, NJW 2009, 234 Rn. 4; Urteil vom 30.09.2009 – VIII ZR 29/​09, NJW-RR 2010, 19 Rn. 10; Zöller/​Althammer, ZPO, 32. Aufl., § 91a Rn.19; MünchKomm-.ZPO/Schulz, 5. Aufl., § 91a Rn. 110; Jasper­sen in BeckOK.ZPO, Stand 1.12 2017, § 91a Rn. 93[]
  4. vgl. BGH, NJW-RR 2010, 19 Rn. 10; Zöller/​Althammer aaO § 91a Rn.19; MünchKomm-.ZPO/Schulz aaO § 91a Rn. 111[]
  5. BGH, Beschluss vom 29.06.2004 – X ZB 11/​04, NJW-RR 2004, 1365 2]; Beschluss vom 14.09.2017 – I ZB 9/​17, WM 2018, 331 Rn. 8; Zöller/​Heßler aaO § 574 Rn. 5 in Ver­bin­dung mit Vor § 511 Rn. 10 f.; MünchKomm-.ZPO/Lipp aaO § 577 Rn. 7; Wulf in BeckOK.ZPO, Stand 15.06.2017, § 577 Rn. 1[]
  6. vgl. BGH, WM 2018, 331 Rn. 8[]
  7. vgl. Zöller/​Seibel aaO § 802g Rn. 14; Ster­nal in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Gesam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, 3. Aufl., § 802g ZPO Rn. 31; Fleck in BeckOK.ZPO, Stand 1.12 2017, § 802g Rn. 17; Saenger/​Rathmann, ZPO, 7. Aufl., § 802g Rn. 9[]