Erneu­te Zeu­gen­ver­neh­mung in der Beru­fungs­in­stanz

Das Beru­fungs­ge­richt hat einen Zeu­gen erneut zu ver­neh­men, wenn es des­sen Aus-sage anders ver­ste­hen oder wür­di­gen will als das erst­in­stanz­li­che Gericht.

Erneu­te Zeu­gen­ver­neh­mung in der Beru­fungs­in­stanz

Geschieht dies nicht, ver­letzt das Beru­fungs­ge­richt in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se den Anspruch der Par­tei­en auf recht­li­ches Gehör im Sin­ne des Art. 103 Abs. 1 GG (§ 544 Abs. 7 ZPO).

Grund­sätz­lich steht es aller­dings im Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts, ob es Zeu­gen, die in der Vor­in­stanz bereits ver­nom­men wor­den sind, nach § 398 Abs. 1 ZPO erneut ver­nimmt. Das Beru­fungs­ge­richt ist zur noch­ma­li­gen Ver­neh­mung jedoch ver­pflich­tet, wenn es die pro­to­kol­lier­ten Zeu­gen­aus­sa­gen anders ver­ste­hen oder wür­di­gen will als die Vor­in­stanz. Eine erneu­te Ver­neh­mung kann in die­sem Fall allen­falls dann unter­blei­ben, wenn sich das Beru­fungs­ge­richt auf sol­che Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit sei­ner Aus­sa­ge betref­fen 1. Ins­be­son­de­re wenn das erst­in­stanz­li­che Gericht über strei­ti­ge Äuße­run­gen und die Umstän­de, unter denen sie gemacht wor­den sind, Zeu­gen ver­nom­men hat und es auf Grund einer Wür­di­gung der Aus­sa­gen zu einem bestimm­ten Ergeb­nis gekom­men ist, kann das Beru­fungs­ge­richt die­se Aus­le­gung nicht ver­wer­fen und zum gegen­tei­li­gen Ergeb­nis kom­men, ohne zuvor die Zeu­gen erneut ver­nom­men zu haben 2. So hat der Bun­des­ge­richts­hof etwa eine Pflicht zur noch­ma­li­gen Ver­neh­mung eines Zeu­gen ange­nom­men, wenn das erst­in­stanz­li­che Gericht die Wor­te "es war bespro­chen wor­den" dahin ver­stan­den hat, der Zeu­ge habe damit aus­drü­cken wol­len, die Par­tei­en sei­en sich im Gespräch über den bespro­che­nen Punkt einig gewor­den, wäh­rend das Beru­fungs­ge­richt die­se Äuße­rung ledig­lich im Sin­ne einer ergeb­nis­lo­sen Erör­te­rung wer­ten will 3.

Der Ver­fah­rens­feh­ler ist ent­schei­dungs­er­heb­lich. Denn, so der Bun­des­ge­richts­hof, es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt zu einer ande­ren Beur­tei­lung gelangt wäre, wenn es die Zeu­gen erneut ver­nom­men und sich einen eige­nen Ein­druck ver­schafft hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Juni 2011 – II ZR 103/​10

  1. st. Rspr., sie­he etwa BGH, Beschluss vom 24.03.2010 – VIII ZR 270/​09, BauR 2010, 1095 Rn. 7[]
  2. BGH, Urteil vom 18.10.2006 – IV ZR 130/​05, NJW 2007, 372 Rn. 23[]
  3. BGH, Urteil vom 22.05.2002 – VIII ZR 337/​00, NJWRR 2002, 1500 f.; eben­so BGH, Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 5 f.[]