Erneu­te Zeu­gen­ver­neh­mun­gen durch das Beru­fungs­ge­richt

Hegt das Beru­fungs­ge­richt Zwei­fel an der Rich­tig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen, die sich auch aus der Mög­lich­keit unter­schied­li­cher Wer­tun­gen erge­ben kön­nen, so sind nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO erneu­te Fest­stel­lun­gen gebo­ten.

Erneu­te Zeu­gen­ver­neh­mun­gen durch das Beru­fungs­ge­richt

Im Zuge die­ser erneu­ten Tat­sa­chen­fest­stel­lung muss das Beru­fungs­ge­richt einen in ers­ter Instanz ver­nom­me­nen Zeu­gen gemäß § 398 Abs. 1 ZPO grund­sätz­lich noch­mals ver­neh­men, wenn es sei­ner Aus­sa­ge eine ande­re Trag­wei­te oder ein ande­res Gewicht als das erst­in­stanz­li­che Gericht bei­mes­sen möch­te1.

Unter­lässt es dies, so ver­letzt es den Anspruch der benach­tei­lig­ten Par­tei auf recht­li­ches Gehör2.

Die erneu­te Ver­neh­mung eines Zeu­gen darf unter­blei­ben, wenn sich das Beru­fungs­ge­richt auf Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen, das heißt sei­ne Glaub­wür­dig­keit, noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit sei­ner Aus­sa­ge, das heißt deren Glaub­haf­tig­keit, betref­fen, und es die Zeu­gen­aus­sa­ge des­halb ohne Ver­stoß gegen das Ver­bot der vor­weg­ge­nom­me­nen Beweis­wür­di­gung bewer­ten kann, weil es kei­nes per­sön­li­chen Ein­drucks von dem Zeu­gen bedarf3.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Okto­ber 2017 – I ZR 255/​16

  1. st. Rspr.; BGH, Beschluss vom 05.04.2005 – IV ZR 253/​05, VersR 2006, 949 Rn. 2; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 4; Beschluss vom 05.05.2015 – XI ZR 326/​14, NJW-RR 2015, 1200 Rn. 11; Beschluss vom 11.06.2015 – I ZR 217/​14, NJW-RR 2016, 175 Rn. 9
  2. vgl. BVerfG, NJW 2005, 1487; BGH, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 4; BGH, Beschluss vom 21.03.2012 XII ZR 18/​11, NJW-RR 2012, 704 Rn. 6
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.06.1991 – VIII ZR 116/​90, NJW 1991, 3285, 3286; Urteil vom 10.03.1998 – VI ZR 30/​97, NJW 1998, 2222, 2223; BGH, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 5; NJW-RR 2012, 704 Rn. 7