Ersit­zung einer Ser­vi­tut nach han­no­ver­schem Gemei­nen Recht

Mit der Ersit­zung einer Ser­vi­tut nach han­no­ver­schem Gemei­nen Recht in der Zeit vor 1900 als alt­recht­li­che Grund­dienst­bar­keit (hier: Wege­recht) gemäß Art. 187 EGBGB hat­te sich aktu­ell das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le zu befas­sen:

Ersit­zung einer Ser­vi­tut nach han­no­ver­schem Gemei­nen Recht

Alt­recht­li­che Wege­rech­te zu land­wirt­schaft­li­chen Zwe­cken gestat­ten heu­te grds. die Befah­rung mit zeit­ge­mä­ßen Maschi­nen und Gerät­schaf­ten.

Das Wege­recht berech­tigt den Eigen­tü­mer des herr­schen­den Flur­stücks – solan­ge er das Eigen­tum an die­sem Flur­stück behält – auch dazu, von die­sem Flur­stück aus zu wei­te­ren in sei­nem Eigen­tum ste­hen­den Grün­land­flä­chen zu gelan­gen und somit auch die­se unter Aus­nut­zung des Wege­rechts zu bewirt­schaf­ten.

Schuld­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen über eine unent­gelt­li­che Wege­nut­zung sind als Leih­ver­trä­ge ein­zu­ord­nen: das Gebrauchs­recht i.S.v. § 598 BGB kann sich als besitz­lo­ses Gebrauchs­recht auf die Gestat­tung einer Über­fahrt über ein Grund­stück bezie­hen. Ein sol­ches schuld­recht­li­ches Wege­recht geht wäh­rend der Dau­er sei­nes Bestehens im Fall einer Betriebs­über­ga­be nach § 593a BGB auf den Über­neh­mer über.

Wer­den Rech­te aus alt­recht­li­chen Dienst­bar­kei­ten gemäß Art. 187 BGB gel­tend gemacht, muss die Grund­dienst­bar­keit bestan­den haben zu der Zeit, zu wel­cher das Grund­buch als ange­legt anzu­se­hen ist. Das ist für den Land­ge­richts­be­zirk Sta­de der 1.01.1900 auf­grund der Preuß. VO vom 13.11.1899 nebst Anla­ge [1].

Ein­schrän­ken­de Bestim­mun­gen nach Art. 187 Abs. 2 EGBGB gibt es für Nie­der­sach­sen nicht [2]. Vor dem 1.01.1900 ent­stan­de­ne Wege­rech­te kön­nen des­halb unab­hän­gig von Ver­äu­ße­rungs­ge­schäf­ten des belas­te­ten Grund­stücks nach wie vor gel­tend gemacht wer­den, weil § 892 BGB in Anse­hung alt­recht­li­cher, noch nicht ein­ge­tra­ge­ner Grund­dienst­bar­kei­ten nicht gilt.

Ein rechts­ge­schäft­li­cher Erwerb von Dienst­bar­kei­ten (Ser­vi­tu­ten) war nach dem im Bereich des Land­ge­richts Sta­de (wie auch sonst im ehe­ma­li­gen König­reichs Han­no­ver mit Aus­nah­me eini­ger Neu­erwer­bun­gen von 1814) bis Inkraft­tre­ten des BGB fort­gel­ten­den Gemei­nen Recht [3] durch ein­fa­chen, form­frei­en Begrün­dungs­ver­trag mög­lich.

Die Ersit­zung von Grund­dienst­bar­kei­ten nach Gemei­nem Recht, auch erwer­ben­de Ver­jäh­rung genannt, hat­te eine Ersit­zungs­zeit von 10 Jah­ren als Vor­aus­set­zung, wenn die Grund­stü­cke – wie hier – im sel­ben Ober­ge­richts­be­zirk bele­gen waren [4]. Abwei­chen­de Han­no­ver­sche (bis 1866) oder Preu­ßi­sche (nach 1866) Par­ti­ku­lar­vor­schrif­ten zu die­ser Art der Ersit­zung, auch erwer­ben­de Ver­jäh­rung genannt, gab es nicht [5]. Aller­dings besteht bezüg­lich der Ersit­zung nach Han­no­ver­schem Gemei­nen Recht eine beweis­recht­li­che Beson­der­heit: Unter dem 31.03.1842 [6] ist fol­gen­des Prä­ju­diz des Oberap­pel­la­ti­ons­ge­richts Cel­le auf­grund des Geset­zes vom 07.09.1838 mit Geset­zes­kraft ver­se­hen wor­den: Zum Bewei­se einer erwer­ben­den Ver­jäh­rung von Ser­vi­tu­ten ist es erfor­der­lich, dass die statt­ge­fun­de­ne Aus­übung der­sel­ben in jedem ein­zel­nen Jahr der Ver­jäh­rungs­zeit nach­ge­wie­sen wer­de [7].

Da nach stän­di­ger Recht­spre­chung das Wege­recht sei­nem Umfang nach, auch durch Umfangs­er­wei­te­rung, der tech­ni­schen und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung des Nut­zungs­be­darfs anzu­pas­sen ist [8], gestat­tet das alt­recht­li­che Wege­recht heu­te auch die Benut­zung mit grö­ße­ren Maschi­nen und Gerät­schaf­ten.

Der Vor­teil des herr­schen­den Grund­stücks muss zwar grund­stücks­be­zo­gen sein; aus die­ser Grund­stücks­be­zo­gen­heit kön­nen sich jedoch für den Eigen­tü­mer wei­te­re Vor­tei­le erge­ben. So kann ein Wege­recht auch dann vor­teil­haft sein, wenn der Eigen­tü­mer des herr­schen­den Grund­stücks tat­säch­lich die Mög­lich­keit hat, ein dazwi­schen lie­gen­des Grund­stück zu über­que­ren [9]. Der Eigen­tü­mer des herr­schen­den Grund­stücks kann daher den Vor­teil wahr­neh­men, von dort aus auch zu wei­te­ren in sei­nem Eigen­tum ste­hen­den Grün­land­flä­chen zu gelan­gen.

Die­ses alt­recht­li­che Wege­recht, für das der Eigen­tü­mer des herr­schen­den Grund­stücks auch jetzt noch die Ein­tra­gung im Grund­buch zuguns­ten des herr­schen­den Flur­stücks und zu Las­ten der die­nen­den Grund­stü­cke bean­tra­gen kann (auch Flur­stü­cke als Tei­le einer bestimm­ten Nr. des Bestands­ver­zeich­nis­ses in den Grund­bü­chern kön­nen Gegen­stand einer Grund­dienst­bar­keit sein, vgl. § 7 II GBO), berech­tigt die­sen aller­dings nicht, die Besei­ti­gung von Zäu­nen oder Absper­run­gen auf dem Pri­vat­grund­stück des Beklag­ten zu ver­lan­gen. Denn an dem streit­be­fan­ge­nen Wege­stück besteht gera­de kein Gemein­ge­brauch, und der Eigen­tü­mer des die­nen­den Grund­stücks darf sei­ne Grund­stü­cke ein­zäu­nen. Er muss dem Eigen­tü­mer des herr­schen­den Grund­stücks mit sei­nen Fahr­zeu­gen und Gerä­ten ledig­lich die Durch­fahrt ermög­li­chen. Soll­ten die Absper­run­gen künf­tig wie­der mit einem Schloss ver­se­hen wer­den, muss dem Eigen­tü­mer des herr­schen­den Grund­stücks ein Schlüs­sel aus­ge­hän­digt wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Urteil vom 20. August 2014 – 7 U 2/​14 (L)

  1. Nach­weis bei Linckelmann/​Fleck, Han­no­ver­sche Pri­vat­recht nach dem Inkraft­tre­ten des BGB, 1903, S. 145, 147[]
  2. Palandt/​Bassenge, BGB, 73. Aufl.2014, Art. 187 EGBGB Rn. 3[]
  3. das preu­ßi­sche ALR wur­de nach 1866 für die gemein­recht­li­chen Gebie­te nicht mehr ein­ge­führt[]
  4. Wind­scheid, Lehr­buch der Pan­dek­ten, Bd. 1, 5. Aufl., 1882, S. 685[]
  5. vgl. Gre­fe, Han­no­vers Recht, 3. Aufl., Bd. II, 1861, S. 320 bis 323; Dern­burg, Preu­ßi­sches Pri­vat­recht, Bd. I, 4. Aufl., 1884, S. 431[]
  6. Geset­zes­samm­lung für das König­reich Han­no­ver I S. 45[]
  7. Abdruck als noch gül­tig auch bei Linckelmann/​Fleck, a. a. O., S. 781[]
  8. Palandt/​Bassenge, a. a. O., § 1018 Rn. 11[]
  9. Staudinger/​Mayer, Neubearb.2009, § 1019 Rn. 6[]