Ersit­zung gestoh­le­ner Kunst­wer­ke

Für die Ersit­zung eines Kunst­werks gilt die sich aus § 937 BGB erge­ben­de Beweis­last­ver­tei­lung auch dann, wenn das Kunst­werk einem frü­he­ren Eigen­tü­mer gestoh­len wur­de.

Ersit­zung gestoh­le­ner Kunst­wer­ke

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hofs auf die Kla­ge eines Enkels des 1966 ver­stor­be­nen Malers Hans Purr­mann, von dem die streit­ge­gen­ständ­li­chen Gemäl­de stam­men sol­len, gegen deren jet­zi­gen Besit­zer, einen Auto­tei­le-Groß­händ­ler ohne beson­de­re Kunst­kennt­nis­se. Im Juni 2009 wand­te sich die Toch­ter des Besit­zers an ein Auk­ti­ons­haus in Luzern, um die Gemäl­de zu ver­äu­ßern bzw. ver­stei­gern zu las­sen. Ein Mit­ar­bei­ter des Auk­ti­ons­hau­ses besich­tig­te die Gemäl­de in des­sen Betrieb und wand­te sich anschlie­ßend an die Poli­zei. Die Staats­an­walt­schaft lei­te­te dar­auf­hin ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen den Besit­zer wegen Ver­dachts der Heh­le­rei ein, in des­sen Rah­men die Bil­der beschlag­nahmt wur­den. Nach­dem das Ver­fah­ren gemäß § 170 Abs. 2 StPO ein­ge­stellt wor­den war, hin­ter­leg­te die Staats­an­walt­schaft die Gemäl­de Anfang 2010 beim Amts­ge­richt.

Der Erbe des Malers behaup­tet, es hand­le sich um die Ori­gi­nal­ge­mäl­de „Frau im Ses­sel” aus dem Jahr 1924 und „Blu­men­strauß” aus dem Jahr 1939 des Malers Hans Purr­mann, die die­ser sei­ner Toch­ter, der Mut­ter des hier kla­gen­den Enkels, geschenkt habe und die im Wege der Erb­fol­ge in das Eigen­tum des Enkels und sei­ner Schwes­ter, die dem Enkel ihre Ansprü­che abge­tre­ten habe, über­ge­gan­gen sei­en; die­se Gemäl­de sei­en neben wei­te­ren Bil­dern im Jah­re 1986 bei einem Ein­bruch in das Anwe­sen sei­ner Eltern ent­wen­det wor­den. Der Besit­zer behaup­tet, er habe die Gemäl­de mut­maß­lich 1986 oder 1987 von sei­nem Stief­va­ter geschenkt bekom­men, der die­se nach eige­nem Bekun­den von einem Anti­qui­tä­ten­händ­ler oder ‑samm­ler in Din­kels­bühl erwor­ben habe. Die Gemäl­de waren zunächst in sei­nem Pri­vat­haus und anschlie­ßend im Betrieb auf­ge­hängt. Spä­ter wur­den sie in einem Schrank im obe­ren Stock­werk des Betriebs­ge­bäu­des ver­wahrt.

Das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Land­ge­richt Ans­bach hat die Kla­ge abge­wie­sen und der Wider­kla­ge statt­ge­ge­ben 1; das Ober­lan­des­ge­richt Nürn­berg hat die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung des Enkels zurück­ge­wie­sen 2. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das ange­foch­te­ne Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­lan­des­ge­richt Nürn­berg zurück­ver­wie­sen:

Nach § 937 Abs. 1 BGB erwirbt der­je­ni­ge, der eine beweg­li­che Sache zehn Jah­re im Eigen­be­sitz hat, das Eigen­tum. Die Ersit­zung ist aber nach § 937 Abs. 2 BGB aus­ge­schlos­sen, wenn der Erwer­ber bei dem Erwerb des Eigen­be­sit­zes nicht in gutem Glau­ben ist oder wenn er spä­ter erfährt, dass ihm das Eigen­tum nicht zusteht.

Die Beweis­last für den zehn­jäh­ri­gen Eigen­be­sitz an der Sache trifft den­je­ni­gen, der sich auf die Ersit­zung beruft, wäh­rend die Vor­aus­set­zun­gen des Absat­zes 2 von dem­je­ni­gen zu bewei­sen sind, der die Ersit­zung bestrei­tet und die Her­aus­ga­be der Sache ver­langt.

Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied nun, dass dies ent­ge­gen einer in der Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ver­tre­te­nen Ansicht auch in dem Fall gilt, dass sich der auf Her­aus­ga­be ver­klag­te Besit­zer auf den Erwerb des Eigen­tums durch Ersit­zung gegen­über dem frü­he­ren Besit­zer der Sache beruft, dem die Sache gestoh­len wor­den, ver­lo­ren gegan­gen oder sonst abhan­den gekom­men ist. Dies folgt für den BGH dar­aus, dass der Gesetz­ge­ber die Rege­lung des § 937 BGB gera­de in Anse­hung gestoh­le­ner oder ver­lo­ren gegan­ge­ner Sachen für erfor­der­lich gehal­ten und sich bewusst dafür ent­schie­den hat, den guten Glau­ben des Ersit­zen­den nicht zur Vor­aus­set­zung der Ersit­zung zu machen, son­dern ledig­lich für den Fall des bösen Glau­bens eine Aus­nah­me zu bestim­men.

Aller­dings trifft den auf Her­aus­ga­be ver­klag­ten Besit­zer einer dem frü­he­ren Besit­zer gestoh­le­nen, ver­lo­ren gegan­ge­nen oder sonst abhan­den gekom­me­nen Sache regel­mä­ßig eine sekun­dä­re Dar­le­gungs­last für sei­nen guten Glau­ben bei dem Erwerb des Eigen­be­sit­zes. Hat der frü­he­re Besit­zer die von dem auf ver­klag­ten Besit­zer behaup­te­ten Umstän­de des Erwerbs der Sache wider­legt, sind die Vor­aus­set­zun­gen von § 937 Abs. 2 BGB als bewie­sen anzu­se­hen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben, weil es an einer auf den kon­kre­ten Vor­trag des Beklag­ten bezo­ge­nen tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung fehl­te, ob der behaup­te­te Erwerbs­vor­gang als wider­legt anzu­se­hen ist oder nicht, sowie wegen wei­te­rer Ver­fah­rens­feh­ler des Ober­lan­des­ge­richts.

Dabei hat der Bun­des­ge­richts­hof fer­ner klar­ge­stellt, dass eine gene­rel­le, auch Lai­en auf dem Gebiet der Kunst und des Kunst­han­dels tref­fen­de Pflicht zur Nach­for­schung bei dem Erwerb eines Kunst­werks als Vor­aus­set­zung für den guten Glau­ben nach § 937 Abs. 2 BGB nicht besteht; der Erwer­ber kann aber bös­gläu­big sein, wenn beson­de­re Umstän­de sei­nen Ver­dacht erre­gen muss­ten und er die­se unbe­ach­tet lässt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Juli 2019- V ZR 255/​17

  1. LG Ans­bach, Urteil vom 11.09.2015 – 2 O 891/​14
  2. OLG Nürn­berg, Urteil vom 06.09.2017 – 12 U 2086/​15