Erst die Frist­be­rech­nung, dann das Emp­fangs­be­kennt­nis

Der Rechts­an­walt darf das Emp­fangs­be­kennt­nis nur unter­zeich­nen und zurück­ge­ben, wenn sicher­ge­stellt ist, dass in den Hand­ak­ten die Rechts­mit­tel­frist fest­ge­hal­ten und ver­merkt ist, dass die Frist im Fris­ten­ka­len­der notiert wor­den ist.

Erst die Frist­be­rech­nung, dann das Emp­fangs­be­kennt­nis

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs darf der Rechts­an­walt das Emp­fangs­be­kennt­nis über eine Urteils­zu­stel­lung nur unter­zeich­nen und zurück­ge­ben, wenn sicher­ge­stellt ist, dass in den Hand­ak­ten die Rechts­mit­tel­frist fest­ge­hal­ten und ver­merkt ist, dass die Frist im Fris­ten­ka­len­der notiert wor­den ist 1. Beschei­nigt der Rechts­an­walt den Emp­fang eines ohne Hand­ak­ten vor­ge­leg­ten Urteils, so erhöht sich damit die Gefahr, dass die Frist­no­tie­rung unter­bleibt und dies erst nach Frist­ab­lauf bemerkt wird. Um die­ses Risi­ko aus­zu­schlie­ßen, muss der Anwalt, falls er nicht selbst unver­züg­lich die not­wen­di­gen Ein­tra­gun­gen in der Hand­ak­te und im Fris­ten­ka­len­der vor­nimmt, durch eine beson­de­re Ein­zel­an­wei­sung die erfor­der­li­chen Ein­tra­gun­gen ver­an­las­sen. Auf all­ge­mei­ne Anord­nun­gen darf er sich in einem sol­chen Fall nicht ver­las­sen 2. Weist er sei­ne Büro­kraft im Ein­zel­fall münd­lich an, die Rechts­mit­tel­frist ein­zu­tra­gen, müs­sen aus­rei­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen dafür getrof­fen sein, dass die­se Anwei­sung nicht in Ver­ges­sen­heit gerät 3.

Durch wel­che all­ge­mei­nen orga­ni­sa­to­ri­schen Maß­nah­men in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin gewähr­leis­tet ist, dass bei Urteils­zu­stel­lun­gen nach Unter­zeich­nung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses durch Rechts­an­walt H. die Ein­tra­gung der Beru­fungs­frist erfolgt und nicht in Ver­ges­sen­heit gerät, zeigt die Rechts­be­schwer­de nicht auf. Sie macht auch nicht gel­tend, dass Rechts­an­walt H. am 13. März 2009 eine Ein­zel­an­wei­sung zur Frist­no­tie­rung erteilt habe und die Aus­füh­rung einer sol­chen Anwei­sung durch all­ge­mei­ne orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men sicher­ge­stellt gewe­sen sei. Mit­hin hat Rechts­an­walt H. die ihm oblie­gen­de Sorg­falts­pflicht ver­letzt, als er am 13. März 2009 das Emp­fangs­be­kennt­nis unter­zeich­net und zurück­ge­ge­ben hat, ohne aus­rei­chen­de Vor­keh­run­gen für die Notie­rung der Rechts­mit­tel­frist getrof­fen zu haben.

Bei die­ser Sach­la­ge kann offen blei­ben, ob Rechts­an­walt H. auch im Rah­men der Zustel­lung der voll­streck­ba­ren Aus­fer­ti­gung des erst­in­stanz­li­chen Urteils eine Sorg­falts­pflicht­ver­let­zung vor­zu­wer­fen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Febru­ar 2010 – VI ZB 58/​09

  1. BGH, Beschlüs­se vom 26.03.1996 – VI ZB 1/​96 und VI ZB 2/​96, VersR 1996, 1390; vom 12.01.2010 – VI ZB 64/​09; und vom 30.11.1994 – XII ZB 197/​94, BGHR ZPO § 233 – Emp­fangs­be­kennt­nis 1 m.w.N.[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.03.1992 – XII ZR 268/​91, VersR 1992, 1536; vom 16.09.1993 – VII ZB 20/​93, VersR 1994, 371; und vom 30.11.1994 – XII ZB 197/​94, a.a.O.[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.09.2002 – VI ZR 419/​01, VersR 2003, 792, 793; vom 04.11.2003 – VI ZB 50/​03, VersR 2005, 94, 95; vom 5. Novem­ber 2002 – VI ZR 399/​01, BGHR ZPO § 233 [Emp­fangs­be­kennt­nis 6]; und vom 27.09.2007 – IX ZA 14/​07, AnwBl 2008, 71[]