Erst­in­stanz­li­che Beweis­wür­di­gung – und ihre Über­prü­fung durch das Berufungsgericht

Das Beru­fungs­ge­richt ist nicht schon dann nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO an die Beweis­wür­di­gung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts gebun­den, wenn die­se voll­stän­dig und recht­lich mög­lich ist und nicht gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze verstößt.

Erst­in­stanz­li­che Beweis­wür­di­gung – und ihre Über­prü­fung durch das Berufungsgericht

Auch ver­fah­rens­feh­ler­frei getrof­fe­ne Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen sind – anders als in der Revi­si­ons­in­stanz (§ 559 Abs. 2 ZPO) – für das Beru­fungs­ge­richt nicht bin­dend, wenn kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür bestehen, dass die Fest­stel­lun­gen unvoll­stän­dig oder unrich­tig sind1.

Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der erst­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen kön­nen sich ins­be­son­de­re auch dar­aus erge­ben, dass das Beru­fungs­ge­richt das Ergeb­nis einer erst­in­stanz­li­chen Beweis­auf­nah­me anders wür­digt als das Gericht der Vor­in­stanz. Wenn sich das Beru­fungs­ge­richt von der Rich­tig­keit der erst­in­stanz­li­chen Beweis­wür­di­gung nicht zu über­zeu­gen ver­mag, so ist es an die erst­in­stanz­li­che Beweis­wür­di­gung, die es auf­grund kon­kre­ter Anhalts­punk­te nicht für rich­tig hält, nicht gebun­den, son­dern zu einer erneu­ten Tat­sa­chen­fest­stel­lung nicht nur berech­tigt, son­dern ver­pflich­tet2.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Juli 2020 – V ZR 250/​19

  1. vgl. BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 257/​03, BGHZ 158, 269, 275; Urteil vom 19.07.2019 – V ZR 255/​17, NJW 2019, 3147 Rn. 65; BGH, Urteil vom 09.03.2005 – VIII ZR 266/​03, BGHZ 162, 313, 316 f.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.03.2005 – VIII ZR 266/​03, BGHZ 162, 313, 317; BGH, Urteil vom 19.07.2019 – V ZR 255/​17, aaO[]

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