Erstinstanzliche Zeugenvernehmen und die Beweislastentscheidung in der Berufungsinstanz

Das Berufungsgericht ist nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO grundsätzlich an die Tatsachenfeststellungen des Gerichts des ersten Rechtszuges gebunden. Bestehen allerdings Zweifel an der Richtigkeit und Vollständigkeit der entscheidungserheblichen Feststellungen im erstinstanzlichen Urteil, ist in aller Regel eine erneute Beweisaufnahme geboten1.

Erstinstanzliche Zeugenvernehmen und die Beweislastentscheidung in der Berufungsinstanz

Zweifel in diesem Sinne bestehen, wenn das Berufungsgericht auf der Grundlage des Ergebnisses der Beweisaufnahme eine Beweislastentscheidung treffen will, sich das erstinstanzliche Gericht zur Glaubhaftigkeit der Aussagen von ihm vernommener Zeugen jedoch nicht geäußert hat und außer der Möglichkeit entgegengesetzter Interessen der Zeugen am Ausgang des Rechtsstreits eindeutige objektive Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit der einen oder anderen Aussage fehlen2. Sieht das Berufungsgericht unter solchen Umständen von der Wiederholung der Beweisaufnahme ab, liegt darin ein nach Art. 103 Abs. 1 GG relevanter Verstoß gegen § 529 Abs. 1 Nr. 1, § 398 Abs. 1 ZPO3.

Da schon in der fehlerhaften Anwendung der § 529 Abs. 1 Nr. 1, § 398 Abs. 1 ZPO eine im Sinne des § 544 Abs. 7 ZPO relevante Gehörsverletzung liegt, auf der das Berufungsurteil beruht, kann im hier entschiedenen Fall offenbleiben, ob es einen Verstoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG darstellt, wenn das Gericht unzureichenden Vortrag einer sekundär darlegungspflichtigen Partei nicht als Geständnis im Sinne des § 138 Abs. 3 ZPO wertet4.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 25. Juni 2013 – XI ZR 210/12

  1. vgl. BVerfG, NJW 2005, 1487; NJW 2011, 49 Rn. 14; BGH, Beschluss vom 09.02.2010 – XI ZR 140/09, BKR 2010, 515, 516; BGH, Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 5; und Beschluss vom 21.03.2012 – XII ZR 18/11, NJW-RR 2012, 704 Rn. 6[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 13.07.2012 – V ZR 254/11, WM 2013, 666 Rn. 10; Urteil vom 08.02.1985 – V ZR 253/83, NJW-RR 1986, 285 f.[]
  3. vgl. BVerfG, NJW 2005, 1487; BGH, Beschluss vom 09.02.2010 – XI ZR 140/09, BKR 2010, 515, 516; BGH, Beschluss vom 05.04.2006 – IV ZR 253/05, VersR 2006, 949 Rn. 1 f.; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 4; und Beschluss vom 21.03.2012 – XII ZR 18/11, NJW-RR 2012, 704 Rn. 6[]
  4. offen BVerfG, NJW 1994, 848, 849[]