Erwerbs­ob­lie­gen­heit und Kin­der­be­treu­ung in der Wohl­ver­hal­tens­pha­se

Dem Schuld­ner obliegt es gemäß § 295 InsO zur Errei­chung der Rest­schuld­be­frei­ung unter ande­rem wäh­rend der Lauf­zeit der Abtre­tungs­er­klä­rung, sich um eine ange­mes­se­ne Erwerbs­tä­tig­keit zu bemü­hen. Ob und in wel­chem Umfang ein Schuld­ner neben einer von ihm über­nom­me­nen Kin­der­be­treu­ung erwerbs­tä­tig sein muss, ist dabei nach einer neu­en Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs anhand der zu § 1570 BGB ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be zu bestim­men.

Erwerbs­ob­lie­gen­heit und Kin­der­be­treu­ung in der Wohl­ver­hal­tens­pha­se

Die Erwerbs­ob­lie­gen­heit des Schuld­ners ent­fällt, wenn ihm die Auf­nah­me einer beruf­li­chen Tätig­keit auf­grund der Umstän­de des Ein­zel­falls nicht zuge­mu­tet wer­den kann 1. Dies kann auch im Hin­blick auf die Betreu­ung min­der­jäh­ri­ger Kin­der in Betracht kom­men 2. Die Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs zu § 295 (§ 244 RegE) InsO nennt als Bei­spiel aus­drück­lich die Betreu­ung von Klein­kin­dern durch die Mut­ter 3. Hier­an anknüp­fend wird daher im Schrift­tum zu Recht die Ansicht ver­tre­ten, dass die Fra­ge, ob und in wel­chem Umfang ein Schuld­ner neben einer von ihm über­nom­me­nen Kin­der­be­treu­ung erwerbs­tä­tig sein muss, in ers­ter Linie nach den spe­zi­el­le­ren fami­li­en­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen zu bestim­men ist. Als Grund­la­ge der Beur­tei­lung sind die zu § 1570 BGB ent­wi­ckel­ten fami­li­en­recht­li­chen Maß­stä­be her­an­zu­zie­hen 4. Nach der für den hier in Rede ste­hen­den Zeit­raum maß­geb­li­chen Recht­spre­chung besteht bei der Betreu­ung eines Kin­des bis zum ach­ten Lebens­jahr grund­sätz­lich kei­ne Erwerbs­ob­lie­gen­heit 5. Im Ein­zel­fall kann dies nach den kon­kre­ten Umstän­den auch für die Betreu­ung eines Kin­des bis zum elf­ten Lebens­jahr zutref­fen 6. Bei einem Kind, das zwi­schen acht und elf Jah­ren alt ist, kommt es bei der Fra­ge, ob der Schuld­ner zumin­dest eine Teil­zeit-Erwerbs­tä­tig­keit aus­üben muss, wie­der­um auf die Umstän­de des Ein­zel­falls an 7.

Aller­dings führt ein Ver­stoß gegen die­se Erwerbs­ob­lie­gen­heit nicht in jedem Fall zu einer Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung:
Soll­te aus einer zumut­ba­ren Tätig­keit kein pfänd­ba­res Ein­kom­men erziel­bar gewe­sen sein, fehlt es aller­dings an der für § 295 Abs. 1 InsO maß­geb­li­chen kon­kre­ten Beein­träch­ti­gung der Gläu­bi­ger 8. Nach § 296 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 1 InsO recht­fer­tigt ein Ver­stoß gegen eine der in § 295 InsO auf­ge­führ­ten Oblie­gen­hei­ten die Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung nur, wenn dadurch die Befrie­di­gung der Insol­venz­gläu­bi­ger beein­träch­tigt wird. Deren Schlech­ter­stel­lung muss kon­kret mess­bar sein; eine blo­ße Gefähr­dung der Befrie­di­gungs­aus­sich­ten der Insol­venz­gläu­bi­ger reicht nicht aus 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Dezem­ber 2009 – IX ZB 139/​07

  1. FK-InsO/Ah­rens, 5. Aufl. § 295 Rn. 30 f; HK-InsO/ Land­fer­mann, aaO § 295 Rn. 5; Münch­Komm-InsO/Ehri­cke, 2. Aufl. § 295 Rn. 45, Hmb­Komm-InsO/S­treck, 3. Aufl., § 295 Rn. 9[]
  2. Uhlenbruck/​Val­len­der, InsO 12. Aufl. § 295 Rn. 27; Hmb­Komm-InsO/S­treck, aaO[]
  3. BT-Drs. 12/​2443 S. 192[]
  4. FK-InsO/Ah­rens, aaO § 295 Rn. 35; Graf-Schli­cker/K­e­xel, InsO § 295 Rn. 8; Münch­Komm-InsO/Ehri­cke, aaO § 295 Rn. 46; G. Pape in Mohrbutter/​Ringstmeier, Hand­buch der Insol­venz­ver­wal­tung § 17 Rn. 134[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.07.1992 – XII ZR 57/​91, NJW 1992, 3164, 3165 f; vom 30.11.1994 – XII ZR 226/​93, NJW 1995, 1148, 1149[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 21.12.1988 – IVb ZR 18/​88, NJW 1989, 1083, 1084[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 16.04.1997 – XII ZR 293/​95, Fam­RZ 1997, 873, 874 ff[]
  8. FK-InsO/Ah­rens, aaO § 295 Rn. 35[]
  9. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 05.04.2006 – IX ZB 50/​05, NZI 2006, 413; vom 08.02.2007 – IX ZB 88/​06, WM 2007, 661, 662 Rn. 5[]