Erzwin­gungs­haft in der Zwangs­voll­stre­ckung – und die Teil­zah­lung

Die Auf­he­bung eines gemäß § 802g ZPO erlas­se­nen Haft­be­fehls kommt nicht bereits bei der Erbrin­gung von Teil­leis­tun­gen, son­dern allen­falls bei der Bewir­kung der voll­stän­di­gen nach dem Voll­stre­ckungs­ti­tel geschul­de­ten Leis­tung ein­schließ­lich der Kos­ten nach § 788 ZPO in Betracht.

Erzwin­gungs­haft in der Zwangs­voll­stre­ckung – und die Teil­zah­lung

Dies gilt auch dann, wenn der Gläu­bi­ger sei­nen Voll­stre­ckungs­auf­trag auf einen Teil­be­trag der titu­lier­ten For­de­rung beschränkt hat und der Schuld­ner die­sen Teil­be­trag zur Abwen­dung der kon­kre­ten Voll­stre­ckungs­maß­nah­me bezahlt.

Die von einem Schuld­ner ange­streb­te Auf­he­bung eines gemäß § 802g ZPO erlas­se­nen Haft­be­fehls kommt nicht bereits bei der Erbrin­gung von Teil­leis­tun­gen, son­dern allen­falls bei der Bewir­kung der voll­stän­di­gen nach dem Voll­stre­ckungs­ti­tel geschul­de­ten Leis­tung ein­schließ­lich der Kos­ten nach § 788 ZPO in Betracht 1.

Der Haft­be­fehl ist nicht des­halb auf­zu­he­ben, weil die Gläu­bi­ge­rin den Erlass des Haft­be­fehls bean­tragt hat, um die Abga­be einer Ver­mö­gens­aus­kunft gemäß § 802c ZPO wegen einer Teil­for­de­rung (hier: in Höhe von 50.000 €) zu erzwin­gen, und die Schuld­ne­rin nach Erlass des Haft­be­fehls einen die­se Sum­me von 50.000 € über­stei­gen­den Betrag an die Gläu­bi­ge­rin gezahlt hat.

Aller­dings wird ver­tre­ten, dass ein gemäß § 802g ZPO erlas­se­ner Haft­be­fehl (voll­stän­dig) ver­braucht ist, wenn der Gläu­bi­ger sei­nen Voll­stre­ckungs­auf­trag auf einen Teil­be­trag der titu­lier­ten For­de­rung beschränkt hat und der Schuld­ner die­sen Teil­be­trag zur Abwen­dung der kon­kre­ten Voll­stre­ckungs­maß­nah­me bezahlt 2.

Dem kann nicht zuge­stimmt wer­den. Durch die teil­wei­se Erfül­lung der titu­lier­ten For­de­rung wäh­rend des Voll­stre­ckungs­ver­fah­rens kann die vom Beschwer­de­füh­rer mit sei­nem in Rede ste­hen­den Rechts­mit­tel ange­streb­te Auf­he­bung des Haft­be­fehls im Sin­ne von § 802g ZPO auch dann nicht erreicht wer­den, wenn der Gläu­bi­ger sei­nen Voll­stre­ckungs­auf­trag auf einen Teil der titu­lier­ten For­de­rung beschränkt und der Schuld­ner eine Teil­leis­tung in ent­spre­chen­der Höhe bewirkt hat 3.

Dies ergibt sich aus rechts­sys­te­ma­ti­schen Grün­den. Das Zivil­pro­zess­recht ist vom Grund­satz der Tren­nung von Erkennt­nis- und Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren gekenn­zeich­net, wonach das Voll­stre­ckungs­or­gan den durch den Voll­stre­ckungs­ti­tel urkund­lich aus­ge­wie­se­nen Anspruch des Gläu­bi­gers gegen den Schuld­ner nicht zu über­prü­fen hat 4. Dem­nach hat das Voll­stre­ckungs­or­gan mate­ri­ell­recht­li­che Ein­wän­de grund­sätz­lich nicht zu beach­ten 5. Wenn der Schuld­ner Ein­wen­dun­gen gegen das Fort­be­stehen des titu­lier­ten Anspruchs hat, sind die­se viel­mehr grund­sätz­lich im Wege der Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge gemäß § 767 ZPO gel­tend zu machen 6.

Abwei­chend hier­von ermög­licht es § 775 Nr. 4 und 5 ZPO im Inter­es­se bei­der Par­tei­en, dass ins­be­son­de­re der Erfül­lungs­ein­wand vom Schuld­ner bereits gegen­über dem Voll­stre­ckungs­or­gan gel­tend gemacht wer­den kann und schon in die­sem Ver­fah­rens­sta­di­um – wenn auch gemäß § 776 Satz 2 ZPO nur vor­läu­fig – Berück­sich­ti­gung fin­det, sofern der Gläu­bi­ger die Befrie­di­gung durch den Schuld­ner nicht bestrei­tet 7. Aus dem Zusam­men­hang zwi­schen § 776 Satz 2 ZPO und § 775 ZPO folgt, dass eine vom Gläu­bi­ger nicht bestrit­te­ne Befrie­di­gung der titu­lier­ten For­de­rung nicht zur Auf­he­bung ange­ord­ne­ter Voll­stre­ckungs­maß­nah­men führt, son­dern ledig­lich zur einst­wei­li­gen Ein­stel­lung des Ver­fah­rens 8. Dies gilt auch bei einer voll­stän­di­gen Erfül­lung der titu­lier­ten For­de­rung 9 und damit erst recht, wenn der Schuld­ner ledig­lich Teil­leis­tun­gen erbringt. In einem sol­chen Fall ist die Zwangs­voll­stre­ckung ledig­lich ent­spre­chend zu beschrän­ken und im Übri­gen fort­zu­set­zen 10. Der Nach­weis der Zah­lung führt also nur zur Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung und damit im Hin­blick auf die hier in Rede ste­hen­de Voll­stre­ckungs­maß­nah­me zur Ein­stel­lung der Voll­zie­hung des Haft­be­fehls, sofern der Gläu­bi­ger dem Ein­wand der Erfül­lung nicht wider­spricht 11.

Dem­entspre­chend kann eine Teil­leis­tung ent­spre­chend einer vom Gläu­bi­ger – unter Ver­zicht auf sein gemäß § 266 BGB bestehen­des Recht, kei­ne Teil­leis­tun­gen ent­ge­gen­neh­men zu müs­sen 12 – vor­ge­nom­me­nen Beschrän­kung des Voll­stre­ckungs­auf­trags nicht zur Auf­he­bung des Haft­be­fehls wegen Ver­brauchs des Titels füh­ren, wie sie der Beschwer­de­füh­rer im Streit­fall erstrebt hat, son­dern allen­falls dazu, dass der Haft­be­fehl bis zu einem erneu­ten Voll­stre­ckungs­auf­trag des Gläu­bi­gers nicht voll­zo­gen wird 13.

Nichts ande­res ergibt sich res aus der Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis des Gläu­bi­gers und dem Zweck des Haft­be­fehls im Sin­ne von § 802g ZPO. Die Ein­schrän­kung des Voll­stre­ckungs­auf­trags auf einen Teil der titu­lier­ten For­de­rung durch den Gläu­bi­ger rich­tet sich an den Gerichts­voll­zie­her und wird aus des­sen maß­geb­li­cher Sicht regel­mä­ßig nicht den Erklä­rungs­wert haben, dass nicht nur der Voll­zug, son­dern sogar der Bestand des Haft­be­fehls von der Erbrin­gung einer Teil­leis­tung abhän­gen soll 14. Außer­dem ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Zweck des Voll­stre­ckungs­ver­fah­rens grund­sätz­lich die Durch­set­zung der gesam­ten titu­lier­ten For­de­rung und nicht nur eines Teil­be­trags ist. Wenn der Gläu­bi­ger unter Ver­zicht auf sein Recht gemäß § 266 BGB, kei­ne Teil­leis­tun­gen ent­ge­gen­neh­men zu müs­sen, einen Voll­stre­ckungs­auf­trag für eine Teil­leis­tung erteilt, geschieht dies auch im Inter­es­se des Schuld­ners. Die­sem ist es unbe­nom­men, die Gefahr des Voll­zugs des Haft­be­fehls durch Abga­be der Ver­mö­gens­aus­kunft oder durch Zah­lung des Teil­be­trags abzu­wen­den. Wür­de dies dazu füh­ren, dass damit auch der durch das grund­lo­se Fern­blei­ben des Schuld­ners im Ter­min zur Abga­be der Ver­mö­gens­aus­kunft oder sei­ner grund­lo­sen Aus­kunfts­ver­wei­ge­rung not­wen­dig gewor­de­ne Haft­be­fehl in sei­nem Bestand in Fra­ge gestellt wür­de, wäre der Gläu­bi­ger zur Durch­set­zung der gesam­ten titu­lier­ten For­de­rung gezwun­gen und müss­te einen unbe­schränk­ten Antrag auf Ver­mö­gens­aus­kunft und Erlass eines Haft­be­fehls stel­len und den Schuld­ner so mit zusätz­li­chen Kos­ten belas­ten 15. Damit wäre weder dem Inter­es­se des Gläu­bi­gers noch dem Inter­es­se des Schuld­ners gedient.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. März 2018 – I ZB 54/​17

  1. vgl. Pau­lus in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 802g Rn. 14; Ster­nal in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf aaO § 802g ZPO Rn. 31; Hart­mann in Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 76. Aufl., § 802g Rn. 14; Wür­din­ger in Stein/​Jonas, ZPO, 23. Aufl., § 802g Rn. 43; MünchKomm-.ZPO/Wagner aaO § 802g Rn. 9; vgl. auch § 143 Abs. 2 Satz 2 GVGA[]
  2. LG Bonn, DGVZ 1987, 28 f.; LG Bie­le­feld, DGVZ 1988, 14; AG Sie­gen, DGVZ 1988, 121; LG Frei­burg, DGVZ 1992, 15; Mümm­ler, Jur­Bü­ro 1988, 928[]
  3. vgl. LG Sta­de, DGVZ 1988, 28, 29; LG Frank­furt am Main, DGVZ 2000, 171 f.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 13.07.2017 – I ZB 103/​16, NJW 2018, 399 Rn. 13[]
  5. vgl. Preuß in BeckOK.ZPO, Stand 1.12 2017, § 775 Rn.19[]
  6. BGH, Beschluss vom 15.10.2015 – V ZB 62/​15, NJW-RR 2016, 317 Rn. 14[]
  7. BGH, NJW-RR 2016, 317 Rn. 10 ff., 14[]
  8. BGH, NJW-RR 2016, 317 Rn. 17[]
  9. Zöller/​Geimer aaO § 775 Rn. 7; Preuß in BeckOK.ZPO aaO § 775 Rn.20; MünchKomm-.ZPO/K. Schmidt/​Brinkmann aaO § 775 Rn. 21; Hand­ke in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf aaO § 775 ZPO Rn. 18[]
  10. Lack­mann in Musielak/​Voit aaO § 775 Rn. 7; Zöller/​Geimer aaO § 775 Rn. 7; Preuß in BeckOK.ZPO aaO § 775 Rn.20; MünchKomm-.ZPO/K. Schmidt/​Brinkmann aaO § 775 Rn. 21[]
  11. vgl. Zöller/​Seibel aaO § 802g Rn. 14[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 29.03.2007 – V ZB 160/​06, NJW 2007, 3645 Rn. 12[]
  13. vgl. LG Sta­de, DGVZ 1988, 28, 29; LG Frank­furt am Main, DGVZ 2000, 171 f.; Zöller/​Seibel aaO § 802g Rn.20; Fleck in BeckOK.ZPO aaO § 802g Rn. 26; Wür­din­ger in Stein/​Jonas aaO § 802g Rn. 43; Pau­lus in Wieczorek/​Schütze aaO § 802g Rn. 14[]
  14. vgl. LG Sta­de, DGVZ 1988, 28, 29[]
  15. vgl. LG Frank­furt am Main, DGVZ 2000, 171, 172; Anmer­kun­gen der Schrift­lei­tung zu LG Bie­le­feld, DGVZ 1988, 14; Anmer­kun­gen der Schrift­lei­tung zu AG Sie­gen, DGVZ 1988, 121; Anmer­kun­gen der Schrift­lei­tung zu LG Frei­burg, DGVZ 1992, 15[]