Fal­sche Anga­ben bei der PKH-Bewil­li­gung – das "ver­ges­se­ne" Spar­buch

Die Rege­lung des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO, wonach das Gericht die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten- bzw. Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe auf­he­ben soll, wenn der Antrag­stel­ler absicht­lich oder aus gro­ber Nach­läs­sig­keit unrich­ti­ge Anga­ben über die per­sön­li­chen oder wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gemacht hat, ist im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren der Pro­zess- oder Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe nicht ana­log anzu­wen­den.

Fal­sche Anga­ben bei der PKH-Bewil­li­gung – das "ver­ges­se­ne" Spar­buch

Nach § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO soll das Gericht die Bewil­li­gung der Pro­zess- bzw. Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe auf­he­ben, wenn der Antrag­stel­ler absicht­lich oder aus gro­ber Nach­läs­sig­keit unrich­ti­ge Anga­ben über die per­sön­li­chen oder wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gemacht oder eine Erklä­rung nach § 120 a Abs. 1 Satz 3 ZPO nicht oder unge­nü­gend abge­ge­ben hat.

Umstrit­ten ist in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur, ob § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO, der sei­nem Rege­lungs­in­halt nach nur die nach­träg­li­che Auf­he­bung einer Bewil­li­gung wegen fal­scher Anga­ben ermög­licht, ana­log bereits im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren anzu­wen­den ist und auch hier bei min­des­tens grob nach­läs­sig unrich­ti­gen Anga­ben zur Ver­sa­gung führt.

Das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt 1 hat die ana­lo­ge Anwen­dung des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO mit einem Erst-Recht-Schluss begrün­det: Wenn fal­sche Anga­ben sogar die nach­träg­li­che Auf­he­bung der Bewil­li­gung recht­fer­tig­ten, müs­se erst recht die Mög­lich­keit bestehen, Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe aus dem­sel­ben Grund bereits im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren zu ver­sa­gen 2.

Dem­ge­gen­über weist eine Gegen­auf­fas­sung dar­auf hin 3, dass im lau­fen­den Bewil­li­gungs­ver­fah­ren ein dif­fe­ren­zier­tes Instru­men­ta­ri­um zur Ver­fü­gung steht, um den Antrag­stel­ler zu der erfor­der­li­chen Mit­wir­kung anzu­hal­ten, näm­lich ins­be­son­de­re das Ver­lan­gen der Glaub­haft­ma­chung ein­schließ­lich eides­statt­li­cher Ver­si­che­rung, die Anord­nung der Vor­le­gung von Urkun­den und das Ein­ho­len von Aus­künf­ten (§ 118 Abs. 2 ZPO). Auf­grund des­sen feh­le es an einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke; als for­ma­len Ableh­nungs­grund ken­ne das Gesetz bewusst nur die feh­len­de Glaub­haft­ma­chung oder Nicht­be­ant­wor­tung bestimm­ter Fra­gen inner­halb einer von dem Gericht gesetz­ten Frist (§ 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO).

Der Bun­des­ge­richts­hof hält die zuletzt genann­te Auf­fas­sung für zutref­fend.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat die Vor­schrift des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO vor allem Sank­ti­ons­cha­rak­ter. Daher kann das Gericht die Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gung bei absicht­lich oder aus gro­ber Nach­läs­sig­keit gemach­ten fal­schen Anga­ben des Antrag­stel­lers auch dann auf­he­ben, wenn die Bewil­li­gung nicht auf die­sen Anga­ben beruht, sofern die fal­schen Anga­ben jeden­falls gene­rell geeig­net erschei­nen, die Ent­schei­dung über die Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe zu beein­flus­sen 4. Wird eine bewil­lig­te Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe in Anwen­dung die­ser Vor­schrift wider­ru­fen, wirkt sich der Sank­ti­ons­cha­rak­ter dahin aus, dass die staat­li­che Leis­tung nach­träg­lich ent­zo­gen wird und der Antrag­stel­ler zur Erstat­tung der Kos­ten und Aus­la­gen her­an­ge­zo­gen wer­den kann.

Wür­de man den Rechts­ge­dan­ken des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO hin­ge­gen bereits im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren anwen­den und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe wegen fal­scher Anga­ben ver­sa­gen, ergä­be sich eine deut­lich wei­ter rei­chen­de Fol­ge, näm­lich dass das beab­sich­tig­te Ver­fah­ren – wie hier das Schei­dungs­ver­fah­ren – über­haupt nicht geführt wer­den kann, letzt­end­lich also der Zugang zum Rechts­schutz ins­ge­samt ver­sagt bleibt.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat aus dem Sozi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 1 GG) und dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG), spä­ter auch unter aus­drück­li­cher Beru­fung auf den Rechts­staats­grund­satz (Art.20 Abs. 3 GG), die For­de­rung nach einer "weit­ge­hen­den Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten im Bereich des Rechts­schut­zes" abge­lei­tet. Danach darf Unbe­mit­tel­ten die Rechts­ver­fol­gung und ver­tei­di­gung im Ver­gleich zu Bemit­tel­ten nicht unver­hält­nis­mä­ßig erschwert wer­den. Der Unbe­mit­tel­te muss grund­sätz­lich eben­so wirk­sa­men Rechts­schutz in Anspruch neh­men kön­nen wie ein Bemit­tel­ter 5.

Die Ver­sa­gung des Zugangs zum Rechts­schutz kann des­we­gen jeden­falls nicht im Wege der Ana­lo­gie zu einer Vor­schrift her­ge­lei­tet wer­den, die nicht das Ziel der Ver­sa­gung des Rechts­schut­zes ver­folgt, son­dern den Rechts­grund für das Behal­ten­dür­fen einer bereits bewil­lig­ten (Sozial)Leistung besei­tigt.

Daher kommt eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren nicht in Betracht. Die Ver­sa­gungs­grün­de wegen unzu­rei­chen­der Mit­wir­kung im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren sind inso­weit durch § 118 Abs. 2 ZPO abschlie­ßend gere­gelt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. August 2015 – XII ZB 208/​15

  1. KG, Beschluss vom 05.01.2015 – 25 WF 127/​14[]
  2. eben­so OLG Hamm Fam­RZ 2015, 1419; OLG Bam­berg Fam­RZ 2014, 589, 590 f.; LAG Hamm Beschlüs­se vom 30.01.2002 4 Ta 148/​01 juris; und vom 18.03.2003 4 Ta 446/​02 juris; Musielak/​Fischer ZPO 12. Aufl. § 118 Rn. 10[]
  3. OLG Karls­ru­he Fam­RZ 2015, 353; OLG Bran­den­burg Beschluss vom 20.02.2007 – 10 WF 41/​07[]
  4. vgl. BGH Beschluss vom 10.10.2012 – IV ZB 16/​12 Fam­RZ 2013, 124 Rn. 21[]
  5. BVerfGE 122, 39 = Fam­RZ 2008, 2179 Rn. 30 ff. mwN[]