Feh­ler bei der Unter­schrifts­leis­tung und die Wie­der­ein­set­zung

Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand kann nicht gewährt wer­den, wenn trotz Befol­gung der für die Unter­schrif­ten­kon­trol­le bestehen­den Anwei­sun­gen durch das Kanz­lei­per­so­nal die Frist wegen eines Ver­schul­dens des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bei der Unter­schrifts­leis­tung ver­säumt wur­de.

Feh­ler bei der Unter­schrifts­leis­tung und die Wie­der­ein­set­zung

Ist eine Kanz­lei­an­ord­nung nicht geeig­net, den kon­kre­ten Feh­ler des Rechts­an­walts (hier die Unter­zeich­nung des fal­schen Schrift­stücks) bei einem nor­ma­len Ver­lauf der Din­ge auf­zu­fan­gen, ist das Anwalts­ver­schul­den bei der Unter­schrifts­leis­tung als für die ver­säum­te Frist ursäch­lich anzu­se­hen und bei einer wer­ten­den Betrach­tung wei­ter­hin dem Anwalt und nicht (allein) dem Büro­per­so­nal zuzu­rech­nen.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Rechts­an­walt statt der Beru­fungs­be­grün­dung einen Anla­ge bei­gefüg­ten Schrift­satz unter­schrie­ben. Der Bun­des­ge­richts­hof sah hier­in ein die Wie­der­ein­set­zung aus­schlie­ßen­des Anwalts­ver­schul­den:

Die Unter­schrifts­leis­tung "an der fal­schen Stel­le" beruht nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auf einem Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ger. Ein Rechts­an­walt, der für den man­gel­frei­en Zustand der aus sei­ner Kanz­lei her­aus­ge­hen­den Schrift­sät­ze – ein­schließ­lich einer erfor­der­li­chen Unter­schrift nach § 130 Nr. 6 ZPO – zu sor­gen hat 1, han­delt nicht nur dann schuld­haft, wenn er einen ihm zur Unter­schrift vor­ge­leg­ten Schrift­satz ver­se­hent­lich nicht unter­schreibt 2, son­dern auch, wenn er zwar die Unter­schrift leis­tet, dabei jedoch ver­se­hent­lich nicht den bestim­men­den Schrift­satz, son­dern eine bei­gefüg­te Anla­ge unter­schreibt. Zu den Sorg­falts­pflich­ten des Rechts­an­walts gehört es näm­lich auch, sich zu ver­ge­wis­sern, dass die Unter­schrift auf das rich­ti­ge Schrift­stück (hier die Beru­fungs­be­grün­dung) gesetzt wird 3.

Auch bejaht der Bun­des­ge­richts­hof die Mit­ur­säch­lich­keit des Anwalts­ver­schul­dens für die Frist­ver­säu­mung. Die Kau­sa­li­tät des Ver­se­hens des Rechts­an­walts ergibt sich – unab­hän­gig von einem etwai­gen wei­te­ren Ver­schul­den der Kanz­lei­an­ge­stell­ten bei einer nach­fol­gen­den Unter­schrift­s­prü­fung – schon dar­aus, dass die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ein­ge­hal­ten wor­den wäre, wenn der Anwalt die recht­zei­tig per Tele­fax an das Beru­fungs­ge­richt über­mit­tel­te Beru­fungs­be­grün­dung (und nicht die Anla­ge) unter­schrie­ben hät­te.

Das den Klä­gern zuzu­rech­nen­de Anwalts­ver­schul­den steht der bean­trag­ten Wie­der­ein­set­zung ent­ge­gen, obwohl das Kanz­lei­per­so­nal all­ge­mein ange­wie­sen war, aus­ge­hen­de Schrift­sät­ze dar­auf zu kon­trol­lie­ren, ob sie unter­schrie­ben wor­den sind.

Rich­tig ist zwar, dass nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ein Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten die Gewäh­rung der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht aus­schließt, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te im Rah­men sei­ner Büro­or­ga­ni­sa­ti­on durch eine Anwei­sung an sei­ne Ange­stell­ten dafür Vor­sor­ge getrof­fen hat­te, dass bei nor­ma­lem Ver­lauf der Din­ge die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist – trotz sei­nes Ver­se­hens – mit Sicher­heit gewahrt wor­den wäre 4. Ob in die­sen Fäl­len die Wie­der­ein­set­zung des­halb zu gewäh­ren ist, weil nicht mehr das frü­he­re Anwalts­ver­schul­den als für die Ver­säu­mung der Frist ursäch­lich anzu­se­hen ist, son­dern das spä­te­re von der Par­tei nicht ver­schul­de­te Ereig­nis, wel­ches sich der Frist­wah­rung ent­ge­gen­ge­stellt hat 5, oder weil – wegen der Zuläs­sig­keit der Dele­ga­ti­on bestimm­te Kon­troll­maß­nah­men auf das Büro­per­so­nal – eine wer­ten­de Ein­schrän­kung bei der Zurech­nung des Anwalts­ver­schul­dens gebo­ten ist 6, ist im Ergeb­nis uner­heb­lich.

Hier fehlt es jedoch an den Vor­aus­set­zun­gen dafür, unter denen ein Anwalts­ver­schul­den bei der Unter­schrifts­leis­tung wegen eines nach­fol­gen­den Ver­sto­ßes gegen eine all­ge­mei­ne Kanz­lei­an­wei­sung zur Unter­schrif­ten­kon­trol­le als für die ver­säum­te Frist uner­heb­lich anzu­se­hen ist.

Das kommt nur bei einer sol­chen Anord­nung in Betracht, deren Ein­hal­tung durch das Büro­per­so­nal die Frist mit Sicher­heit gewahrt hät­te 7. Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand kann dem­ge­gen­über nicht gewährt wer­den, wenn trotz Befol­gung der für die Unter­schrif­ten­kon­trol­le bestehen­den Anwei­sun­gen die Frist wegen Ver­schul­dens des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten gleich­wohl ver­säumt wur­de. Ist die Anord­nung nicht geeig­net, den kon­kre­ten Feh­ler des Rechts­an­walts (hier die Unter­zeich­nung des fal­schen Schrift­stücks) bei einem nor­ma­len Ver­lauf der Din­ge auf­zu­fan­gen, ist das Anwalts­ver­schul­den bei der Unter­schrifts­leis­tung als für die ver­säum­te Frist ursäch­lich anzu­se­hen und bei einer wer­ten­den Betrach­tung wei­ter­hin dem Anwalt und nicht (allein) dem Büro­per­so­nal zuzu­rech­nen.

So ist es hier, weil die in der Kanz­lei der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ger bestehen­de Anord­nung nur das Feh­len einer Unter­schrift, jedoch nicht Feh­ler bei der Unter­schrifts­leis­tung auf­zu­fan­gen ver­mag. Nach der mit dem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag vor­ge­leg­ten all­ge­mei­nen Anwei­sung für die Ver­sen­dung von Frist­sa­chen per Tele­fax ist nach der Ver­sen­dung von dem Per­so­nal die Rich­tig­keit der gewähl­ten Ruf­num­mer, die Zahl der über­mit­tel­ten Sei­ten und das Vor­han­den­sein einer Unter­schrift zu prü­fen.

Eine der­ar­ti­ge Anord­nung ver­mag zwar zu gewähr­leis­ten, dass eine – ohne Unter­schrift des Anwalts – ver­sen­de­te Frist­sa­che dem Anwalt sogleich zur Unter­schrift vor­ge­legt und dadurch der Feh­ler nach­träg­lich, aber noch recht­zei­tig durch Unter­schrei­ben und noch­ma­li­ge Ver­sen­dung beho­ben wird.

Die Anwei­sung ist aber nicht dazu geeig­net, den hier ent­schei­den­den Feh­ler des Rechts­an­walts, näm­lich die Unter­zeich­nung des fal­schen Schrift­stücks, auf­zu­fan­gen. Das Beru­fungs­ge­richt stellt zutref­fend fest, dass das Kanz­lei­per­so­nal die ange­ord­ne­te Aus­gangs­kon­trol­le nicht unter­las­sen, son­dern vor­ge­nom­men hat.

Nach der Anwei­sung hat das Kanz­lei­per­so­nal das Vor­han­den­sein einer Unter­schrift zu prü­fen. Die­se Kon­trol­le ist vor­ge­nom­men wor­den. Nach der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Büro­vor­ste­he­rin hat sie das Vor­han­den­sein der Unter­schrift geprüft, dabei die Unter­schrift des Anwalts auf der letz­ten Sei­te des ver­sen­de­ten Schrei­bens vor­ge­fun­den und danach ihr – die Erle­di­gung ver­mer­ken­des – Hand­zei­chen auf den Sen­de­be­richt gesetzt.

Dass der Büro­vor­ste­he­rin inso­fern das­sel­be Ver­se­hen wie dem Rechts­an­walt bei der Unter­schrift­leis­tung unter­lau­fen ist, als auch sie nicht bemerkt hat, dass die letz­te Sei­te des über­mit­tel­ten Vor­gangs nicht zugleich die letz­te von dem Rechts­an­walt zu unter­schrei­ben­de Sei­te der Beru­fungs­be­grün­dung war, stellt kei­nen Ver­stoß gegen die vor­ge­leg­te Anord­nung dar. Danach hat das Büro­per­so­nal im Rah­men der Aus­gangs­kon­trol­le nach der Ver­sen­dung von Frist­sa­chen per Tele­fax sich zu ver­ge­wis­sern, dass bestimm­te For­ma­li­en (Ruf­num­mer, Zahl der ver­sen­de­ten Sei­ten und das Vor­han­den­sein der Unter­schrift) ein­ge­hal­ten sind, aber nicht den Inhalt der ver­sen­de­ten Schrift­stü­cke im Ein­zel­nen durch­zu­se­hen und dabei zu prü­fen, ob der Rechts­an­walt auch die rich­ti­gen Schrift­stü­cke unter­schrie­ben hat. Die­se Über­prü­fung konn­te der Anwalt auch nicht sei­nem Per­so­nal über­las­sen, son­dern sie ist von ihm selbst vor­zu­neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Okto­ber 2011 – LwZB 2/​11

  1. BGH, Urteil vom 20.11.1986 – III ZR 18/​86, NJW 1987, 957; Beschluss vom 19.02.2009 – V ZB 168/​08, Rn. 10[]
  2. BAG, NJW 1966, 799[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 25.05.1979 – I ZB 3/​79, VersR 1979, 823[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 12.12.1984 – IVb ZB 103/​84, NJW 1985, 1226; vom 06.12.1995 – VIII ZR 12/​95, NJW 1996, 998, 999; vom 15.02.2006 – XII ZB 215/​05, NJW 2006, 1205, 1206 Rn. 11[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 29.05.1974 – IV ZB 8/​74, VersR 1974, 1001 und vom 06.12.1995 – VIII ZR 12/​95, NJW 1996, 998, 999[]
  6. so Ost­ler, NJW 1967, 2300, 2301; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 22. Aufl., § 233 Rn. 30; Wieczorek/​Schütze/​Gerken, ZPO, 3. Aufl., § 233 Rn. 22[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 18.04.2000 – XI ZB 1/​00, NJW 2000, 2511, 2512[]