Feh­ler­haf­te Vor­schuss­an­for­de­run­gen für ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten – und die Besorg­nis der Befan­gen­heit

Gemäß § 46 Abs. 2 ZPO kann ein Rich­ter wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit abge­lehnt wer­den, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen sei­ne Unpar­tei­lich­keit zu recht­fer­ti­gen. Ver­fah­rens­ver­stö­ße im Rah­men der Pro­zess­lei­tung oder feh­ler­haf­te Ent­schei­dun­gen sind grund­sätz­lich kein Ableh­nungs­grund 1.

Feh­ler­haf­te Vor­schuss­an­for­de­run­gen für ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten – und die Besorg­nis der Befan­gen­heit

Die Besorg­nis der Befan­gen­heit ist anzu­neh­men, wenn Umstän­de vor­lie­gen, die berech­tig­te Zwei­fel an der Unpar­tei­lich­keit und Unab­hän­gig­keit des Rich­ters auf­kom­men las­sen. Dabei kön­nen nur Grün­de berück­sich­tigt wer­den, die vom Stand­punkt des Ableh­nen­den bei ver­nünf­ti­ger Betrach­tung die Befürch­tung wecken kön­nen, der Rich­ter ste­he der Sache nicht unvor­ein­ge­nom­men und damit par­tei­isch gegen­über 2. Dies ist dann der Fall, wenn das pro­zes­sua­le Vor­ge­hen des Rich­ters einer aus­rei­chen­den gesetz­li­chen Grund­la­ge ent­behrt und sich so sehr von dem nor­ma­ler­wei­se geüb­ten Ver­fah­ren ent­fernt, dass sich dar­aus für den betrof­fe­nen Betei­lig­ten der Ein­druck einer sach­wid­ri­gen, auf Vor­ein­ge­nom­men­heit beru­hen­den Benach­tei­li­gung auf­drängt 3.

Die unbe­rech­tig­ter­wei­se von der Ein­zah­lung eines Kos­ten­vor­schus­ses durch die Antrag­stel­le­rin abhän­gig gemach­te Ein­ho­lung des Gut­ach­tens erweckt für die Antrag­stel­le­rin nach­voll­zieh­bar den Ein­druck einer sach­wid­ri­gen und auf Vor­ein­ge­nom­men­heit beru­hen­den Benach­tei­li­gung. Durch die Anord­nung eines gesetz­lich nicht vor­ge­se­he­nen Kos­ten­vor­schus­ses wird der Antrag­stel­le­rin die Rechts­ver­fol­gung in nicht zumut­ba­rer Wei­se erschwert. Auf­grund des Behar­ren auf einen ohne recht­li­che Grund­la­ge gefor­der­ten Aus­la­gen­vor­schuss durch die Rich­te­rin ist auch bei ver­nünf­ti­ger Betrach­tung nach­voll­zieh­bar, dass aus Sicht der Antrag­stel­le­rin der Ein­druck ent­steht, die Rich­te­rin wol­le sie durch die getrof­fe­ne Ent­schei­dung pro­zess­öko­no­misch unter Druck set­zen.

Eben­so war im vor­lie­gen­den Fall nicht erkenn­bar, dass die Rich­te­rin sich mit dem Vor­trag der Antrag­stel­le­rin zur Fra­ge der Bil­lig­keit einer hälf­ti­gen Vor­schuss­ver­pflich­tung bei­der Betei­lig­ten tat­säch­lich aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Weder im Beschluss noch in ihrer dienst­li­chen Stel­lung­nah­me ist sie auf die­sen Vor­trag ein­ge­gan­gen. Dies wäre aber gebo­ten gewe­sen.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 20. Juni 2016 – 16 WF 99/​16

  1. Voll­kom­mer in Zöl­ler, ZPO, 31. Auf­la­ge, § 42 ZPO Rz. 28[]
  2. BGH NJW-RR 2007, 776 Rz. 7[]
  3. vgl. Voll­kom­mer in Zöl­ler, ZPO, 31. Auf­la­ge, § 42 ZPO Rz. 24[]