Fens­ter­si­che­rung in der Psych­ia­trie

Der Trä­ger einer Städ­ti­schen Kli­nik ist nicht ver­pflich­tet, sämt­li­che Fens­ter einer geschlos­se­nen psych­ia­tri­schen Sta­ti­on der Kli­nik so aus­zu­stat­ten, dass sie auch unter Ein­satz von Kör­per­kraft nicht so geöff­net wer­den kön­nen, dass ein Pati­ent hin­aus­stei­gen oder ‑sprin­gen kann.

Fens­ter­si­che­rung in der Psych­ia­trie

Der Trä­ger eines psych­ia­tri­schen Kran­ken­hau­ses ist ver­pflich­tet, die auf­ge­nom­me­nen Pati­en­ten auch vor Selbst­schä­di­gun­gen zu bewah­ren, die ihnen durch Sui­zid­ver­su­che dro­hen kön­nen 1. Die­se Pflicht besteht nur in den Gren­zen des Erfor­der­li­chen und des für das Kran­ken­haus­per­so­nal und den Pati­en­ten Zumut­ba­ren 2.

Ein Sui­zid wäh­rend des Auf­ent­halts in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus kann nie­mals mit abso­lu­ter Sicher­heit ver­mie­den wer­den, gleich, ob die Behand­lung auf einer offe­nen oder einer geschlos­se­nen Sta­ti­on durch­ge­führt wird. Eine lücken­lo­se Siche­rung, die jede noch so fern­lie­gen­de Gefah­ren­quel­le aus­schal­ten könn­te, erscheint nicht denk­bar. Zudem sind stets die Erfor­der­nis­se der Medi­zin zu beach­ten, die nach moder­ner Auf­fas­sung gera­de bei psy­chisch Kran­ken eine ver­trau­ens­vol­le Bezie­hung und Zusam­men­ar­beit zwi­schen Pati­ent und Arzt sowie Kran­ken­haus­per­so­nal auch aus the­ra­peu­ti­schen Grün­den als ange­zeigt erschei­nen las­sen. Ent­wür­di­gen­de Über­wa­chungs- und Siche­rungs­maß­nah­men, soweit sie über­haupt zuläs­sig sind, kön­nen eine Erfolg ver­spre­chen­de The­ra­pie gefähr­den. Das Sicher­heits­ge­bot ist abzu­wä­gen gegen Gesichts­punk­te der The­ra­pie­ge­fähr­dung durch all­zu strik­te Ver­wah­rung 3.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist eine Pflicht zur Aus­stat­tung nicht nur eini­ger bestimm­ter, son­dern sämt­li­cher Räu­me einer geschlos­se­nen psych­ia­tri­schen Sta­ti­on mit Fens­tern, die auch unter Ein­satz von Kör­per­kraft von einem Pati­en­ten nicht dazu benutzt wer­den kön­nen, hin­aus­zu­stei­gen oder zu sprin­gen, nur dann zu beja­hen, wenn auch die­se Maß­nah­me zum Schutz der Pati­en­ten vor Selbst­schä­di­gun­gen erfor­der­lich ist. Letz­te­res ist indes zu ver­nei­nen:

Nicht alle Pati­en­ten einer geschlos­se­nen psych­ia­tri­schen Sta­ti­on sind sui­zid­ge­fähr­det. Viel­mehr wer­den dort auch Pati­en­ten unter­ge­bracht, bei denen auf­grund des Krank­heits­bil­des und des The­ra­pie­ver­laufs eine Eigen­ge­fähr­dung nach mensch­li­chem und fach­li­chem Ermes­sen aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Sie kön­nen in nor­ma­len Pati­en­ten­zim­mern unter­ge­bracht wer­den, die einer beson­de­ren Siche­rung gegen selbst­ge­fähr­den­de Maß­nah­men nicht bedür­fen. In die­sen Zim­mern dür­fen durch­aus Fens­ter instal­liert sein, die geöff­net oder gekippt wer­den kön­nen. Die Ver­wen­dung eines "über­haupt nicht zu öff­nen­den" Fens­ters ist unter psych­ia­trisch­fach­me­di­zi­ni­schen Grün­den nicht erfor­der­lich.

Eine Aus­stat­tung auch der nor­ma­len Pati­en­ten­zim­mer mit nicht zu öff­nen­den Fens­tern der von der Revi­si­on gefor­der­ten Art wäre nur dann zum Schutz von – dort nicht unter­zu­brin­gen­den – sui­zid­ge­fähr­de­ten Pati­en­ten erfor­der­lich, wenn nicht durch ande­re Maß­nah­men ver­hin­dert wer­den könn­te, dass auch sie in die betref­fen­den Zim­mer gelan­gen kön­nen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Viel­mehr kann grund­sätz­lich auch durch bau­li­che Maß­nah­men oder das per­so­nel­le Sicher­heits­kon­zept der Sta­ti­on (Über­wa­chung und Beglei­tung der sui­zid­ge­fähr­de­ten Pati­en­ten) aus­ge­schlos­sen wer­den, dass sui­zid­ge­fähr­de­te Pati­en­ten in Zim­mer mit (teil­wei­se) zu öff­nen­den Fens­tern gelan­gen 4. Im Mit­tel­punkt der in Bezug auf eigen­ge­fähr­de­te Pati­en­ten bestehen­den Schutz­pflicht steht daher vor­lie­gend nicht die Fra­ge der Aus­stat­tung des Fens­ters des Pati­en­ten­zim­mers, aus dem der Klä­ger gesprun­gen ist, son­dern die Fra­ge, in wel­chen Räu­men wel­che Pati­en­ten unter wel­chen Bedin­gun­gen behan­delt und beob­ach­tet wer­den. Inso­fern sind etwa an die Aus­stat­tung eines Schutz- und Beru­hi­gungs­raums, in dem typi­scher Wei­se auch und gera­de hoch­gra­dig erreg­te sui­zid­ge­fähr­de­te Pati­en­ten unter­ge­bracht wer­den, ande­re Anfor­de­run­gen zu stel­len als an nor­ma­le Pati­en­ten­zim­mer, in denen nicht sui­zid­ge­fähr­de­te Pati­en­ten unter­ge­bracht wer­den und zu denen sui­zid­ge­fähr­de­te Pati­en­ten kei­nen Zugang haben 5.

Die zuguns­ten des Pati­en­ten bestehen­de kon­kre­te Schutz­pflicht besteht damit nicht dar­in, sämt­li­che Räu­me der geschlos­se­nen psych­ia­tri­schen Sta­ti­on mit nicht zu öff­nen­den Fens­tern aus­zu­stat­ten, son­dern – sei­tens des Per­so­nals der Sta­ti­on – den Pati­en­ten bei erkann­ter oder erkenn­ba­rer Sui­zid­ab­sicht nicht in einem nor­ma­len Pati­en­ten­zim­mer mit zu öff­nen­den oder kipp­ba­ren Fens­tern unter­zu­brin­gen und ihm auch kei­nen Zugang zu einem sol­chen Zim­mer zu ermög­li­chen. Ohne kon­kre­te Anhalts­punk­te einer Selbst­ge­fähr­dung bestand hin­ge­gen kei­ne Pflicht zur Siche­rung gegen einen – unvor­her­seh­ba­ren – Selbst­mord­ver­such 6.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist nicht fest­ge­stellt, dass eine Sui­zid­ab­sicht des Klä­gers für das Per­so­nal der psych­ia­tri­schen Sta­ti­on erkenn­bar war. Viel­mehr war der beim Klä­ger ein­ge­tre­te­ne rap­tus­ar­ti­ge Zustand, der zu sei­nem Sui­zid­ver­such geführt hat, prin­zi­pi­ell nicht vor­her­seh­bar.

Die Ent­schei­dung des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg vom 14.02.2003 7 gibt kei­ne Ver­an­las­sung zu einer ande­ren Sicht­wei­se. Der dort zugrun­de lie­gen­de Sach­ver­halt betraf den Sui­zid­ver­such eines Pati­en­ten, des­sen aku­te Eigen­ge­fähr­dung dem Per­so­nal der geschlos­se­nen psych­ia­tri­schen Abtei­lung bekannt und der den­noch in einem Zim­mer unter­ge­bracht wor­den war, des­sen Fens­ter in Kipp­stel­lung zu brin­gen war. Damit unter­schei­det er sich in einem wesent­li­chen Punkt von dem vor­lie­gen­den Sach­ver­halt, der einen Pati­en­ten betrifft, des­sen Sui­zid­ge­fähr­dung nicht erkenn­bar war.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 31. Okto­ber 2013 – III ZR 388/​12

  1. BGH, Urteil vom 23.09.1993 – III ZR 107/​92, NJW 1994, 794; BGH, Urteil vom 20.06.2000 – VI ZR 377/​99, NJW 2000, 3425; Staudinger/​Hager, BGB, § 823 Rn. I 38 [2009] mwN; Palandt/​Sprau, BGB, 72. Aufl., § 823 Rn. 149 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 23.09.1993 aaO S. 795; Staudinger/​Hager aaO[]
  3. BGH aaO mwN; BGH, Urteil vom 20.06.2000 aaO; OLG Zwei­brü­cken, NJW-RR 2010, 1246, 1248; Staudinger/​Hager aaO[]
  4. zur per­so­nel­len Über­wa­chung vgl. OLG Zwei­brü­cken aaO[]
  5. zur Aus­stat­tung eines Beru­hi­gungs­raums eine Lan­des­kran­ken­hau­ses mit genü­gend siche­ren Fens­tern vgl. BGH, Beschluss vom 09.04.1987 – III ZR 171/​86, BGHR BGB § 839 Drit­ter 8 – man­gel­haf­te Fens­ter in Heil­an­stalt; Staudinger/​Hager aaO; zur Aus­stat­tung von Fens­tern in einem Wach­saal vgl. BayO­bLG, VersR 1980, 872[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 20.06.2000 aaO; Staudinger/​Hager aaO mwN[]
  7. OLG Ham­burg, OLGR 2003, 267[]